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Unaufhaltsam
Too big to block: Bitcoin beschäftigt Notenbanker

Bitcoin-Darstellung
Bitcoin: Bisher ein Randphänomen.Quelle: ZVG

Alle warten auf den Crash. Doch das Schicksal der Digitalwährung entscheidet sich nicht an kurzfristigen Kurskorrekturen. Das wissen auch die Zentralbanken.

Von Marc Badertscher
am 07.12.2017

Das Unbehagen erfasst inzwischen Teile der Wirtschaftselite. « Bitcoin sollte man verbieten», erklärte Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz letzte Woche. Sein Argument lautet: eine Währung zu schaffen, sei Aufgabe des Staates.

Jahrzehntelang war das nirgendwo infrage gestellt. Doch zunehmend beginnen sich jene Kreise Gedanken zu Kryptowährungen zu machen, welche eine längerfristige Sicht auf den Gang der Dinge haben: die Zentralbanken. Sie wären direkt betroffen, sollte privates Geld nach hundert Jahren Unterbruch in grösserem Stil in Umlauf kommen.

Mit erhöhter Kadenz wenden sich zuletzt in den USA und Europa Währungshüter und Behörden mit warnenden Worten an die Öffentlichkeit. In Frankreich sagte der Vorsitzende der Finanzmarktaufsicht, Robert Ophèle, Bitcoin stelle Zentralbanken und Regulatoren vor grösste Probleme. Marokko und Simbabwe diskutieren bereits nicht mehr und fahren schärferes Geschütz auf: Sie erlassen Bitcoin-Verbote. Es scheint, als bereiten sich erste staatliche Akteure auf einen ernsthaften Machtkampf vor.

Noch immer ein Randphänomen

Bitcoin ist mit seinen Eigenschaften vor allem eines: ein Gegenprojekt zu den Zentralbanken. Heute sind es die Zentralbanken, welche die Volkswirtschaften in einer Art Public-Private-Partnership zusammen mit den Geschäftsbanken massgeblich steuern. Die entscheidenden Faktoren sind dabei Kreditvergabe, Finanzstabilität, Inflation und die Geldmenge in einer Volkswirtschaft. Durch Festlegen der Zinsen oder durch Wertpapierkäufe können die Währungshüter darauf massgeblich Einfluss nehmen. Ohne eigene Währung wäre das unmöglich.

«Wenn virtuelles Geld ausserhalb der Einflusssphäre der Zentralbank kreiert wird, dann könnte die Kontrolle der die Zentralbank über Geld und Kreditvergaben weniger effektiv werden», schrieb die Europäische Zentralbank EZB schon vor Jahren. Hysterischer formulierte es kürzlich eine niederländische Zeitung. Sie rief ihre Leser zum Verkauf ihrer Bitcoins auf, da diese die Möglichkeiten der Zentralbanken schmälerten, die Wirtschaft stabil zu halten.

Natürlich ist das alles Vorgeplänkel auf mögliche Auseinandersetzungen in der Zukunft. Heute ist Bitcoin makroökonomisch ein Randphänomen und selbst mit 200 Milliarden «Marktkapitalisierung» ein Nonvaleur. Ausser spekulativen Gewinnen steht wenig auf dem Spiel. Aber niemand weiss, wie sich die Dinge entwickeln. Bei der UBS glaubte die Chefetage in den 1990er Jahren auch, konzernweit würden «einige EMail-Adressen» ausreichen.

Das erste rare Gut im digitalen Raum

Bitcoin gewinnt eindeutig an Attraktivität – auch fernab der grossen Spekulationszentren Südkorea, Japan, USA und Europa. Gerade in Ländern mit schwachen Währungen oder rigiden Kapitalkontrollen steigen die Nutzerzahlen rasant an. Venezuela, Simbabwe, Indien, Russland: Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Immer steht ein grosses Mass an Misstrauen gegenüber der lokalen Währung und den lokalen Regierungen am Anfang – und die Angst, das eigene Geld könnte entwertet werden.

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Bitcoin und das heutige Finanzsystem

Was steckt hinter der Idee von Bitcoin gesellschaftspolitisch?

Die Trennung von Staat und Geld.

Wird mit Bitcoin und Co. die Bankenwelt obsolet?

Nein. Viele Phänomene und Institutionen werden parallel aufgebaut. Es gibt Börsen, Banken, Zahlungsabwickler. Und bereits sehen wir Kreditvergaben.

Wird die Finanzwelt robuster?

Wahrscheinlich nicht. Erste Institute (etwa Unchained Capital) vergeben Kredite, wenn dafür Bitcoins als Sicherheit hinterlegt werden. Kommt es zum Crash, führt das zu Liquidationen. Natürlich ist Bitcoin mit seiner aktuellen Marktkapitalisierung nicht gross genug, um eine echte Gefahr darzustellen. Relevant würde solches aber, falls Bitcoin weiter wächst.

Gibt es nie mehr als 21 Millionen Bitcoins?

