20 Prozent der Wirtschaft, die börsenkotierten Unternehmen, erhalten 80 Prozent aller Kredite und 100 Prozent des politischen Kapitals. Das erklärt, wieso wir gleichzeitig Rekorde auf den Aktienmärkten, bei der Arbeitslosigkeit und bei der niedrigen Produktivität sehen.

Die Massnahmen der EZB konzentrieren sich weiterhin auf die Kreditvergabe und nicht auf die Nachfrage. Aber man kann nichts «verkaufen», das niemand will! Eigentlich sollte sie sich auf die 80 Prozent der Wirtschaft konzentrieren, die weniger als 20 Prozent der Kredite erhalten – auf den KMU-Sektor, die kleinen und mittleren Unternehmen.

Kleine und mittlere Unternehmen werden ignoriert

Dort sind zwei Drittel der Arbeitsplätze angesiedelt, 100 Prozent aller Arbeitsplätze im Privatsektor wurden dort seit 2000 laut EU-Studien geschaffen, von dort kommt 58 Prozent der Bruttowertschöpfung der Volkswirtschaften.

Mit anderen Worten: Wir werden keine Arbeitsplätze, kein Wachstum und keine Erholung schaffen, solange die Nachfrage nach Darlehen nicht erhöht, die Geschäftsbedingungen nicht verbessert und der Bankensektor nicht entschuldet wird. Stattdessen erhalten die Banken immer günstigere Kredite, während die Wachstumsmaschine, der KMU-Sektor, ignoriert wird.

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Inflationserwartungen und Verlust des Vertrauens in das Geld

Der Weg, um die Inflationserwartungen wieder herstellen zu können, ist einfach. Man könnte die Löhne, oder noch besser das real verfügbare Einkommen, oder aber die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erhöhen. Eine Erhöhung der Löhne ist mittelfristig angesichts der hohen Arbeitslosigkeit jedoch unwahrscheinlich. Deshalb bleibt nur die Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Das kann auf zwei einfache Arten erfolgen: Durch den Verlust des Vertrauens in den Wert des Geldes oder durch die Erhöhung der Nachfrage nach Darlehen.

Und damit schliesst sich der Kreis. Wenn die EZB Inflationserwartungen wecken will, muss sie ein reines KMU-Programm initiieren. Natürlich hat sie dies teilweise getan, aber bisher blieb es eher bei einem Plan für einen praktischen Ansatz.

KMUs werden bei Krediten benachteiligt

Es gibt mehrere Gründe, wieso die Kredite nicht in die KMUs fliessen. Bain & Co. veröffentlichte kürzlich einen Bericht mit dem Titel «Restoring financing and growth to Europe's SMEs» (Wiederherstellung der Finanzierung und des Wachstums in Europas KMUs). Die Lektüre lohnt sich. Darin werden vier Haupthindernisse aufgelistet:

·         Es ist zu schwierig und zu kostspielig, Informationen über das Potenzial einzelner KMUs und zu ihrer Kreditwürdigkeit zu bekommen.

·         Die Versuche der KMUs, Skaleneffekte zu erzielen, werden häufig durch negative Anreize behindert.

·         Banken haben verfügbare Kredite, erachten die Vergabe aber als schwierig.

·         Alternative Kreditgeber sehen sich mit vielen Hindernissen konfrontiert, wenn sie KMUs finanzieren wollen.

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Die Finanzkrise hat die Nachfrage nach Finanzierung für KMUs verändert: Von langfristiger Finanzierung hin zu kurzfristigem Betriebskapital. Für die Banken ist es einfacher, das Risiko der durch Vermögenswerte gedeckten Finanzierung zu beurteilen als das des Cashflow-basierten Betriebskapitals. Dies wurde durch Studien bestätigt, in denen die Banken zugeben, strengere Sicherheitsauflagen, tiefere Beleihungsquoten auf Immobilien und Bedarf an höheren persönlichen Garantien bei KMUs zu haben. Ein Kritikpunkt ist, dass es im Gegensatz zu durch Vermögenswerte gedeckten Strukturen keine standardisierte rechtliche Dokumentation über KMUs gibt.

