Seit Anfang März zeigen die Aktienkurse eine deutliche Erholung. Sind das erste Anzeichen, dass die Talsohle erreicht ist?

Heinz Zimmermann: Die Informationsleistung des Aktienmarktes ist in einer Finanzkrise nicht allzu hoch einzuschätzen. Wenn hinreichend viele Anleger den Eindruck haben, dass die Talsohle langsam erreicht sei, kann dies solche Zyklen auslösen - aber ich würde sie nicht überbewerten.

Die steigenden Aktienkurse sind also kein Hinweis auf eine bevorstehende Erholung?

Zimmermann: Nein. Dieser Meinung bin ich ausgesprochen nicht. Im Moment ist die Unsicherheit immer noch sehr gross. Noch wird die Höhe der Schäden des Finanzsystems ständig nach oben korrigiert. Den riesigen Schuldenberg wird man entweder über Neuverschuldung oder über Inflation finanzieren. Schulden kann man auch zurückzahlen, das ist aber eher unwahrscheinlich.

Was sind die Konsequenzen?

Zimmermann: Beides, Neuverschuldung oder Inflation, wird sich positiv auf die Zinssätze auswirken. Im einen Fall auf die Realzinsen, im anderen Fall auf die Inflationserwartung. Die höheren Zinserwartungen widerspiegeln sich zwar schon in der Zinsstruktur, aber ich habe den Eindruck, dass das ganze Ausmass dieser Krise von den Finanzmärkten noch nicht richtig antizipiert wird.

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Welche Bedingungen müssen erfüllt sein damit wieder mehr Klarheit herrscht?

Zimmermann: Die Krise ist dann bewältigt, wenn sich die Banken gegenseitig wieder vertrauen.

Das Interbankengeschäft funktioniert immer noch nicht?

Zimmermann: Genau. Sehr viele der schlechten Hypotheken, Derivate und strukturierten Produkte können immer noch nicht verkauft werden. Wenn es einen Markt gäbe, dann könnte man die ganzen Positionen endlich einmal zu einem Marktpreis veräussern. So könnte die Bilanz von einigen Banken wahrscheinlich substanziell entlastet werden.

Es muss eine Plattform geschaffen werden, um diese Produkte bewerten zu können und handelbar zu machen?

Zimmermann: Gerade der ausserbörsliche Derivatemarkt funktioniert vor allem bei den komplizierten Strukturen vorübergehend nicht mehr. Darum müssen die Bestrebungen in die Richtung gehen, solche Produkte über zentrale Gegenparteien zu handeln und glattzustellen. Dieses Thema ist vordringlich und wird zum eigentlichen Schwerpunktthema der nächsten Jahre werden.

Bisher gibt es diese Plattform noch nicht. Sind regulatorische Vorschriften nötig?

Zimmermann: Als Vertreter einer marktwirtschaftlichen Lösung würde ich ein Vorgehen begrüssen, das Anreize setzt. Die Eigenmittelanforderungen sollen so ausgestaltet werden, dass die Banken einen Anreiz haben, ihre bisher schlecht gehandelten Risiken auf eine solche Plattform zu stellen.

Auch der börsenkotierte Retailbereich bei den strukturierten Produkten ist stark eingebrochen.

Zimmermann: Im Moment sind die Risikobudgets generell gesunken. Gerade Retailderivate sind häufig Spekulationsinstrumente, um in guten Zeiten Risiken zu nehmen und auf gewisse Marktentwicklungen zu setzen. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass auch diese Volumina mit der Krise am Finanzmarkt zurück gekommen sind. Dass die Umsätze an den Derivatebörsen schwanken, ist aber normal. Das sehe ich wirklich nicht als grosses Problem.

Was bedeutet es für die Emittenten, dass sowohl die ausserbörslichen wie auch die kotierten Produkte einbrechen?

Zimmermann: Ein Konsolidierungsprozess wird einsetzen, und die Produkte werden sich ganz erheblich vereinfachen. Dies auch aus Gründen der Produkthaftung. Es gibt zunehmend Schadenfälle im Zusammenhang mit ausserbörslichen Derivaten, weil diese im jetzigen Umfeld nicht mehr gehandelt und verkauft werden können oder sich Produkteigenschaften als unzutreffend erweisen. Dies ist ein erhebliches rechtliches Risiko für die Emittenten, das nur durch einfachere und transparentere Produkte gelöst werden kann.

Der Konsolidierungsprozess führt zu weniger Anbietern?

Zimmermann: Ja, das ist so. Die Profitabilität im Handel mit strukturierten Produkten wird sinken.

Was bedeutet das aus volkswirtschaftlicher Sicht?