Wahrscheinlich nicht. Allerdings ist es nur eine Zeile im Programmcode, welche die 21-Millionen-Grenze festlegt. Diese kann geändert werden, wenn die Mehrheit das möchte. Aber das ist auf absehbare Zeit unwahrscheinlich, weil die 21-Millionen-Grenze zur DNA von Bitcoin gehört. Es ist eine politische Frage, ob eine Geldmengenausweitung sinnvoll ist. Aber denkbar ist, dass irgendwann eine andere Währung lanciert wird, ein Klon von Bitcoin, der mehr Einheiten zulässt.

Bitcoin stellt schlicht eine globale Alternative in Aussicht. Das Versprechen lautet super banal: Es wird maximal 21 Millionen Bitcoins geben, die berechenbar in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erschaffen und in Umlauf gebracht werden. Auf dieser fixen Geldmengenpolitik gründet der ganze Erfolg von Bitcoin, nämlich auf der Knappheit. Tatsächlich ist Bitcoin das erste rare digitale Gut überhaupt, das nicht von der Gnade einer Zentrale abhängt. Zu Recht wird Bitcoin oft als digitales Gold beschrieben.

Der grosse Hebel von Bitcoin ist allerdings nichts Technisches, sondern letzlich etwas Soziales: Vertrauen. In Geldfragen vertraute die Menschheit zuerst auf die Unfälschbarkeit von riesigen Steinen, die Wert symbolisierten, dann auf die Knappheit von physischem Gold, dann auf die Autorität des Staates. Vertrauen ist gerade bei komplexen Dingen immer ein soziales Konstrukt. Je mehr Leute dieses kundtun, desto stärker wird es. Ein klassischer Fall von Netzwerkeffekt. Es ist nicht undenkbar, dass die Menschen global beginnen, Vertrauen in ein rares digitales Gut zu legen. Das grosse Wunder war nicht, dass Bitcoin von 10 Dollar auf 10000 Dollar stieg, sondern überhaupt erst von 0 auf 10 Dollar.

Versteckter Appell an die Politik

Weltweit reagieren nun die Behörden. Die Türkei erklärt Bitcoin und Co. als nicht mit dem Islam kompatibel. Indien rasselt ebenfalls mit den Säbeln und will das neue digitale Geld als Zahlungsmittel verbieten. In der westlichen Welt beschränken sich die Behörden darauf, die Nutzer von Kryptowährungen zu identifizieren und so Geldwäscherei und Steuerhinterziehung zu erschweren. In London hat das Finanzministerium letzte Woche entsprechende Pläne bekanntgemacht, in den USA ist ein entsprechender Gesetzesvorstoss hängig, und die EU arbeitet ebenfalls an Vorlagen, die eine flächendeckende Klärung anstreben, wer letzlich hinter jedem Bitcoin-Wallet steckt.

Das mag die Attraktivität von Kryptowährungen für Kriminelle mindern (aber diese scheren sich ohnehin nicht um Gesetze) und die breite Adoption wegen zunehmender Bürokratie bremsen. Das Entstehen von privatem Geld als Konkurrenz zum Zentralbankengeld verhindert es nicht. Was würden die Leute in Europa machen, wenn es eine Finanz- und Eurokrise wie vor einigen Jahren gäbe? Wenn es wirklich hart auf hart gehen sollte, helfen nur drakonische Massnahmen. Als EZBChef Mario Draghi vor einigen Monaten sagte, er könne nichts gegen Bitcoin und Co. unternehmen, frohlockten Bitcoin-Anhänger über Draghis vermeintliche Schwäche. Doch sein Kommentar dürfte nichts anderes als ein Appell an die Politik gewesen sein, aktiv zu werden.

Auf bekannten Wegen unterwegs

Die Verfechter von privatem Geld argumentieren gerne damit, das Finanzsystem als Ganzes würde mit Bitcoin wegen dessen 21-Millionen-Grenze stabiler. Schon heute mehren sich allerdings die Anzeichen, dass weite Teile der klassischen Bankenwelt schlicht repliziert werden. Derivate auf Bitcoin werden gerade lanciert, erste Kreditvergaben mit Bitcoins als Sicherheit ebenfalls. Und selbst Fractional Reserve Banking, also das nur teilweise Decken von Kundenansprüchen mit Reserven, gab es bereits.

Auch wenn der Wert weiter steigen sollte: Solange Bitcoin nicht im Alltag als Zahlungsmittel breite Anwendung findet und so die Realwirtschaft prägt, ist die Handlungsfähigkeit der Zentralbanken nicht gefährdet. Heute ist Bitcoin als Zahlungsmittel praktisch unbrauchbar, weil die zugrundeliegende Blockchain-Technologie schlicht keine Massenanwendung zulässt.

Aber hinter Bitcoin und anderen Kryptowährungen stehen Tausende kluge Köpfe überall auf der Welt, die versuchen, die Technologie massentauglich zu machen. Schlecht stehen die Chancen nicht, aber es braucht Jahre. Oft werden die Folgen von technischen Innovationen kurzfristig überschätzt, langfristig jedoch unterschätzt. Irgendwann könnten zu viele Milliarden in Anlageprodukten und Fonds liegen, um staatliche Verbote von privatem Geld auszusprechen. Man würde dann wohl sagen: «Too big to block.»