Emerging-Market-Aktien sind 2017 enorm gestiegen, aber noch immer scheinen die Bewertungen vieler Unternehmen aus den Schwellenländern vergleichsweise niedrig. Weil auch ihre Gewinne steigen, könnten die Aktien noch Potenzial haben. Währungsaufwertungen, die gute Weltkonjunktur und die wachsende Mittelschicht mit steigenden Einkommen kommen den Emerging Markets gelegen. Dennoch ist in dieser Phase der Rallye eine sorgfältige Einzelwertauswahl Voraussetzung für den Erfolg – weil die Markterwartungen steigen und in vielen wichtigen Ländern eine restriktivere Geldpolitik absehbar ist.

Erholung von Emerging-Market-Aktien beginnt erst

Die Rallye der Emerging-Market-Aktien dauert jetzt schon 20 Monate; seit dem Tiefpunkt Anfang 2016 legten sie 70 Prozent zu. Kommt die Erholung in die Jahre? Oder hat sie vielleicht gerade erst begonnen? Die gute Weltkonjunktur, Währungsaufwertungen und die hohe Nachfrage nach technischen Bauelementen kommen den Emerging Markets gelegen. Ein synchroner Aufschwung der Weltwirtschaft ist für sie ideal, so wie in den Jahren 2003 bis 2007.

Trotz der allgemeinen Erholung sind die Bewertungen im Vergangenheitsvergleich, aber auch gegenüber den Industrieländern noch immer attraktiv. Beispielsweise notieren chinesische, taiwanesische und brasilianische Aktien zum 13-fachen der für das kommende Jahr erwarteten Gewinne. Beim MSCI World Index beträgt das KGV hingegen 17. Auch die Cashflows der Unternehmen legen zu, was zu besseren Gewinnrevisionen führen könnte. Für 2018 wird ein Anstieg der Unternehmensgewinne um 13 Prozent erwartet – und steigende Gewinne waren schon immer gut für Aktien. Die bessere Weltkonjunktur und der schwache US-Dollar können Unternehmen aus vielen Branchen helfen, von der Informationstechnologie über Konsumgüter und Finanzwerte bis zu Rohstoffexporteuren. So könnten die chinesischen Internetriesen Tencent und Alibaba vom starken Wachstum des Onlinehandels und der Finanzdienstleistungen profitieren. Und auch Banken mit einem guten Konsumentenkreditgeschäft könnte das höhere Weltwirtschaftswachstum nützen.

Rückgang der Volatilität durch Verschiebung von Rohstoffen zu Technologie

Von der Schwerindustrie zu Smartphones – so lässt sich die Entwicklung der Emerging Markets beschreiben. Noch 2008 dominierten mit 38 Prozent Anteil den MSCI Emerging Markets Index Energie- und Grundstoffwerte. Oft handelte es ich dabei um Staatsunternehmen, die von Infrastrukturinvestitionen abhängig und entsprechend volatil waren. Heute sind die nach Marktkapitalisierung grössten Emerging-Market-Unternehmen chinesische Technologiekonzerne. Die Mobiltelefonie nimmt zu, und immer mehr Menschen in den Schwellenländern nutzen das Internet. Hinzu kommt das Wachstum der Mittelschicht. All dies verändert die Verbrauchsmuster und den Zugang zu Finanzdienstleistungen.

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Dieser «tech-tonische» Wandel in den letzten zehn Jahren – mit der Folge, dass heute 28 Prozent des Index auf IT-Werte entfallen – hat auch die Volatilität zurückgehen lassen. Die rohstoffabhängigen Zykliker sind nicht mehr die Schwergewichte. Die steigende Nachfrage der bevölkerungsstarken Länder China und Indien nach mobilen Endgeräten (und Dienstleistungen) könnte für weiteres Wachstum im Technologiesektor sorgen. Asiatische Unternehmen wie Taiwan Semiconductor und Samsung Electronics haben spezielles Know-how im Halbleiterbereich aufgebaut. Sie nehmen in der Lieferkette für Technologie Schlüsselpositionen ein.

Und was bedeutet das für das Portfoliomanagement? Interessant bleiben Anlagen in technologieaffine Emerging-Market-Unternehmen, die von der steigenden Kaufkraft der Verbraucher profitieren dürften. Aber man sollte auch auf mehr Volatilität vorbereitet sein.

* Chris Thomsen, Portfolio Manager bei Capital Group