Was passiert, wenn es keinen Zins mehr gibt? Noch vor kurzem hätte man eine solche Fragestellung als «wahnsinnig» abgetan. Inzwischen ist es Realität: Die Zinsen sind weltweit entweder extrem niedrig oder gar negativ. Doch, was das effektiv bedeutet, ist vielen Leuten zu wenig bewusst.

Erstens kommt es zur paradoxen Situation, dass der Staat mit dem Schuldenmachen Geld verdienen kann. Nebst für die Schweiz gilt das bereits für zahlreiche andere Länder in Europa. Zweitens verliert der Zins seine Steuerungsfunktion. Diese sorgt nämlich dafür, dass das Kapital in Investitionen fliesst, welche zukünftig einen Mehrwert schaffen können. Ohne eine solche Lenkung versickert das Geld in nutzlosen Projekten. Und drittens hat der Wegfall der Zinsen zur Folge, dass sich das Sparen nicht mehr lohnt.

Tiefe Zinsen und der Zinseszinseffekt

Was das konkret heisst, möchte ich anhand der Mindestverzinsung in der beruflichen Vorsorge aufzeigen. In der zweiten Säule haben Herr und Frau Schweizer ein Vermögen von 800 Milliarden Franken angespart – es geht also um enorm hohe Summen. Zwischen 1985 und  2002 ist dieses Geld mit 4 Prozent pro Jahr verzinst worden. Dank Zinseszinseffekt konnte man sein Vorsorgekapital somit innerhalb von 18 Jahren verdoppeln, wie auch die Grafik verdeutlicht. Über das gesamte Berufsleben konnte man sein Erspartes sogar vervierfachen. Sank der Zins von 4 auf 3,5 Prozent, dann erhöhte sich die Verdoppelungsdauer nur geringfügig von 18 auf 20 Jahre – eine Differenz von zwei Jahren (vgl. Grafik).

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Sparen lohnt sich immer weniger

Mit dem neuen Mindestzins der zweiten Säule von 1,25 Prozent dauert es 56 Jahre, bis sich Ihr Kapital verdoppelt. Bei 4 Prozent Zins bräuchte man nur 18 Jahre.

 

Welche Folge hat nun die aktuelle Senkung der Mindestverzinsung von 1,75 auf 1,25 Prozent per Anfang 2016? Die Zeitdauer, bis sich Ihr Kapital verdoppelt, erhöht sich damit von 40 auf 56 Jahre! Obwohl der Zins ebenfalls um 0,5 Prozent reduziert wird, beträgt der zeitliche Unterschied nicht mehr zwei Jahre, wie im obigen Beispiel, sondern plötzlich 16 Jahre.

Das zeigt: Je tiefer der Zins bereits liegt, desto brutaler wird die Auswirkung einer weiteren Zinssenkung. Der Grund ist der fehlende Zinseszinseffekt. Würde der Mindestzins um ein weiteres halbes Prozent auf 0,75 Prozent reduziert, dann würde es 93 Jahre dauern, bis sich das Ersparte verdoppeln würde.

4,4 Milliarden Franken Einbusse

Albert Einstein wurde einst gefragt, welches die stärkste Kraft im Universum sei. Seine spontane Antwort lautete: «Der Zinseszins.» Auch die Zentralbanken, insbesondere die Europäische, sollten sich wieder an diese Kraft erinnern.

Unter diesem Link finden Sie eine konkrete Schätzung dazu, wie hoch der Ertragsrückgang in der beruflichen Vorsorge aufgrund der tiefen Zinsen ausfällt (vgl. «Eine Ertragseinbusse von 4,4 Milliarden Franken»).

Albert Steck: Verantwortlicher für die Markt- und Produktanalyse bei der Migros Bank.