Der schon fast sehnsüchtig erwartete Investorentag des weltgrössten Rückversicherers, der Swiss Re, hat seinen Zweck erfüllt. Das bei den Investoren massiv angeschlagene Vertrauen ist fürs Erste zurückgekehrt. Das Swiss-Re-Management konnte in London glaubhaft versichern, dass der völlig überraschende Verlust von 1,2 Mrd Fr. aus Credit Default Swaps als Folge der US-Kreditmarktkrise ein einmaliger Ausrutscher war. Die Aktien legten am Dienstag zeitweise um knapp 3% zu.

Mehr Licht in die «Blackbox»

Dieses Lebenszeichen an der Börse ist für Swiss Re und ihre Ambitionen am Finanzmarkt wichtig. Zur Erinnerung: Nach dem unerwarteten Milliardenverlust war der Titel von gut 110 auf unter 80 Fr. abgesackt – und die Glaubwürdigkeit dahin.

Einen Kritikpunkt vermochte das Swiss-Re-Management teilweise zu entkräften. An den unter Beschuss geratenen Financial Services, die für den Abschreiber verantwortlich waren und von einigen Analysten als «Blackbox» bezeichnet wurden, hält Swiss Re fest. Mehr noch: Der Konzern gewährte einen detaillierten finanztechnischen Blick in die Bücher mit dem Ziel, das Vertrauen ins Risikomanagement zurückzugewinnen.

Dieses ist nicht nur fürs Kerngeschäft und das Image der Swiss Re essenziell, sondern für deren strategische Weiterentwicklung. Der ehemalige Investmentbanker Aigrain will den Konzern auf ein drittes Standbein stellen, indem Risiken verbrieft und an die Finanzmärkte transferiert werden. Bekanntestes Beispiels sind die sogenannten Cat Bonds, die Katastrophen-Anleihen. Dadurch verspricht sich Aigrain mehr Wachstum, eine Erhöhung der Diversifikation, eine sinkende Volatilität und mehr Nachhaltigkeit.

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Ein zweiter Pluspunkt kann Swiss Re mit der Ankündigung verbuchen, das Aktienrückkaufprogramm (total 6 Mrd Fr. bis 2009) mit hoher Wahrscheinlichkeit früher abgeschlossen werden kann als ursprünglich angekündigt. Auch wenn die Neuausrichtung des Konzerns, die Lancierung neuer Produkte und die Überzeugungsarbeit noch Zeit brauchen, glauben die Analysten an den Swiss-Re-Weg. Nüchtern betrachtet ist Swiss Re nach wie vor sehr profitabel: «Freilich muss der Verlust auch im Verhältnis zur Ertragslage gesehen werden», halten Eric Güller und Peter von Moos, Analysten bei der Credit Suisse, fest. «So gehen wir weiter davon aus, dass Swiss Re einen Jahresüberschuss von 4 Mrd Fr. aufweist.» Der Schweizer Rückversicherer profitiert nach wie vor von einem starken Cashflow aus dem Versicherungs- und Investmentgeschäft sowie von einer quasi verlustfreien Hurrikansaison. Heinrich Wiemer von der Bank Vontobel setzt das Swiss-Re-Kursziel auf 130 Fr.

Neue Probleme in München

Ebenfalls mit einem schleppenden Aktienkurs herumschlagen muss sich die Münchener Rück. Der als äussert offensiv geltende schwedische Investor Cevian Capital hat sich knapp 3% an der Münchener Rück gesichert. Er hat ein Ziel: Auf einen Strategiewechsel zu drängen, um den Kurs in die Höhe zu treiben. Denn der Aktienkurs ist in den letzten Jahren kaum gestiegen, was das Management dazu bewegte, ein Wachstumsprogramm auszurufen, das auch etliche kleine Zukäufe umfasst. Doch die Bank UniCredit bleibt skeptisch: «Das hat den Investoren offensichtlich nicht gereicht.»

 

Schweizer Versicherungstitel sind attraktiv und haben Potenzial

Wie aus heiterem Himmel sind die Schweizer Versicherungstitel wieder in den Blickwinkel der Anleger geraten. Der SWX Versicherungsindex hat in den letzten vier Handelstagen um 6,1% zugelegt, während der Swiss Performance Index ein Plus von 2,7% notierte. Diese positiven Kursbewegungen, die aufgrund der moderaten Bewertung anhalten dürften, deuten auf zweierlei hin:

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Zum einen sind die beiden grossen Versicherer – Zurich Financial Services und Swiss Life – gut für die Zukunft aufgestellt; zum anderen ranken sich allerlei Übernahmegerüchte. Allgemein auf Anerkennung stösst Zurich FS. In den Augen von Eric Güller, Analyst bei Credit Suisse, beflügelt das operative Programm zur Leistungssteigerung, bekannt als «The Zurich Way», die Rentabilität trotz stagnierenden Prämienaufkommen; die rückläufigen Preise im Nicht-Lebengeschäft würden kompensiert. Die Empfehlung lautet «Kaufen», ebenso jene von Helvea. «Für mich ist Zurich FS nach wie vor ein attraktives Investment», sagt Helvea-Analyst Marc Effgen. Sein Kursziel liegt bei 455 Fr.

Gemischt, tendenziell aber positiv sind die Kommentare zu Swiss Life. Die geplante Akquisition der deutschen Vertriebsorganisation AWD verspreche Erfolgsaussichten, notiert Georg Marti, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank. Erbringe AWD von Beginn an kräftiges Gewinnwachstum, können die ehrgeizigen Ziele von Swiss Life (Eigenkapitalrendite von jährlich über 12%) erbracht werden. Martis Empfehlung: «Kaufen». Vorsichtiger ist die Bank Vontobel. Heinrich Wiemers Fazit lautet: «Zurück zum Anfang». Seine Empfehlung: «Halten».

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Der abrupte Abgang von CEO Frank Schnewlin bei der Bâloise hat die Gerüchteküche mächtig eingeheizt. Ein Zeichen dafür, dass die mittelgrossen Versicherer schliesslich nur mit einer klar umrissenen Nischenpolitik langfristig eine Überlebenschance haben.