Inflation ist weit und breit nicht in Sicht. So ist der Landesindex der Konsumentenpreise im Juli 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 1,3 Prozent gesunken. Damit hat sich der Preisverfall zuletzt sogar noch verschärft, betrug der Rückgang im Juni doch nur 1,0 Prozent. Insgesamt sind die Konsumentenpreise in der Schweiz jetzt so tief wie seit Oktober 2007 nicht mehr.

Angesichts tiefer Inflationsraten in vielen Industrieländern und häufig schwachem Wachstum haben sich in den vergangenen Wochen zahlreiche führende Investmentbanken mit dem Thema Reflation in der Weltwirtschaft beschäftigt. Laut Elga Bartsch, Chefökonomin für  Europa bei Morgan Stanley, hat Reflation mit expansiven Massnahmen zu tun, die darauf abzielen, die volkswirtschaftlichen Aktivitäten zu erhöhen und den deflationären Druck zu verringern. Es geht somit um die erste Phase in einer konjunkturellen Erholung, in der sich sowohl das Wachstum als auch die Inflation wieder ihren langfristigen Trends annähern.

Bodenbildung bei der Kern-Inflationsrate im 2015 …

So definiert, waren in führenden wesentlichen Volkswirtschaften zuletzt schon so etwas wie erste Ansätze für eine Reflation zu registrieren. So zog beispielsweise die Kern-Inflationsrate in der Eurozone im Juni im Jahresvergleich überraschend von 0,8 Prozent auf 1,0 Prozent an, während Volkswirte nur eine konstante Kerninflation erwartet hatten. Das ist einerseits zwar noch immer niedrig, anderseits entspricht das aber auch dem höchsten Stand seit April 2014. Auch in den USA hat sich die Kerninflation, welche die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel ausklammert, von ihren Tiefständen gelöst, und für Juli wurde ein Plus von 1,8 Prozent gemessen.

Anzeige

Allerdings wurden damit die von der US-Notenbank und von der Europäischen Zentralbank angestrebten Zielwerte einer Inflation von 2,0 Prozent und «knapp 2 Prozent» noch immer verfehlt. Ob diese Vorgaben schon kurzfristig erreicht werden, bleibt nicht zuletzt wegen der zuletzt deutlich gefallenen Rohstoffpreise abzuwarten. Hinzu kommt ein kaum vorhandener Lohnkostendruck, was in Europa angesichts der nach wie vor hohen Arbeitslosenquote auch leicht nachvollziehbar ist. Aber selbst in den vergleichsweise wachstumsstarken USA wies der Lohnkostenindex trotz der bereits stark gesunkenen Arbeitslosenquote für das zweite Quartal mit einem Wert von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal den geringsten Anstieg seit Beginn der Zeitreihe 1982 aus. Hinzu kommt: Ein wirklicher globaler Wirtschaftsboom ist noch immer nicht in Sicht. Immerhin machen mit den Emerging Markets inklusive China neuerdings ausgerechnet jene Länder zunehmend Sorgen, die als Konjunkturlokomotive fungieren sollten.

… und erwartete Beschleunigung der Inflation im nächsten Jahr

Vor diesem Hintergrund hat die Weltwirtschaft das Deflationsgespenst noch nicht komplett abgeschüttelt. Trotz der belastenden Einflussfaktoren gibt es aber auch Chancen auf eine vollzogene Bodenbildung an der Preisfront. So sieht Credit Suisse die Inflationsrate global im kommenden Jahr bei 3,2 Prozent, nach geschätzten 2,8 Prozent im 2015. Den grössten Sprung würden demnach die USA mit einem Anstieg von 0,3 auf 2,1 Prozent machen. Aber auch in der Eurozone wird mit einem Anziehen der Inflationsrate von 0,2 auf 1,1 Prozent gerechnet, während für die Schweiz ein Wert von 0,0 Prozent prognostiziert wird. In diesem Jahr sollen es -1,3 Prozent sein.

Stimmen diese Vorhersagen, ist der zuletzt in Studien oft verwendete Begriff Reflation nicht einmal aus der Luft gegriffen. Die Bank Sarasin sieht die lange Zeit von Deflationsrisiken geplagte Weltwirtschaft jedenfalls in die richtige Richtung laufen, und auch die Deutsche Bank hält eine vollzogene Bodenbildung bei den Preisen für wahrscheinlich. Zu den Anhängern der Reflationsthese zählt auch Bartsch von Morgan Stanley. Sie geht von einer Fortsetzung der jüngsten Reflationstendenzen aus und davon, dass die Inflationsraten in den USA und in Europa zunächst noch unter den Zielvorgaben der Notenbanken bleiben werden. Trifft wiederum diese Annahme ein, würde das den Zentralbanken Gelegenheit geben, weiterhin eine expansive Politik zu betreiben und die Zinszügel nur langsam zu straffen.

Anzeige

Die Inflation könnte sprunghaft steigen

Während die Deflationsrisiken noch nicht zu den Akten gelegt werden sollten, gibt es trotz der momentan nur moderaten Reflationsprognosen auch keinen Grund, die Inflationsgefahren komplett zu vernachlässigen. Denn wie schnell der Wind drehen kann, zeigte sich im Jahr 1966. Damals wartete die Fed trotz eines über fünf Jahre dauernden Rückgangs der Arbeitslosenquote viel zu lange mit Zinserhöhungen, wie Metzler Asset Management in einer Studie schreibt. Die Folge war damals eine überraschend schnelle Beschleunigung der Kerninflation im Jahr 1966 von 1,4 Prozent im Januar auf 3,1 Prozent im Dezember.  Die Bewegung gipfelte erst 1975 bei 10,2 Prozent, und die Inflationsrate fiel anschliessend bis 1995 nicht mehr unter 2 Prozent.

Ob die damalige Situation mit heute vergleichbar ist, erscheint zwar etwas fraglich, zu denken gibt aber die Tatsache, dass die zehnjährigen Staatsanleiherenditen in Deutschland, Japan, Grossbritannien sowie in den USA jüngst einen so hohen Gleichlauf vorzuweisen hatten wie seit Dezember 2012 nicht mehr. «Eine Interpretation dieser synchronisierten Bewegung bei der Rendite könnte eine Neueinschätzung der Inflationsrisiken durch die Investoren sein. Die disinflationären Kräfte lassen eventuell nach. Die Leute fangen an, mehr über diese Idee nachzudenken, und sie stufen die Risiken einiger festverzinslicher Produkte neu ein und nehmen ein paar Gewinne mit», sagt Graham Bishop, Makro-Stratege bei Citigroup. 

Anzeige

Reflation ist gut für Aktien

Könnten die Anleger ihr bevorzugtes Szenario – Inflation, Deflation oder Reflation – wählen, dann würden sich die Akteure an den Aktienmärkten sicherlich für die Option Reflation entscheiden. Denn laut Morgan Stanley ist bei dieser Konstellation folgendes Szenario am wahrscheinlichsten: Das Wirtschaftswachstum erholt sich, die Leitzinsen bleiben vergleichsweise niedrig, die Anleiherenditen steigen, die Kredit-Spreads verengen sich und die Aktienkurse steigen. Ähnlich sieht das Credit-Suisse-Japan-Investment-Stratege Soichiro Matsumoto. Er hält eine moderate Inflationsrate in den entwickelten Ländern für vorteilhaft für die Aktienmärkte, aber als weniger gut für die Rentenmärkte. Geht die Reflationsrechnung auf, würde das die Chancen auf eine Verlängerung des bereits mehr als sechs Jahre dauernden Bullenmarktes demnach erhöhen.

Anzeige