Einmal im Leben dabei sein können, wenn Geschichte geschrieben wird. Ein verständlicher Wunsch vieler Chronisten und Journalisten. Nachvollziehbar deshalb, dass der Medientross London regelrecht stürmte, als das überraschende Ja der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union offiziell feststand. «Diesmal sind auch wir dabei gewesen», liessen viele Berichterstatter in Nachhinein stolz verlauten.

Gemessen an der Anzahl Meldungen in den Medien ist der Brexit in der Tat das wichtigste politische Ereignis der letzten Jahre. Und noch immer wird das Thema weltweit prominent behandelt. Ganz anders sieht es bei den Börsianern aus. Sie erholten sich schnell, obwohl sie in den ersten Brexit-Tagen mächtig erschrocken sind. Am Londoner Aktienmarkt sind die Kurse am 24. Juni zeitweise um fast 10 Prozent eingebrochen. Doch nur wenige Tage später erholten sich die Märkte, und die Anleger gingen nüchtern zur Tagesordnung über. Im Juli legte der Londoner Leitindex FTSE 100 sogar wieder merklich zu. «Brexit: Who cares?»

Börsen: Immun gegen Krieg und Terror

Ein Verlauf, wie er an den Börsen der Normalfall ist. Auf politische Ereignisse reagieren die Aktienmärkte in der Regel nur sehr kurzfristig, wenn überhaupt. So sind zahlreiche Ereignisse wie der militärische Konflikt in der Ukraine oder in Syrien und die Grossdemonstrationen in Hongkong spurlos an der Börse vorbeigegangen. Der Leitindex Dow Jones Industrial legte im angeblichen Katastrophenjahr 2014 sogar um 12 Prozent zu.

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Dasselbe Bild zeigt sich nach den Terrorangriffen in Paris vom November des vergangenen Jahres. An den Finanzmärkten sind die Kurse nicht etwa gesunken, sondern sie stiegen sogar. Foutiert sich die Börse also ganz einfach um die Politik? «Ja», sagt der US-Ökonom Richard Thaler: «Aktienkursbewegungen reflektieren eben etwas anderes als Nachrichten über die Weltpolitik.»

Leichter Herzinfarkt und Kubakrise

Die US-Forscher David Cutler, James Poterba und Lawrence Summers haben es noch genauer wissen wollen und die fünfzig grössten Tagesausschläge des S&P 500 zwischen 1941 bis 1987 untersucht. Ihr Fazit: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der historischen Bedeutung eines Ereignisses und dem Ausmass der Kursveränderungen.

So führte etwa der leichte Herzinfarkt von Präsident Eisenhower im September 1955 zu einem massiven Kursrückgang von 6,6 Prozent. Der Ausbruch der Kubakrise löste im Oktober 1962 hingegen ein bescheidenes Minus von 2,7 Prozent aus. Tags darauf erholte sich der Index angeblich wegen eines Briefs des sowjetischen Parteiführers Chruschtschow um 3,2 Prozent.

Die Ermordung von Präsident John F. Kennedy, nach Ansicht einer ganzen Generation von Amerikanern das schwerwiegendste politische Ereignis überhaupt, liess den Dow Jones 1963 hingegen nur um 2,9 Prozent absacken. Die Aufsichtsbehörde stellte den Handel ein. Als der Markt am folgenden Dienstag wieder geöffnet war, legte er um 4,5 Prozent zu.

Finanzmärkte lassen sich nur kurzzeitig verunsichern

Halt, werden Kritiker einwerfen: Es gebe durchaus wichtige Ereignisse mit nachhaltigen Kursfolgen. In der Tat hatte der Einmarsch des Iraks in Kuwait am 2. August 1990 einen Kurstaucher des SMI um mehr als einen Viertel bis Januar 1991 zur Folge. Doch dies ist wohl eher die Ausnahme von der Regel. So hatte sich etwa der S&P 500 damals nach einem kurzfristigen Absturz von 17 Prozent schon im Oktober 1990 wieder erholt.

