Ganz im Einklang mit den für diese Jahreszeit zu milden Temperaturen scheinen sich in Europa zaghafte Frühlingsgefühle zu entwickeln. Nach langem Hin und Her und etlichen Verzögerungen kehren die Vertreter der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) zurück nach Athen, um die Überprüfung des laufenden Hilfsprogramms abzuschliessen.

Irland hat den Euro-Rettungsschirm bereits verlassen, und Portugal ist zuversichtlich, dies bald tun zu können. Mit der jüngsten erfolgreichen Emission einer zehnjährigen Anleihe ist der Finanzbedarf für das laufende Jahr bereits gedeckt. Auch Spanien und Italien können sich deutlich günstiger refinanzieren als noch vor wenigen Monaten. Die langfristigen Renditen für Staatsanleihen der beiden grossen südeuropäischen Länder sind mittlerweile tiefer als vor der Finanzkrise, und die Ratingagentur Moody's hat vor wenigen Tagen den Ausblick für Italien von negativ auf stabil hochgestuft.

Übergangsjahr für die Euro-Zone

Auch wenn der Weg noch lang ist, so deutet doch einiges darauf hin, dass die wirtschaftliche Erholung in der Euro-Zone weiter anhält. In der OECD-Rangliste der Staaten mit der grössten Reformbereitschaft liegen Griechenland, Spanien, Irland und Portugal an der Spitze.

Der fiskalische Gegenwind durch sinkende Staatsausgaben und steigende Steuern wird im laufenden Jahr geringer ausfallen. Unternehmer blicken wieder zuversichtlicher in die Zukunft, und auch die Konsumenten zeigen sich etwas optimistischer.

Die grössten Risiken für die weitere Erholung in Europa drohen vonseiten der Politik. Die Reformen, welche den Krisenstaaten aufgebürdet wurden, führen zunächst zu einem massiven Leidensdruck der Bevölkerung. Erfolge zeigen sich erst längerfristig. Die weiterhin rekordhohe Arbeitslosigkeit insbesondere in Südeuropa ist kein Beleg für das Scheitern der Reformpolitik. Wirkungen brauchen Zeit.

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2014 wird ein wichtiges Übergangsjahr für die Euro-Zone. Zunehmende Euro-Skepsis und erlahmender Reformeifer bedrohen die zaghafte Erholung in der Euro-Zone. Halten die angeschlagenen Staaten aber den Reformdruck aufrecht, stehen die Chancen gut, dass die Sorgenkinder von heute die Erfolgsmeldungen von morgen sind.

Negative Realzinsen in Deutschland

Die Situation auf dem alten Kontinent hat sich spürbar beruhigt, seit EZB-Präsident Mario Draghi im Sommer 2012 den möglichen Ankauf von Staatsanleihen angekündigt hat. Nachdem sich das deutsche Verfassungsgericht in dieser Frage kürzlich selbst aus dem Rennen genommen hat, ist ein weiteres mögliches Hindernis für umfassende Anleihenkäufe aus dem Weg geräumt worden. Das Verfassungsgericht hält das angekündigte Staatsanleihenprogramm zwar für widerrechtlich, überlässt die letzte Entscheidung aber dem Europäischen Gerichtshof. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dieser die Anleihenkäufe verbieten wird. Damit ist ein weiterer Schritt zur Vergemeinschaftung der Staatsschulden innerhalb der Euro-Zone vollzogen.

Die Käufer deutscher Staatsanleihen lassen sich davon bisher kaum beeindrucken. Die Zinsen in Deutschland verharren auf historisch tiefem Niveau. Für eine Investition in zehnjährige deutsche Staatsanleihen erhalten die Anleger etwa 1,6 Prozent Rendite – dies bei einer Inflationsrate von aktuell 1,3 Prozent. Bis zu einer Laufzeit von acht Jahren sind die realen Renditen (also nach Abzug der Teuerung) negativ. Anleger, welche zu diesen Preisen deutsche Staatsanleihen kaufen, müssen also mit einem realen Verlust rechnen. Vermeintlich sichere deutsche Staatsanleihen bergen mehr Risiken, als viele Marktteilnehmer wahrhaben wollen – sei es, weil mit dem Aufschwung in Europa auch die Zinsen steigen, oder weil Deutschlands Lasten im Rahmen der Schuldenvergemeinschaftung weiter zunehmen werden. Teure Wahlgeschenke und höhere Staatsausgaben durch die Grosse Koalition rechtfertigen ebenfalls nicht das sehr tiefe Zinsniveau in Deutschland.

Thomas Liebi ist Chefökonom von Swisscanto, Zürich.