Nicht nur sparen wie die Chinesen, sondern das Geld auch ausgeben: In den meisten Ländern Südostasiens hat sich eine Mittelschicht herausgebildet, die Luxusgüter gerne vorgezeigt. Das haben auch die weltweiten Investoren wahrgenommen und schichten daher eifrig um. In den vergangenen Monaten haben die Börsen der Region einen Boom erlebt.

«Die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder ist stärker vom jeweiligen Binnenmarkt und weniger vom Export abhängig als beispielsweise China, Korea oder Taiwan», sagt Chakara Sisowath von der Fondsgesellschaft Comgest. Dies sei ein Grund, warum viele Investoren sich zuletzt etwas von den Aktienmärkten Nordostasiens abgewandt haben und verstärkt in den Süden der Region blicken. Enorme Mittel fliessen daher in diese Länder, was beispielsweise dazu führte, dass der malaysische Ringgit in der vergangenen Woche den höchsten Stand seit 13 Jahren gegenüber dem Dollar erreichte.

Auch die Nachbarn profitieren

Doch auch die Nachbarländer profitieren. So legten die Aktienkurse an der Börse von Bangkok seit Ende Mai um rund 30% zu - und dies, obwohl noch vor wenigen Monaten das Geschäftsleben der thailändischen Hauptstadt weitgehend stillstand. Damals blockierten Regierungsgegner viele Strassen des Zentrums. Erst im Mai wurde die Belagerung von Polizei und Militär gewaltsam aufgelöst. «Der Markt hat die Unruhen verziehen und konzentriert sich auf das Wachstum», sagt Suchart Techaposai von der Citigroup in Bangkok.

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Auch in Indonesien und auf den Philippinen steigen die Kurse. Die jeweiligen Indizes legten um rund 25% innerhalb von drei Monaten zu. Hier honorieren die Anleger, dass diese Volkswirtschaften besonders immun gegen externe Schocks sind - selbst im Krisenjahr 2009, als die Welt in die schlimmste Rezession seit Jahrzehnten gestürzt war, wuchs hier das Bruttoinlandprodukt noch, auf den Philippinen um 1,1%, in Indonesien sogar um 4,5%. Und für dieses Jahr erwarten die Experten für die beiden Inselstaaten ein Wirtschaftswachstum von rund 6%.

Doch wie nachhaltig ist dieses Wachstum? Ist es nur eine Laune der Fondsmanager, die dazu führt, dass sie jetzt ihr Geld mal nach Südostasien umschichten?

Viel hängt davon ab, wie sich China im Norden in Zukunft entwickelt. «Die deutlichen Lohnerhöhungen in China könnten schon bald die Rangtabelle bei den Produktionskosten in Asien durcheinanderwirbeln», sagt Wei Zheng Kit, Ökonom bei der Citigroup. In den vergangenen Wochen erregten diverse Streiks in Fabriken der chinesischen Küstenregion weltweites Aufsehen. Die Inhaber - oft ausländische Unternehmen - mussten meist deutliche Lohnerhöhungen anbieten, damit die Arbeiter wieder an die Fliessbänder zurückkehrten, teilweise erhalten sie heute bis zu 50% höhere Löhne als zuvor. Zudem wurde der staatliche Mindestlohn um 12 bis 32% angehoben, je nach Provinz.

China wird teurer für Produktion

Vor zehn Jahren lag China bei den Lohnkosten noch an zehnter Stelle unter zwölf ostasiatischen Volkswirtschaften, nur Indien und Indonesien produzierten damals noch billiger. Inzwischen hat sich das Reich der Mitte jedoch schon auf Platz sechs vorgeschoben. Heute sind die durchschnittlichen Lohnkosten auch in Thailand, Vietnam, den Philippinen und auf Sri Lanka günstiger als in China.

Diese Durchschnittszahlen verdecken jedoch die Tatsache, dass sich die Verhältnisse in einigen Branchen noch weit stärker verändert haben. Citigroup-Experte Kit glaubt, dass vor allem Thailand und Malaysia in den kommenden Jahren zu den grössten Gewinnern gehören werden. Sie sind stark in Industrien, die potenziell aus China in andere Gegenden der Region abwandern könnten. Zu den Verlierern könnten dagegen neben China auch Korea und Japan gehören, da Chinas Industrie zunehmend in deren bisherige Hauptexportbranchen vordringen dürfte.

Investitionen breit streuen

Dies spräche dafür, dass die Investitionen in Südostasien nicht schnell verpuffen, sondern auf einer längerfristigen Entwicklung beruhen. Und ein weiterer Aspekt unterstützt dies. In der Region gibt es einen konstanten Zuwachs der jungen und mittelalten Bevölkerung, vor allem in Ländern wie Indonesien und den Philippinen. In China dagegen wird die zu Beginn der 80er-Jahre eingeführte Ein-Kind-Politik dazu führen, dass die Zahl der Erwerbstätigen in spätestens fünf Jahren ihren Höhepunkt erreicht haben wird - dann beginnt auch dort die demografische Entwicklung zu kippen, mit all den negativen Folgen, die in Europa und Japan schon länger zu spüren sind.

Allenfalls die erfolgreichen Länder selbst könnten sich im Weg stehen. Ein Beispiel liefern Malaysia und Indonesien, die sich in Sprache und Kultur nahestehen. Doch sie streiten seit Wochen über eine mögliche Grenzverletzung durch indonesische Fischer. Für Anleger heisst das: Investitionen breit streuen, am besten mittels grösserer Investmentfonds - auch wenn diese oft einen üppigen Ausgabeaufschlag verlangen (s. Tabelle).