Für Rohstoffanalysten sind die Publikationen des US Department of Agriculture (USDA) Pflichtlektüre. Das Washingtoner Landwirtschaftsministerium versorgt die Märkte nämlich mit einer Fülle an Informationen zum nationalen und internationalen Agrarmarkt. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei der World Agricultural Supply and Demand Estimates Report (WASDE). Einmal im Monat analysiert das USDA darin die Angebots- und Verbrauchssituation für zahlreiche Naturwaren. Aus dem Bericht lässt sich auch die sogenannte Stocks-to-Use-Ratio ableiten. Dieses Verhältnis der Lagerbestände gegenüber dem Verbrauch zählt bei Weizen & Co. zu den wichtigsten Indikatoren.

Seit einiger Zeit signalisiert der Report eine Entspannung der globalen Versorgungslage. Beispiel Mais: Für die Ernteperiode 2013/14 erwartet das USDA eine Stocks-to-Use-Ratio von 16,8 Prozent. Das bedeutet: Rund 1/6 des jährlichen Verbrauchs wird in Lagern vorgehalten. Damit bewegt sich die Kennzahl historisch betrachtet weiter auf einem tiefen Niveau. Allerdings sieht das Ministerium die Lager so gut gefüllt wie seit vier Jahren nicht mehr.

Agriculture-Index springt aus dem Abwärtstrend

Die Warenterminmärkte zeichnen jedoch ein anderes Bild. Seit dem Jahreswechsel hat sich der nächstfällige Kontrakt auf Mais um knapp 20 Prozent verteuert. Damit zählt das Süssgetreide zu den Top-Performern des gesamten Rohstoffuniversums. Auch Weizen und Sojabohnen verbuchten prozentual zweistellige Kursausschläge. Im Verbund mit einer sagenhaften Hausse bei Kaffee – die schwarze Bohne notiert 80 Prozent über dem Niveau von Ende 2013 – bescherten die Getreidesorten dem gesamten Agrarsegment ein sagenhaftes Comeback. Der diversifizierte Dow-Jones-UBS-Agriculture-Index gewann 2014 bis dato knapp 18 Prozent an Wert und konnte damit einen Mitte 2012 lancierten Abwärtstrend überwinden.

Anzeige

An der laufenden Rally zeigt sich einmal mehr, dass die nackten Fundamentaldaten hinsichtlich Angebot und Nachfrage allein nicht reichen, um Entwicklung und Perspektiven von Warennotierungen zu analysieren. In den vergangenen Monaten nahmen zwei weitere zentrale Parameter Einfluss. Da ist zum einen der Konflikt in der Ukraine. Das Land gilt als die Kornkammer Europas. Beispielsweise taxiert das USDA die Maisexporte der laufenden Saison auf 19 Millionen Tonnen. Damit wäre die Ukraine hinter den USA und Brasilien weltweit der drittgrösste Lieferant.

Ukraine und Wetter – Verknappung bei Agrarrohstoffen

Noch scheint der Konflikt keine grossen Auswirkungen auf die Ausfuhren zu haben. Im jüngsten Bericht schraubte das US-Ministerium die Prognose sogar leicht nach oben. Allerdings könnte sich das ändern. Zumal mit Russland ein weiterer wichtiger Getreideproduzent in den Konflikt verwickelt ist. Die Terminkurve für Mais impliziert jedenfalls eine Verknappung. Anfang Jahr notierte sie noch in einem klassischen Contango. Das heisst, je länger der Liefertermin in der Zukunft lag, desto höher war der Preis. Das ist normal. Die sukzessive steigenden Notierungen sind auf einkalkulierte Kosten für Lagerung und Versicherung des jeweiligen Rohstoffs zurückzuführen. Mittlerweile ist die Kurve gekippt und zeigt vor allem am langen Ende nach unten. Diese im Fachjargon Backwardation genannte Neigung – mit höheren Preisen bei früherer Fälligkeit – ist typisch für angespannte Marktphasen.

Die Entwicklung der vergangenen Monate ist auch auf den extrem kalten Winter in weiten Teilen Nordamerikas zurückzuführen. Er führte zu Frostschäden und verzögerte die Aussaat von Getreide. Hinzu kam eine massive Dürre in Brasilien, die vor allem den Kaffeepreis nach oben trieb. Jetzt rechnen Meteorologen mit weiterem Ungemach. Über dem Pazifik braut sich gerade ein El-Niño zusammen. Dieses Wetterphänomen droht unter anderem für Australien Trockenheit und in Südamerika heftige Niederschläge zu bringen.

Der nächste Agrarreport könnte die Preise weiter treiben

Was für extreme Folgen Wetterkapriolen gerade für die Getreidepreise haben können, wurde vor zwei Jahren deutlich. Eine Rekorddürre in den USA hievte Weizen innert weniger Wochen um mehr als die Hälfte nach oben. In einer Studie verweisen die Analysten von Goldman Sachs darauf, dass ein El-Niño zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer vorhersehbar sei. Zudem könnten einige Bereiche, beispielsweise der US-Mais- und Sojaanbau, sogar von einem solchen Phänomen profitieren. Gleichwohl sieht die Grossbank das Wetter als ein Risiko der sehr bearishen Prognose. Auf Sicht von zwölf Monaten rechnet Goldman Sachs im Agrarbereich mit einem durchschnittlichen Preisrückgang von einem Zehntel.

Anzeige

Sollte sich der Konflikt in der Ukraine weiter zuspitzen oder das Wetter nicht mitspielen, könnten die Analysten schon bald zu einem Umdenken gezwungen sein. Darüber hinaus spricht das charttechnische Momentum für den Sektor. Einen wichtigen Fingerzeig für die weitere Entwicklung könnte der nächste WASDE-Bericht bringen. Unter www.usda.gov/oce/commodity/wasde/ kann der Report ab 9. Mai abgerufen werden. Egal, wie die Prognosen aussehen: Aufgrund der besonderen Komplexität dieser Rohstoffgattung sollten Anleger den Einsatz begrenzen.

Der zugrunde liegende Index deckt das gesamte Warenspektrum ab, wobei die verschiedenen Getreidesorten den Ton angeben. Das in Franken denominierte UBS-Produkt ist weitestgehend währungsgesichert und kommt mit einer Gebühr von 0,84 Prozent p.a. aus.

Anzeige

Das Produkt spiegelt das Comeback der Agrarrohstoffe wider, seit dem Jahreswechsel steht ein Plus von mehr als 14 Prozent zu Buche. Der Index basiert auf einem von Investmentguru Jim Rogers entwickelten Konzept. 1,5 Prozent Gebühr p.a. müssen Anleger für die Partizipation an dieser bekannten Benchmark bezahlen.

Die vor drei Jahren eingeführten Rohstoffprodukte der Bank Vontobel basieren auf Indizes von J.P. Morgan. Zur Auswahl zählt unter anderem ein Gradmesser für Mais. Bei dem in US-Dollar berechneten Tracker fällt jährlich eine Gebühr von 1,0 Prozent an.

Vor allem in den USA ist die Versorgung mit Sojabohnen angespannt. Die Vorräte könnten demnächst auf das tiefste Niveau seit zehn Jahren fallen. Das Tracker-Zertifikat der UBS bildet den Preis der Hülsenfrucht unter Abzug einer Managementgebühr von 0,9 Prozent p.a. ab.

Anzeige