Gerd Gigerenzer beschäftigt sich mit der Macht der Zahlen. Der weltweit angesehene Verhaltensforscher des Max-Planck-Instituts weiss um ihre Magie. Bestimmte Ziffern setzen bei allen Menschen den Verstand ausser Kraft. «Es gibt geradezu faszinierende Übergänge etwa von 99 Cent auf 1 Euro oder der Sprung von 9 auf 10%», sagt Gigerenzer.

Genau dieser Zahlenzauber könnte für Investoren nun sehr gefährlich werden. Denn niemand möchte sein Geld für 0,5 oder 1,5% Jahreszins anlegen. Wer sein Erspartes hergibt, erwartet mindestens 4%. Hier scheint der magische Mindestzins zu liegen. Nur leider ist diese Vorstellung momentan völlig unrealistisch - zumindest für Anleger, die kein Risiko eingehen möchten.

Abflüsse aus Geldmarktfonds

Die Währungshüter halten trotz deutlicher Anzeichen für eine Konjunkturerholung die Leitzinsen beharrlich nahe null. Und da sich die Konditionen für Sparer an den Sätzen der Notenbanker orientieren, gibt es für sichere Anlagen auf Tagesgeld oder für Festgeld selten mehr als 2%. Da sich die Anlegerpsyche aber der magischen Vier nicht erwehren kann, gehen Anleger ins Risiko und tätigen Investments, die ihrem vorsichtigen Naturell gar nicht entsprechen.

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«Durch den Zinssatz der Notenbanken wird das Risiko der Anleger gesteuert», sagt Gigerenzer. «In Zeiten hoher Renditen bevorzugen die Sparer konservativere Investments. Bei niedrigen Sätzen riskieren sie mehr.» Dies gelte umso mehr, als derzeit die Aktienmärkte mit kräftigen Zuwächsen lockten. «Da werden die herben Verluste des vergangenen Jahres schnell verdrängt.»

Der stärkere Hang zum Risiko zeichnet sich bereits ab. Seit Jahresanfang haben die Sparer aus den spärlich verzinsten, aber als sicher geltenden Geldmarktfonds Milliarden abgezogen. Ein guter Teil davon wurde in Aktienfonds umgeschichtet vergessen sind die Zeiten, als diese Anlageklasse praktisch für tot erklärt wurde.

Gefragt waren nicht zuletzt Anlagevehikel, die in den Schwellenländern anlegen. Aufstrebende Länder wie Indien, China, Indonesien oder Brasilien gelten zwar als aussichtsreich. Aber eben auch als besonders riskant. Doch Letzteres interessiert derzeit offensichtlich niemanden - ebenso dass die plötzlich beliebten Schuldtitel von Unternehmen gewagter als Regierungspapiere sind.

Dabei sind die tiefen Zinsen umstritten. Die Weltwirtschaft erholt sich weit schneller als gedacht, und Ökonomen heben ihre Wachstumserwartungen kräftig an.

Quasi-Versicherung für Banken

«Die Notenbanker ermuntern mit ihren niedrigen Zinsen die Anleger regelrecht dazu, Unfug an den Märkten zu treiben», sagt Hans Günter Redeker, Chefdevisenstratege bei der BNP Paribas. Bereits die jetzige Finanzkrise sei durch zu niedrige Sätze ausgelöst worden. Als geistiger Brandstifter einer viel zu lockeren Geldpolitik gilt der frühere amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan. Er ist nicht nur für seine verfehlt niedrigen Zinsen berüchtigt, sondern auch für seine Feuerwehraktionen. Immer wenn die Märkte auf Crashkurs gingen, sprang er den Investoren mit billigem Geld bei - eine Art Kursabsicherung, die Investoren den «Greenspan-Put» nannten. «Die Investoren konnten so sorglos immer grössere Risiken eingehen - das Ergebnis ist bekannt», so Redeker.

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Das scheint auch jetzt wieder so. Die Wall Street erlebt nur ein Jahr nach dem Beinahe-Kollaps eines der besten Jahre ihrer Geschichte. Allein Goldman Sachs kann den Mitarbeitern in diesem Jahr 20 Mrd Dollar an Boni ausschütten - das sind 700000 Dollar für jeden Angestellten. «Die Banken werden bewusst subventioniert, damit sie ihre Bilanzen reparieren können», sagt Liaquat Ahamed, Investmentofficer von Charter Atlantic. «Um die Altlasten zu beseitigen, müssen die Zinsen in den kommenden drei bis vier Jahren niedrig bleiben.» Auch die Politik ist an Niedrigzinsen interessiert, geht es doch darum, die horrenden Staatsdefizite günstig zu finanzieren.

Verdrängt wie die Vogelgrippe

Inzwischen scheinen sich die Anleger schnell an das riskante Umfeld zu gewöhnen - zumindest bis zum nächsten Einbruch. «Menschen sind im Umgang mit Risiken immer irrational. Sie haben die BSE-Seuche vergessen, die Vogelgrippe verdrängt, und sie könnten auch die Finanzkrise schneller als gedacht abschütteln», sagt Psychologe Gigerenzer.

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