Vor 21 Jahren war Li Lu Studentenführer bei den Protesten auf dem Tiananmen-Platz in Beijing. Heute ist er Hedge-Fonds-Manager und wird als Nachfolger von Warren Buffett bei Berkshire Hathaway gehandelt. Der 44-Jährige ist einer der heissesten Anwärter auf den Job, künftig einen grossen Teil des 100 Mrd Dollar schweren Berkshire-Portfolios zu verwalten. Li ist eng befreundet mit Charlie Munger, dem 86-jährigen Vizechef von Berkshire. In einem Interview verriet Munger, dass Li wahrscheinlich einer der Top-Investmentmanager bei der Gesellschaft wird. «In meinen Augen ist das so gut wie ausgemacht», sagte er.

Zwei Leute für einen Job

Buffett wird im kommenden Monat 80 und hat selbst bisher noch keine Aussagen zu seinem Rückzug gemacht. Nur so viel: Er werde seinen Job vermutlich aufsplitten. Demzufolge sollen die Geschäftsführer- und die Investmentfunktion künftig von zwei Leuten übernommen werden. Mit Li taucht nun zum ersten Mal ein Name für einen möglichen Nachfolger auf der Investmentseite auf. Offenbar beginnt man bei Berkshire - vielleicht sogar eher, als Anleger erwartet haben -, bestimmte Aspekte der Nachfolge von Buffett zu regeln.

Li hat Berkshire bereits zu guten Geschäften verholfen: Er führte Munger beim chinesischen Batterie- und Autohersteller BYD ein, und Berkshire investierte. Seit 2008 hat sich der Wert des Anteils an BYD nach Buffetts Angaben mehr als versechsfacht und rund 1,2 Mrd Dollar Gewinn gebracht. Lis Hedge-Fonds haben seit 1998 einen annualisierten Gewinn von 26,4% erreicht - der S & P 500 kam im selben Zeitraum auf 2,25%. Li Lu wurde 1966 geboren - in dem Jahr, als Mao Zedongs Kulturrevolution begann. Als Li neun Monate alt war, wurde sein Vater, ein Ingenieur, zur «Umerziehung» in eine Kohlenmine geschickt und seine Mutter in ein Arbeitslager. Li wuchs in dieser Zeit bei Pflegeeltern auf.

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Als Kind von seiner Familie getrennt gewesen zu sein, habe seinen Überlebenswillen gestärkt, sagt er. Im Alter von zehn Jahren sah er Vater und Mutter wieder. Zu dieser Zeit erschütterte ein massives Erdbeben seine Heimatstadt. 242 000 Menschen in der Region wurden getötet. Li und seine Eltern überlebten. Seine Grossmutter weckte in ihm die Begeisterung fürs Lesen, so Li. Später ging er an die Nanjing-Universität und machte einen Abschluss in Physik. Nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens floh er nach Frankreich, ging dann in die USA.

Zu den Investoren seiner Hedge-Fonds gehören amerikanische Geschäftsführer, aber auch der Rockmusiker Sting, der Li als «fleissigen Arbeiter und sehr clever» bezeichnet. Lis Investmentstrategie unterscheidet sich deutlich von der Buffetts: Er legt überwiegend in Hochtechnologie-Unternehmen in Asien an, während Buffett Branchen, von denen er nichts verstehe, lieber meidet, wie er sagt. Seiner Ansicht nach könnten seine Aufgaben als Investor in Zukunft zwei oder mehr gleichberechtigte Manager erledigen, die sich die Verantwortung für das 100-Mrd-Dollar-Portfolio teilen könnten.

David Sokol als CEO im Gespräch

Als aussichtsreichster Kandidat für den Posten des CEO gilt David Sokol, Vorstand der Berkshire-Tochter MidAmerican Energy. Der 53-Jährige ist seit 1991 bei MidAmerican. Buffett schliesst nicht aus, dass jemand wie Li zu Berkshire kommen könnte: «Die Vorstellung, andere Investmentmanager ins Spiel zu bringen, solange ich noch an Bord bin, gefällt mir.» Entsprechende Schritte noch in diesem Jahr seien nicht ausgeschlossen, aber es gebe auch keine «Zielvorgabe». In Zukunft könnte es ein Team geben, in dem alle als Gruppe aus einem Topf bezahlt werden. «Ich möchte keine Konkurrenz unter ihnen.» Li erfüllt dafür nach Buffetts Worten einige wichtige Kriterien. «Man stellt sich da jemanden vor, der Probleme erkennt, die es bisher noch nicht gegeben hat», sagt er.

Li ist ein sogenannter Contrarian Investor, der auf BYD setzte, als der Kurs ganz unten war. Und er ist ein grosser Berkshire-Fan, was sicher hilfreich ist, denn, so Buffett: «Wir wollen nur jemanden, der was übrig hat für Berkshire.» Dennoch könnte es riskant sein, Li an Bord zu holen. Sein Engagement bei BYD ist sein einziger Anlageerfolg grossen Stils. Ohne diese Gewinne fällt seine Performance als Hedge-Fonds-Manager eher bescheiden aus, und es ist nicht klar, ob er derartige Gewinne auch einfahren könnte, wenn er einen grossen Teil des Berkshire-Portfolios managt. Ausserdem könnte seine Strategie des «backing up the truck» - grosse Investments tätigen und sie weiter halten, selbst wenn der Markt dreht - in einem anhaltenden Bärenmarkt fehlschlagen.

Li selbst macht zu einem möglichen Einstieg bei Berkshire keine Angaben, er sagt lediglich, er freue sich, zum inneren Kreis zu gehören: «Von so was kann man nur träumen.»