Das Drehbuch der Politik ist stets dasselbe: Halte die Zinsen niedrig genug, um die Schuldenlast bedienen zu können. Gib vor, einen glaubwürdigen Plan zu haben, schinde aber letztendlich einfach mehr Zeit. Das niedrige Inflationsrisiko (Deflation) wirkt sich auf das relative Risiko aus, da Deflation einer hohen Steuer auf Schulden entspricht.

Mads Koefoed, führender Volkswirtschaftler der Saxo Bank, hat für 2014 das Wachstum der USA mit circa 2 Prozent abgeschätzt. Damit hat die USA das sechste Jahr in Folge – ja, das sechste – ein Wachstum von 2 Prozent. Trotz gesunkener Arbeitslosigkeit, trotz eines Rekordhochs beim S&P 500, tut sich die US-Wirtschaft schwer damit, mehr als 2 Prozent Wachstum zu erzielen.

Es ist schwierig, all das Reden über höhere Zinsen ernst nehmen zu können, wenn das US-Wachstum feststeckt und das weltweite Wachstum deutlich geringer ausfällt als im Januar oder selbst noch im Juli erwartet worden ist. Viele scheinen vergessen zu haben, dass auch die USA ein Teil der Weltwirtschaft sind.

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Wie in der Sowjetunion: Staatskapitalismus ist an der Tagesordnung

Das vierte Quartal ist politisch immer das interessanteste. Die Länder müssen ihre neuen Haushaltspläne unter Dach und Fach bringen. EU, IWF und Weltbank müssen tun, als wären sie mit den schwächeren Zahlen (das heisst mit dem grösseren Defizit) einverstanden.

Man kann sich wunderbar in Selbstverleugnung üben, wenn man beobachtet, wie Regierungen, EU und andere Entscheidungsträger das Unannehmbare für ihre internen Berichte verdaulich gestalten. «Mehr Zeit» ist immer oberste Priorität, gefolgt von einer erneuten Verschiebung des zukunftsorientierten Wachstums in die immer fernere Zukunft, damit der Haushaltsplan passt.

In der Privatwirtschaft würde einen ein solches Verhalten den Job kosten, doch im Wirtschaftsmodell des Jahres 2014, das eher an die Sowjetunion als an marktorientierte Volkswirtschaften erinnert, steht es regelmässig auf der Tagesordnung.

Am Rand der Depression

Aber alles wäre noch schlimmer, wenn wir es nicht so machen würden, oder? Vielleicht. Die Zeit hat uns eingeholt. Es grassiert negative Produktivität, Kapitalflucht, und das Versagen eines Systems, das auf den Schutz der Elite baut. Frankreich sinkt gerade von der Rezession in die Depression. China bewegt sich von Ablehnung hin zu einer Politik der Veränderung. Russlands Zukunft sieht so trostlos aus wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr.

Währenddessen bleiben die USA weiter bei ihren unveränderten 2,0 Prozent Wachstum. Investoren und Experten scheinen vergessen zu haben, dass man uns für 2014 das Ende dieser Krise versprochen hat. Stattdessen bewegen wir uns mit grosser Geschwindigkeit auf einen Wendepunkt zu, nach dem die Schulden noch schwerer zu bedienen sein werden, weil die Augen-zu-und-durch-Strategie zu einer Depression bei Investitionen und Verbrauchern geführt hat.

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Die Verschuldung des staatlichen Sektors in Europa steigt weiter. Die EU steht vor einem grösseren systemimmanenten Risiko als zu Beginn der Krise. Bei einem Nullwachstum, oder nach Mads Ansicht bei einem 0,6 prozentigen Wachstum mit Pfeil nach unten, bleibt die Verschuldung im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt hoch. Aber entscheidend ist, dass das Liebäugeln mit einer Deflation den Schuldendienst noch weiter verteuern wird. Der Albtraum für die EZB und für den Rest der Welt ist die Deflation, da sie eine Steuer für Kreditnehmer bedeutet und ein Luxusleben für Nettosparer. Wir stehen zurzeit vor genau dieser Deflation, von der jeder behauptet hat, es würde sie nicht geben, als die Aussichten für das erste Quartal veröffentlicht worden sind.

Kein Wachstum, sondern Kapitalverbrauch

Die zwei grössten Gefahren oder Zeitbomben liegen in der Tatsache, dass der Schuldendienst selbst bei unverändert niedrigen Zinsen einen immer grösser werdenden Posten bei den Haushaltsausgaben darstellt. In China macht der Schuldendienst 10 Prozent des Bruttoinlandproduktes aus, während der Schuldendienst insgesamt (einschliesslich fällig werdender Schulden und Umschuldungen) bei 39 Prozent des BIP liegt.

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Der Schuldendienst der USA, gemessen am Verhältnis zwischen Ausgaben und Zinsen, lag 2013 bei 6,23 Prozent. Der Wert ist relativ niedrig, aber natürlich nur, weil das FOMC, der Offenmarktausschuss der US-amerikanischen Notenbank, die Zinsen auf null gesenkt hat. Die Zahl lügt: 6,23 Prozent des Bruttoinlandproduktes bei 2,5 Prozent Zinsen und 2,0 Prozent Wachstum zu bedienen, ist viel schwieriger als 10 Prozent bei 3,5 Prozent Wachstum und 3,0 Prozent Inflation.

All dies führt zu einem Minsky-Effekt – zu einem Punkt bei der Schuldeninflation, an dem «das durch Vermögenswerte erzeugte Geld nicht ausreicht, um die Schulden bezahlen zu können, die zur Anschaffung der Vermögenswerte aufgenommen worden sind.» Die Produktivität der USA lag letztes Jahr bei 0,36 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Das reale Wachstum lag bei 2,0 Prozent – alles, was nicht Produktivität ist, ist Kapitalverbrauch – oder mit anderen Worten: Man muss Folgendes verstehen: 75 Prozent Schulden und 25 Prozent Produktivität sind die einzigen Methoden für die Volkswirtschaften, zurzeit zu wachsen.

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Seit den 1970er-Jahren ist die Produktivität der USA auf 81 Prozent gefallen – die Entwicklung hin zum Internet hat uns ironischerweise zu grösseren Konsumenten und weniger produktiv gemacht. Hätten wir heute noch die Produktivität, wie es sie vor 1970 gegeben hat, wäre das Bruttoinlandprodukt der USA um 55 Prozent höher, und die Schulden wären im Verhältnis zum BIP leicht finanzierbar.

Produktivität bricht zusammen 

Ich bin gerade von einer Geschäftsreise aus Singapur zurückgekehrt – Singapur hat für mich von allen das vernünftigste Geschäftsmodell. Sein Gründer Lee Kuan Yew ist einer der grössten Staatsmänner der Geschichte. Zurzeit bricht in Singapur die Produktivität zusammen. Singapur ist, wie wir, auf dem Weg, zum Monaco der Welt zu werden. Zu einer künstlichen Gesellschaft, die auf Konsum basiert und nicht auf Produktivität und Wachstum.

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Die Welt ist alt geworden, nicht nur in einem demografischen Sinn, sondern auch als Lösung zu einem Modell, das in Wirklichkeit ein Schneeballprinzip ist, bei dem uns nur die Hoffnung bleibt. Hoffnung gehört in die Kirche und nicht in die Wirtschaft.

Steen Jakobsen, Chefökonom Saxo Bank