Zimmermann: Ich habe immer etwas gezweifelt, ob wirklich ein nachhaltiger Nutzen geschaffen wird, wenn Vorsorgeinstitutionen oder Privatpersonen zu diesen hohen Gebühren strukturierte Produkte kaufen. Aber immerhin sehe ich dort kein systemisches Risiko. Demgegenüber haben wir bei den verbrieften Lösungen im Investment Banking gesehen, dass über die Illiquidität und das Fehlen koordinierender Preisinformationen Folgeeffekte für das gesamte Finanzsystem resultieren, die ein systemisches Risiko begründen und Staatshilfen in Milliardenhöhe erfordern.

Wie sieht die Zukunft der Schweizer Finanzindustrie aus?

Zimmermann: Unsere Chance besteht darin, dass wir nicht nur zwei grosse, systemisch relevante Banken haben, sondern daneben auch über Bankengruppen verfügen, welche sich historisch immer für das Retailgeschäft stark gemacht haben.

Die beiden Grossbanken machen aber etwa 60% des Schweizer Finanzsektors aus ...

Zimmermann: Da besteht schon ein gewisses Klumpenrisiko, das ist richtig. Es wäre sicher auch ein Vorteil, wenn man das Geschäft der beiden Grossbanken in einen inländischen und einen ausländischen Teil trennen würde. Auch wenn das operationell und organisatorisch schwierig ist, wird man um diesen Schritt nicht herumkommen. Das ist auch im Zusammenhang mit rechtlichen Risiken, zum Beispiel mit dem Bankgeheimnis, oder der Frage der Ausgestaltung der Einlagensicherung unerlässlich.

Sie haben die Schrumpfung des Bankensektors angedeutet. Welche Bedeutung hat das für die Schweizer Volkswirtschaft?

Zimmermann: Die Wertschöpfung und die Beschäftigung im Finanzsektor werden zweifellos sinken. Es ist für mich auch nicht offensichtlich, welches Geschäft den Einbruch ersetzen könnte. Die Schweiz hat unglaublich stark von den Entwicklungen im globalen Finanzsektor profitiert. Eine Wertschöpfungseinbusse ist darum unumgänglich.

Wie wird sich die konjunkturelle Lage der Schweiz entwickeln?

Zimmermann: Für die Schweiz bin ich für die nächsten zwei, drei Jahre relativ pessimistisch. Ich sehe nicht, in welchem Sektor die zusätzlichen Arbeitsstellen geschaffen werden können, die einen komparativen Vorteil schaffen, vergleichbar mit dem Bankgeschäft. Unser Land, das wie kaum ein anderes vom Export abhängt, ist den weltwirtschaftlichen Risiken eins zu eins ausgesetzt. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass die Struktur der schweizerischen Wirtschaft mittelfristig flexibel ist, die Probleme zu bewältigen.

Zur Prognosefähigkeit der Ökonomen: Muss die Wissenschaft über die Bücher?

Zimmermann: Die Ökonomen müssen sicher sehr viele Lehren ziehen. Für ein abschliessendes Urteil ist es aber noch zu früh, da wir noch mitten in der Krise stecken. Das Hauptproblem besteht darin, dass die gängigen Modelle in der Finanzmarkttheorie stets funktionierende Märkte unterstellen. Es war für die meisten Ökonomen sehr überraschend, festzustellen, dass die Finanzmärkte insgesamt einem gigantischen und lang andauernden Marktversagen unterliegen können.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Zimmermann: Eine Finanzkrise entsteht aus einem Koordinationsmangel der Akteure. Gerade in einer grossen Krise wollen respektive müssen viele Akteure ihre Risikopositionen abbauen, doch soweit es sich um systematische Risiken handelt, muss sie irgendjemand kaufen. Da ein zunehmender Teil dieser Risiken ausserhalb transparenter Finanzmärkte gehandelt wurde, fehlen aber die Mechanismen, welche Angebot und Nachfrage koordinieren und Ungleichgewichte frühzeitig signalisieren.

Viele Märkte haben versagt. Muss der Staat Verkehrspolizist spielen?

Zimmermann: Dass der Staat jetzt eingreift, um Schlimmeres zu verhindern, war unvermeidlich und nachvollziehbar. Welche Rolle dem Staat hingegen zukommt, um Krisen zu verhindern, ist ein schwierigeres Thema. Aufgrund der Krisenanfälligkeit des Finanzsystems wäre es beispielsweise angezeigt, wenn für die systemisch relevanten Akteure die Schaffung eines Krisenfonds vorgeschrieben würde, der in Ergänzung zu den bestehenden Eigenkapitalanforderungen vor allem die Liquiditätsrisiken begrenzt. Die Schaffung eines solchen zwingend global angelegten Vehikels scheint mir ein Gebot der Stunde zu sein.