In den vergangenen Monaten stand das Thema E-Commerce an den Kapitalmärkten im Zuge von Börsengängen wie Zalando, Shopify oder windeln.de wieder mehr im Fokus der Börsianer. Dies nicht ohne Grund, erfreuen sich doch die Plattformen eines regen Zulaufs. Der Anteil der Konsumenten, die im Internet einkauften, lag in Europa 2005 erst bei 24 Prozent, inzwischen ist er bei mehr als 50 Prozent.

Die Mutter aller E-Commerce-Gesellschaften ist Amazon.com (ISIN US0231351067). Aus den Büchern des US-Riesen lassen sich hohe Wachstumsraten herauslesen. Seit 2008 haben sich die Erlöse rund verfünffacht. Der Gewinn konnte da aber nicht mithalten, im Gegenteil, Amazon schreibt seit längerem Verlust.

Amazon – starke Expansion

Dies ist dem Expansionsdrang des Konzerns geschuldet. Amazon möchte nämlich nicht mehr nur ein Marktplatz im Internet sein, sondern sich diversifizieren. Das Unternehmen bietet eigene mobile Endgeräte wie das Tablet «Kindle Fire» an, setzt daneben auch auf Musik und Filme und zählt darüber hinaus zu den drei grössten Cloud-Anbietern in den USA. Ziel ist eine möglichst starke Bindung des Nutzers.

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Anleger haben Vertrauen in den Konzern und verteilen bereits Vorschusslorbeeren. Mit einem Kursanstieg von mehr als 100 Prozent zählt die Aktie zu den Top-Performern an der Wall Street in diesem Jahr. Auch, wenn einem bei der Betrachtung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses schwindlig werden könnte, das 2017er-KGV beträgt 66, angesichts der erwarteten Wachstumsraten hat der Amazon-Kurs noch Luft nach oben. Für 2016 geht der Analystenkonsens von einer Gewinnverdoppelung aus, 2017 soll das Ergebnis je Aktie um weitere 80 Prozent zulegen. «Amazon hat ihr Umsatzwachstum im Jahresverlauf beschleunigt und dabei meist positiv überrascht», zeigt sich Analyst Paul Vogel von der Investmentbank Barclays für den Titel optimistisch und hebt sein Kursziel von 700 auf 850 US-Dollar an.

windeln.de – grosse Abhängigkeit von China

Für Anleger könnte sich aber auch ein Blick auf die Börsenfrischlinge lohnen. Allerdings schneiden nicht alle gleich gut ab. Während sich Erstzeichner von Zalando über hohe Gewinne freuen dürfen, sitzen Aktionäre von windeln.de (ISIN DE000WNDL110) auf einem dicken Verlust. Seit dem Ausgabepreis von 18,50 Euro hat sich die Aktie des Online-Shops für Babyprodukte nahezu halbiert. Der starke Rücksetzer ist vor allem der anfänglich hohen Bewertung geschuldet.

Hinzu kamen in den vergangenen Monaten besorgniserregende Meldungen bezüglich des Wirtschaftsverlaufs in China. Das Reich der Mitte zeigt sich nämlich für mehr als die Hälfte der Erlöse von windeln.de verantwortlich. Auch die hohe Expansionsgeschwindigkeit fordert ihren Tribut. Analysten gehen davon aus, dass der Online-Händler beim Umsatz zwar rasend schnell wachsen, jedoch aufgrund hoher Kosten 2016 und 2017 weiterhin rote Zahlen schreiben wird. Aktuell sucht die Aktie eine Bodenbildung im Bereich von 10 Euro. Anleger sollten an der Seitenlinie abwarten und sich erst bei einem sich abzeichnenden Aufwärtstrend – begleitet von positiven Geschäftszahlen – eine erste Position eingehen.

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Zalando – Aufstieg in den Stoxx Europe 600

Eine Wette wert ist hingegen Zalando (ISIN DE000ZAL1111). Das Unternehmen befindet sich bereits in der Gewinnzone und wächst stärker als der gesamte E-Commerce-Markt. Aktuell kommen dem Schuh-Spezialisten auch die steigenden Internetkäufe zu Weihnachten entgegen. Jefferies-Analyst David Reynolds malt ein positives Bild: «Der Online-Modehändler überzeugt durch seine Grösse, die relativ hohe Profitabilität sowie mit der guten Berechenbarkeit der weiteren Geschäftsentwicklung.»

Der Experte empfiehlt den Titel mit einem Ziel von 41 Euro zum Kauf. Zudem mehr Aufmerksamkeit vom internationalen Börsenpublikum dürfte Zalando ab dem 21. Dezember bekommen. Dann zieht die Aktie in den STOXX Europe 600 Index ein.

Yoox Net-A-Porter – hohes Kurspotenzial

Eine Grösse am Markt ist bereits seit längerer Zeit Yoox Net-A-Porter (ISIN IT0003540470). Die Italiener, die sich erst kürzlich mit der Richemont-Onlineplattform Net-A-Porter zusammengeschlossen haben, sind der führende europäische E-Commerce-Retailer im Luxusbereich. Zuletzt konnte die Gesellschaft mit starken Zahlen auftrumpfen. Das Wachstum von Yoox hat sich von 16 Prozent im zweiten Quartal auf 19 Prozent im dritten Quartal beschleunigt.

Net-A-Porter legte gar um einen Viertel zu. Die Analysten von Goldman Sachs sehen vier Trends im Luxusbereich, die für Yoox Net-A-Porter sprechen: Eine Outperformance von Online gegenüber Offline, eine Outperformance von reinen E-Commerce-Anbietern im Vergleich zu den traditionellen Kaufhäusern, einen schwierigen Übergang für Marken in den Online-Bereich und Probleme, dabei starke Internet-Vertriebsmannschaften gewinnen zu können. Die US-Bank hält einen Kurs von 48,60 Euro für gerechtfertigt – ein Aufwärtspotenzial von knapp 40 Prozent.

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