Darauf hatten Anleger viele Monate lang gewartet: Nachdem US-Präsident Donald Trump Mitte April seine Steuerpläne für US-Firmen bekanntgab, schossen die Aktien im Dow Jones innert weniger Tage um 600 Punkte nach oben. Das war ein schnelles Plus von drei Prozent. 

Immerhin hat Trump einen grossen Wurf vor. Der Staatschef will die Steuern für Unternehmen in den USA von 35 auf 15 Prozent senken und damit rein theoretisch mehr als halbieren. Weniger Steuern bedeuten mehr Gewinn für die Aktionäre. Und bei gleichbleibender KGV-Bewertung einer Aktie steigt dann auch der Kurs. 

Kursanstieg auf 28'000 Punkte im Dow Jones

Da bekommen Anleger leuchtende Augen. Rein rechnerisch würde bei so einer Steuersenkung folgendes passieren: Bleiben jetzt von 100 Dollar Gewinn vor Steuern 65 Dollar für die Aktionäre, so wären es nach der Steuerreform 85 Dollar. Das würde bedeuten das Ergebnis je Aktie könnte um 30 Prozent steigen. Querbeet durch alle US-Indizes. 

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Bei gleicher Bewertung könnte der Dow Jones dann von aktuell 21'400 auf 28'000 Punkte klettern und der breite S&P 500 hätte Potential von derzeit rund 2400 auf dann 3200 Punkte - das bei gleich bleibender Bewertung.

Zweistellige Effekte aus latenten Steuern

Damit aber nicht genug. Denn viele Firmen haben in ihren Bilanzen latente Steuerverpflichtungen. Damit verbunden wären eigentlich in Zukunft höhere Steuerzahlungen an den Fiskus. Sinkt aber die Steuerquote, würde diese künftige Zahllast der betroffenen Unternehmen ebenfalls zurückgehen. Bei einem Rückgang der Steuerquote von 35 auf 15 Prozent wäre das ein einmaliger Entlastungseffekt von rund 57 Prozent auf die Bilanzposition «deferred tax liability». Und das können bei einzelnen Unternehmen viele Milliarden Dollar sein. Dazu später mehr.

Wer jetzt aber davon ausgeht, die Gewinne in US-Indizes wie Dow Jones oder S&P 500 würden wegen der erwarteten Steuerreform pauschal um 30 Prozent steigen, macht die Rechnung ohne den Wirt, also ohne die Unternehmen. Denn viele US-Companies haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten ihre Besteuerung optimiert und Firmenteile in steuerlich günstigere Länder verlegt. 

Anleger müssen genau hinsehen

So hatte beispielsweise der für seine Steuervermeidungsstrategien bekannte iPhone-Gigant Apple im vergangenen Jahr nur eine effektive Steuerquote von 25,6 Prozent. Eine Trumpsche Steuerreform hätte dann beim nach Börsenwert grössten Unternehmen der Welt einen vergleichsweise geringen Effekt, rein rechnerisch von nur knapp 15 Prozent. Das wäre nur in etwa die Hälfte der bei normalem Steuersatz üblichen Entlastung. 

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Das zeigt: Mögliche Steuerentlastungen und damit verbunden höhere Gewinne sowie wahrscheinlich grössere Kurssteigerungen ziehen sich im Falle einer Steuersenkungen ziemlich sicher nicht quer Beet durch den Kurszettel. Anleger suchen stattdessen Firmen, die derzeit und nachhaltig vergleichsweise hohe Steuerquoten ausweisen. Denn dann dürften Entlastungseffekt und Kursgewinn wahrscheinlich am grössten sein.

US-Telecoms zählen zu den Favoriten

Techwerte zählen da nicht zu den Favoriten. Denn die im S&P 500 notierten Branchenvertreter aus den USA zahlen im Durchschnitt nur Steuern in Höhe von rund 20 Prozent. Auch Energietitel werden steuerlich nicht sonderlich stark belastet. 

Ein genauerer Blick in die Bilanzen der Unternehmen lohnt sich stattdessen viel mehr bei US-Telecoms. Bei den im S&P 500 gelisteten Mitgliedern des Sektors liegt der Steuersatz im Durchschnitt bei 35 Prozent und höher. Und auch bei Titeln aus den Sektoren Konsumgüter, Nahrung, Industrie und Finanzen ist mit vergleichsweise hohen steuerlichen Entlastungseffekten zu rechnen. Denn in diesen vier Branchen werden jeweils Steuerquoten im Bereich von 30 Prozent und mehr bezahlt. 

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Hohe Steuerentlastung bei AT&T, Hershey, Quanta und Aetna

Ein paar Beispiele. Der Telefonkonzern AT&T etwa zeigte 2016 eine Steuerquote von 32,7 Prozent und die Abgabenquote war dort auch in den letzten Jahren ähnlich hoch. Der Schokoladenhersteller Hershey hat sogar eine Steuerquote von 34,5 Prozent und diese war in den letzten Jahren teils sogar noch um einiges höher bis in den Bereich von über 40 Prozent. Baudienstleister Quanta Services hatte 2016 einen Steuersatz von 34,9 Prozent und Gesundheitsdienstleisters Aetna kommt auf 43,9 Prozent. Dort würde der Gewinn bei einem Steuersatz von 15 Prozent um rund 50 Prozent nach oben schnellen. 

Bei Unternehmen mit hohen latenten Steuerlasten sollten Anleger ebenfalls AT&T unter die Lupe nehmen. Der Telefonkonzern weist in seiner Bilanz immerhin latente Steuerverpflichtungen von 60,1 Milliarden Dollar aus. Eine Steuersenkung von 35 auf 15 Prozent hätte dort immerhin einen Gewinneffekt von rund 35 Milliarden Dollar. Das entspricht immerhin rund 15 Prozent des Börsenwerts. 

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Bei Warren Buffett und Berkshire bieten latente Steuern Fantasie

Ebenfalls hohe latente Steuerpflichten mit ähnlich starken zu erwartenden Gewinneffekten haben Warren Buffetts Berkshire Hathaway, Verizon oder Comcast. Kommt eine Entlastung wie von Trump gewünscht, könnten die Kurse dieser Aktien schlagartig um zehn Prozent und mehr steigen. Bei Berkshire etwa würden die vorhandenen latenten Steuerpflichten von 77,9 Milliarden Dollar per Ende 2016 bei einer Steuersenkung auf 15 Prozent eine Entlastung von rund 45 Milliarden Dollar bringen. Das entspricht knapp einem Viertel des Berkshire Börsenwerts. 

Ob und wann es die Steuersenkung aber gibt und wie sie dann konkret aussehen wird, ist noch unklar. Immerhin wurden Trumps politische Pläne seit seinem Amtsantritt im Januar schon mehrfach torpediert. Doch eine Steuersenkung scheint dennoch wahrscheinlich. Denn bereits vor einigen Jahren hat US-Senator Bernie Sanders – der Politiker kandidierte dann in der Vorwahl 2016 für die gegnerischen Demokraten – festgestellt und gefordert: Die Steuerbelastungen für US-Firmen sind zu hoch, wir brauchen eine Steuerreform. Da herrscht wohl parteiübergreifend Konsens. 

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