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Eine Untersuchung der Credit Suisse bestätigt diese These: Die meisten bedeutenden geopolitischen Ereignisse – von der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand vor 100 Jahren bis hin zu 9/11 und den Ereignissen im Irak und in der Ukraine – haben nur zu relativ bescheidenen Schwankungen an den wichtigen Aktienmärkten geführt.

9/11-Anschläge hinterliessen an der Börse kaum Schäden

Weitere Beispiele lassen sich unschwer finden: Bei der Kuba-Krise, während der für kurze Zeit ein globaler Atomkrieg drohte, ist es lediglich während einiger Tage zu seitwärts-tendierenden Märkten gekommen. Darauf folgte eine starke Rally. Als die US-Aktienmärkte nach den Anschlägen auf die Twin Towers in New York am 9. September 2001 nach einer siebentägigen Pause wieder geöffnet waren, fielen sie nur kurz um knapp über 10 Prozent. Dann konnten sie diese Verluste in etwas mehr als einem Monat wettmachen. Auch nach den japanischen Angriffen auf Pearl Harbor zeigte sich ein ähnliches Bild.

Nur gerade bei einer Handvoll Ereignisse stimmte diese Regel laut Credit Suisse in den vergangenen 100 Jahren nicht, und nur gerade bei drei geopolitischen Vorfällen seit 1914 hat es massive und anhaltende Auswirkungen auf die Finanzmärkte gegeben: Bei der deutschen Invasion Frankreichs 1940, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges und beim Jom-Kippur-Krieg 1973 mit der darauffolgenden Ölkrise. Diese Geschehnisse führten am US-Aktienmarkt zu Einbrüchen von 20, 30 und 40 Prozent. Doch sogar die drei markantesten politisch bedingten Rückschläge konnten innerhalb von zwei bis drei Jahren wieder vollständig wettgemacht werden.

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Antizyklisch handeln

Die naheliegende Schlussfolgerung für die Anleger aus diesem Börsenverhalten: Die allerschlechteste Reaktion ist es, Reissaus zu nehmen, wenn es politisch brenzlig wird und sich panikartig von den Börsen zu verabschieden. Richtig wäre genau das Gegenteil: «Wenn sich alle aus den Märkten verabschieden, ist immer die beste Zeit, um zu kaufen», sagt Emerging-Market-Spezialist Mark Mobius. Auch die CS betont, eine konträre Anlagestrategie sei in schwierigen Zeiten gewöhnlich am profitabelsten. Durch politische Krisen verursachte Kursrückgänge sollte man also kühl für Zukäufe nutzen.

Wem ein solches Verhalten moralisch zuwider ist, der kann sich auf eine weitere Börsenregel verlassen: «Politische Börsen haben kurze Beine.» Oder mit andern Worten: Solche Krisen werden an den Börsen schnell vergessen, entsprechende Kurstaucher werden immer relativ rasch wettgemacht. Abwarten und Tee trinken, ist demnach klar die bessere Taktik, als den Märkten abrupt den Rücken zu kehren.

Darauf sollten Anleger achten

Für strategisch denkende Investoren war und ist es zudem viel wichtiger, die während der grossen politischen Krisen im Hintergrund stattfindenden Veränderungen herauszufiltern. Zum Beispiel den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie oder den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur globalen Führungsmacht zwischen den beiden Weltkriegen.

Die erste dieser Entwicklungen gipfelte im Einbruch des Dollarwerts des Wiener Aktienmarktes um 87 Prozent innerhalb einer vierjährigen Periode mit Hyperinflation. Bei der zweiten übertraf der US-Aktienmarkt denjenigen der absteigenden Grossmacht Grossbritannien in den 25 Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges um 50 Prozent. Wer solche, sich anbahnende Neuordnungen rechtzeitig erkennt, kann diese Erkenntnisse frühzeitig für eine langfristige Portfolio-Neuausrichtung nutzen. 

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