Starker Rückgang der Darlehen

Zusätzlich dazu ist die Zahl der Banken in einigen Ländern stark gesunken, in Spanien zum Beispiel von 50 auf 14. Das bedeutet, dass 36 von 50 Bankkunden zu einer neuen Bank wechselten. Sie mussten 12 bis 18 Monate warten, bis die Banken die Bankbeziehung beurteilt hatten und schliesslich meistens eine negative Entscheidung fällten.

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Neukredite für KMUs von über einer Million Euro sind um 47 Prozent zurückgegangen. Die Darlehen sind in Frankreich um 37 Prozent, in Irland um 82 Prozent gesunken. Das ist ein weiterer Hauptfaktor für die Kredit-/Liquiditätsverknappung. Die Regierungen im Mittelmeerraum sind weiterhin extrem schlechte Schuldner!

Hoher Credit Spread in Europa

Andere im Bericht von Bain & Co. erwähnte Probleme sind: Durchschnittliche Verzögerung von 18 Monaten bei der Berichterstattung über Jahresabschlüsse, kein kohärenter Ansatz für KMUs, Tendenz zur Automatisierung statt Personalisierung im Modus Operandi der Banken, aufgrund der Datenschutzgesetze entstehende Schwierigkeiten beim Versuch, ein ganzheitliches Bild zu erhalten, Favorisierung von Fremdkapital im Vergleich zu Eigenkapital in den Steuergesetzen der meisten Länder, Regulierung, administrative Hürden und vermehrte Fremdfinanzierung von KMUs durch die heimische Wirtschaft.

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Die KMUs in ganz Europa sind mit sehr unterschiedlichen Credit Spreads konfrontiert. Umfragen der EZB zeigen einen Spread von 150 bis 250 Basispunkten, aber die Interviews von Bain & Co. beweisen, dass dieser in der Realität bei 400 bis 600 Basispunkten liegt.

Kreditvergabe an KMUs: Weltweit ein katastrophales Bild

Und dies gilt weltweilt: Arabianbusiness.com berichtet, dass die KMUs in MENA-Ländern (Naher Osten und Nordafrika) eine Finanzierungslücke von 249 Milliarden Dollar aufweisen. 63 Prozent aller KMUs haben dort KEINEN Zugang zu Krediten. Nur 8 Prozent der Kredite in den MENA-Ländern gehen an KMUs, im Vergleich zu 18 Prozent in entwickelten Ländern und 12 Prozent in Ländern mit hohem Einkommen.

Was haben Schweden, Korea und die Schweiz gemeinsam? In diesen reichen, homogenen Gesellschaften gehen mehr als 80 Prozent aller Unternehmenskredite an KMUs. Dieser Satz liegt in Frankreich, Russland und Italien bei 20, 22 respektive 18 Prozent.

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Der falsche Sektor wird gefördert

Die einfache Schlussfolgerung ist: Die oben dargelegten Statistiken zeigen, wie wir immer noch den falschen Wirtschaftssektor unterstützen, nämlich diejenigen 20 Prozent der Unternehmen, die börsenkotiert sind und die KEINE – und das möchte ich betonen, KEINE – neuen Arbeitsplätze schaffen. Stattdessen sollten unsere Investitionen, unser Mentoring und unsere Kreditvermittlung Geld von diesen 20 Prozent nehmen und den anderen 80 Prozent zugute kommen lassen.

Sie haben härter, länger, besser und mit einer höheren Risikotoleranz gearbeitet als die «alte Wirtschaft». Natürlich sind sie weniger transparent, aber wir müssen uns bewusst sein, dass Überrendite im Verlauf der Zeit durch den Zugang zu Illiquidität generiert wird. Es gab nie einen besseren Zeitpunkt, um in Menschen, Ideen und in kleine Unternehmen zu investieren als jetzt. Die Lage ist derzeit so schlimm, dass es nur besser werden kann. Die EZB hat sichergestellt, dass wir neue Tiefpunkte in den Bereichen Innovation, Inflationserwartungen, Wachstum und Wandel erreicht haben. Der Auftrag zur Veränderung wird kommen, und zwar bald. Zum Glück!

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Steen Jakobsen ist Chefvolkswirt bei der Saxo Bank.