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Aufschwung
Was jetzt alles für europäische Aktien spricht

Was jetzt alles für europäische Aktien spricht
EZB-Präsident Draghi: Leitzins bleibt bei null Prozent. Keystone

Europäische Aktien holen gegenüber US-Titeln auf und können sie jetzt sogar abhängen. Doch drei Risiken gefährden den Lauf.

Von Robert Lind
2017-11-10

Politische Irritationen belasteten europäische Aktien im letzten Jahr – nun scheinen die politischen Risiken nachgelassen zu haben. Das Ergebnis der Bundestagswahlen ist kein wirklicher Grund zur Sorge, in Italien wird erst 2018 gewählt. Die Aktienmärkte profitieren allmählich vom raschen Rückgang dieser Risiken.

2017 ist der EuroStoxx 50 laut Bloomberg bereits um 7 Prozent gestiegen, gegenüber 9 Prozent Anstieg des amerikanischen S&P 500 Index. 2016 legte der EuroStoxx 50 weniger als 2 Prozent zu, der S&P 500 hingegen 10 Prozent. Investoren können sich so nun auf Fundamentaldaten konzentrieren.

Mehr Gewinn im Euroraum

Die Konjunktur hat sich erholt – sowohl Verbrauchervertrauen als auch Geschäftsklima haben Fortschritte gemacht, sodass der private Verbrauch und die Investitionen steigen. Endlich liegt das Wirtschaftswachstum im Euroraum wieder über seinem Langfristtrend, sodass sich die Output-Lücke schliesst; im ersten Halbjahr 2017 betrug das Wachstum annualisiert mehr als 2 Prozent (Eurostat, Bloomberg).

Frühindikatoren sprechen dafür, dass der Aufschwung anhält und sich die Euroraum-Wirtschaft breit erholt. Alle fünf grossen Volkswirtschaften vermelden Einkaufsmanagerindizes deutlich über 50 Punkten (Markit, Bloomberg).

Ende der Austeritätspolitik

Das steigende Wirtschaftswachstum im Euroraum hat viele Gründe. An erster Stelle ist die Erholung der Weltwirtschaft zu nennen, insbesondere die stärkere Konjunktur in den USA und China. Wichtig waren aber auch binnenwirtschaftliche Entwicklungen: Die Europäische Zentralbank (EZB) ist bei ihrer äusserst expansiven Geldpolitik geblieben, mit niedrigen Real- und Nominalzinsen.

Zur wachstumsfreundlichen Geldpolitik kommt hinzu, dass die Fiskalpolitik die Wirtschaft jetzt weniger stark dämpft. Die Austeritätspolitik nach der Krise – ein Fehler – geht zu Ende. In Deutschland, Frankreich und Italien wurde die Fiskalpolitik zuletzt sogar leicht expansiv.

Auch gibt es Anzeichen dafür, dass sich die Kreditnachfrage erholt; Haushalte und Unternehmen geben wieder Geld aus, und die Banken sind wieder stärker bereit, Kredite zu vergeben.

Potenzial für relative Gewinne

Nach einer langen Zeit der Mindererträge gibt es Potenzial für weitere relative Gewinne von Euroraum-Aktien. Investoren verlangten eine erhebliche politische Risikoprämie. Mit den jüngsten Kursgewinnen wurde den abnehmenden Risiken bislang aber nur teilweise Rechnung getragen.

Wenn die wirtschaftlichen Fundamentaldaten stabil bleiben, dürften Euroraum-Aktien gegenüber US-Aktien weiter aufholen. Bis jetzt hat sich die Erholung der europäischen Märkte vorwiegend auf Finanzwerte konzentriert. Aber auch andere Sektoren sind hinter dem Aufschwung zurückgeblieben, was zeigt, dass es noch immer politische Sorgen gibt und die Investoren an der Nachhaltigkeit des Aufschwungs zweifeln.

Drei Risiken

Bei einer stabileren Erholung könnte der Aufschwung an Breite gewinnen. Dennoch gibt es weiter drei klare Risiken: die Weltkonjunktur könnte wieder nachgeben, etwa aufgrund eines schwächeren Wachstums in den USA und/oder China. Zweitens sind geld- oder fiskalpolitische Fehler im Euroraum nicht auszuschliessen.

Drittens wäre auch ein politischer Schock im Euroraum denkbar. So könnte Emmanuel Macron mit heftigem Widerstand gegen seine Reformvorschläge konfrontiert werden. Verschlechtern könnte sich aber auch die politische Lage in Italien, mit neuen Problemen für die Partito Democratico – Italiens prekäre politische und wirtschaftliche Lage bleibt der entscheidende Schwachpunkt des Euroraums.

Robert Lind, Europa-Volkswirt Capital Group  *Robert Lind, Europa-Volkswirt bei Capital Group

 

 

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