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Ausblick
«Zukunftsdeuter verlieren ihre Glaubwürdigkeit»

Gute Aussichten: Europas Wirtschaft geht es besser.  Pexels

Viele Prognosen für 2017 lagen bislang falsch, sagt William Hobbs von Barclays. Das Wiederaufleben Europas hatten nur wenige Experten kommen sehen. Der Investexperte erklärt, worauf er jetzt setzt.

Von Julia Fritsche
am 14.07.2017

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Die Zentralbanken machen derzeit eine wacklige Gratwanderung durch, auf der sie möglicherweise von einem Anleihenmarkt hin- und hergerissen werden, der sich zu stark an sinkende Renditen gewöhnt hat. Die Kombination einer mehrere Jahrzehnte anhaltenden Hausse der Zinsen mit dem Ende eines extremen währungspolitischen Experiments in den Industrieländern dürfte grosse Auswirkungen auf die Kapitalmärkte im kommenden Jahr haben.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Kurzfristige Prognosen erweisen sich in der Regel als gewagt, und unsere Anleger erwarten von uns im Allgemeinen eine etwas längerfristige Perspektive, bei welcher die Bewertungen gewöhnlich mehr Gewicht haben. Wir gehen jedoch davon aus, dass die Aktienmärkte – einschliesslich der Schweiz – angesichts gefestigter Wachstums- und Inflationserwartungen für die Weltwirtschaft gut abschneiden werden.

Nächste Woche werden die Verhandlungen über den Brexit fortgesetzt. Inwiefern wird dieses Thema die Wirtschaft und die Märkte im laufenden Jahr beeinflussen?
Der Himmel über der britischen Wirtschaft verdunkelt sich ein wenig, da der Konsument die Erhöhung der Importpreise spürt, die sich aus der Abwertung des Britischen Pfunds infolge des Referendums ergeben hat. Wir gehen zwar davon aus, dass sich die Loslösung von der EU im Laufe der Zeit nachteilig auf die britische Wirtschaft auswirken wird, diese aber trotzdem auf Kurs bleibt. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die Wirtschaft Grossbritanniens nicht einmal zu den britischen Kapitalmärkten einen dominanten Beitrag leistet, geschweige denn zu denen der restlichen Welt.

Welches sind rückwirkend betrachtet die wichtigsten Punkte für Anleger aus dem ersten Halbjahr 2017?
Sämtliche Zukunftsdeuter verlieren derzeit ihre Glaubwürdigkeit angesichts einer Realität, die geringe Ähnlichkeit mit ihren Prognosen hat. Ein politisch und wirtschaftlich wiedererstarkendes Europa ist vielleicht der grösste Dämpfer für eine vormals dystopische Konsenserwartung. Gleichermassen erhalten jetzt alle jene die Quittung, die die Fülle an Anlagekommentaren über den unerbittlich wachsenden Populismus, Protektionismus und andere Verbrechen gegen die neoliberale Weltordnung widerspruchslos aufgenommen haben, in Form von steigenden Aktien- und Anleihenindizes in den Schwellenmärkten. Wir werden wieder einmal daran erinnert, dass grosse Ideen meistens der Feind einer guten Investition sind.

In den letzten 20 Monaten sind türkische Aktien bei ausländischen Anlegern sehr beliebt geworden. Können Sie immer noch gutes Potenzial in diesem Markt erkennen?
Es herrscht sicherlich einiges an Begeisterung für Regionen wie die Türkei, die in den letzten fünf Jahren einiges einstecken mussten. Am meisten überzeugen aber die Regionen mit den vertrauenswürdigsten makroökonomischen Richtlinien, wo das strukturelle Wachstum und die Regierungsführung am stärksten sowie die Märkte am liquidesten und diversifiziertesten sind. Aus unserer Sicht erfüllen die asiatischen Schwellenländer diese Kriterien am besten, wie zum Beispiel die  Aktienmärkte von Taiwan und Korea.

Wall-Street-Analyst Brian White hält die Apple-Aktie für unterbewertet und hat sein Kursziel auf 202 Dollar erhöht. Damit hätte das Unternehmen einen Wert von über 1 Billion Dollar. Was erwarten Sie in den nächsten Monaten von dieser Aktie?
Wir heben Apple momentan nicht besonders hervor, aber der US-Technologiesektor gehört immer noch zu unseren bevorzugten Bereichen. Die anhaltende Stärke des Handels mit Halbleiterprodukten stellt eine wichtige Stütze der positiven Einschätzung des Sektors dar, der weiterhin von einem zyklischen und anhaltenden Auftrieb profitiert und unserer Ansicht nach trotzdem eine vernünftige Bewertung hat.

* William Hobbs ist Head of Investment Strategy UK and Europe bei der Barclays Bank. Er hat mehr als zehn Jahre Erfahrung im Finanzsektor und arbeitet seit Oktober 2005 für Barclays, wo er zu Beginn im Equity Research Team den globalen Konsum-Sektor abdeckte.

 

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