Der Start kommt pünktlich in der Silvesternacht. Nach fünf Jahren Einführungsarbeiten tritt am 1. Januar 2011 der Swiss Solvency Test für die Schweizer Versicherer in Kraft. Doch während draussen die Feuerwerke krachen, droht das Regelwerk bereits zum Rohrkrepierer zu werden. So startet über die Hälfte der Assekuranzhäuser mit internen Risikomodellen in den Test, die von der Finanzmarktaufsicht Finma noch nicht definitiv zugelassen sind. Offensichtlich haben Aufsicht und Unternehmen den Aufwand der Einführung unterschätzt.

Das könnte sich jetzt rächen. Denn auf Basis dieser provisorisch zugelassenen Risikomodelle rechnet Finma-Sprecher Alain Bichsel vor: «Von 133 Versicherern erfüllen neun den Test nicht.» Sechs davon stammen aus der Lebenbranche. Denn die tiefen Kapitalmarktrenditen erschweren derzeit die Finanzierung von Garantiezinsen bei Lebenpolicen und Pensionskassenverträgen ganz erheblich.

Fragezeichen bei Axa Winterthur

«Wer die Kriterien verfehlt, kann die Lücke grundsätzlich durch eine Kapitalerhöhung oder eine Reduktion der Risiken schliessen», so Bichsel. Bis zu einem gewissen Grad könne das auch über Garantien von Gruppengesellschaften geschehen, gehöre doch die Mehrzahl der sechs problematischen Lebensversicherer zu gut kapitalisierten Konzernen. Dieser Vorschlag mag auf Axa Winterthur gemünzt sein: Brancheninsider vermuten nämlich, dass die Schweizer Tochter des französischen Assekuranzriesen die Kriterien des Swiss Solvency Tests (siehe Kasten) verfehle, da sie auf grossen Vertragsbeständen mit hohen, schwer finanzierbaren Garantiezinsen sitze. Axa Winterthur will dazu keine Stellung nehmen.

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Mitbewerberin Swiss Life hat ein ähnlich strukturiertes Portefeuille. Aber auch deren Medienchef Martin Läderach will von Problemen nichts wissen: Sowohl die Swiss-Life-Gruppe als auch die Swiss Life, deren Hauptbestandteil das Schweizer Geschäft ist, erfüllten die Solvenzregeln - dies zumindest basierend auf den eigenen Risikomodellen. Die positive Aussage gelte nicht nur für den Swiss Solvency Test, oftmals kurz SST genannt, des Geschäftsjahrs 2009, sondern auch für dieses Jahr mit seiner speziell schwierigen Zinssituation. Im Sommer rutschten nämlich die Kapitalmarktrenditen auf ein Rekordtief. Trotzdem habe bei Swiss Life die SST-Quote, also das tatsächlich vorhandene im Verhältnis zum aufsichtsrechtlich nötigen Eigenkapital, Ende des dritten Quartals «deutlich über 100 Prozent» betragen.

«Im Lebengeschäft sind die Voraussetzungen angesichts des Zinsumfelds zwar nicht ideal», ergänzt Mediensprecher Bernd de Wall von der Allianz Suisse. «Aber wir sehen die Situation derzeit nicht als kritisch an. Wir können unsere Garantieverzinsung noch über viele Jahre hinweg aufrechterhalten, ohne unsere Kapitaldecke anzugreifen.» Positive Prognosen wagt auch die Nationale Suisse. Nachdem der Versicherer 2009 im grünen Bereich gelegen sei, werde das «aller Voraussicht nach» auch für 2010 der Fall sein, stellt Mediensprecherin Sophia Schor in Aussicht. Anders als Nationale Suisse will die ebenfalls aus Basel stammende Pax die SST-Situation nicht kommentieren. Einige Beobachter zählen die Pax zu möglichen Problemfällen.

Streit um Immobilien

Allerdings sind Verdächtigungen jeweils schnell zur Hand, wie das Beispiel von Helvetia und Zurich Financial Services zeigt. Als die beiden im Herbst ihr Kapital durch Hybridanleihen aufstockten, argwöhnten Beobachter, die Gesellschaften müssten im Hinblick auf den Swiss Solvency Test noch schnell die Bilanzen aufbessern. Martin Nellen, Medienchef der Helvetia, stellt klar: «Die SST-Quote der Helvetia-Gruppe für 2009 liegt deutlich über 100 Prozent.» Noch besser scheint die Lage bei Zurich. Sowohl fürs Gesamtjahr 2009 als auch fürs erste Semester 2010 betrage die Quote mehr als 200 Prozent, führte Finanzchef Dieter Wemmer am Investorentag Anfang Dezember aus.

Allerdings ist bei Vergleichen zwischen Gesellschaften Vorsicht geboten. Da die Branche mit internen Risikomodellen arbeite, sei die Vergleichbarkeit der Quoten «extrem schwierig, wenn nicht unmöglich», so Bâloise-Sprecher Dominik Müller. Bezüglich seines Unternehmens sagt er lapidar: «Gegenwärtig sehen wir Bâloise im grünen Bereich.» Ähnlich klingt es bei Generali Schweiz. Man habe ganz klar keine Probleme mit dem SST, sagt Sprecherin Liliane Scherer. Auch sie will keine konkreten Zahlen nennen, denn: «Die Modellierungsunsicherheiten beim Swiss Solvency Test sind speziell für Lebensversicherer heute noch sehr gross.»

Tatsächlich ist zwischen Versicherer und Aufsicht ein Streit über einzelne Parameter entbrannt, insbesondere die Zinskurve für die Bewertung von Versicherungsverpflichtungen und das Modell für Immobilienanlagen. Die Finma-Risikoszenarien für Immobilien sehen zwar weit weniger vorteilhaft aus als jene der Lebensversicherer. Trotzdem werde sich die Assekuranz deswegen nicht im grossen Stil von Liegenschaften trennen, glaubt Marc Chuard, Ressortleiter Wirtschaft und Recht beim Schweizerischen Versicherungsverband. «Insgesamt erwarte ich aufgrund des SST keine grossen Veränderungen bei der Anlagestrategie der Versicherer», so Chuard. Aus demselben Grund stünden am 1. Januar den Kunden auch kein Knall bevor, sondern die Fortsetzung des bisherigen Trends. Konkret: Die Branche wird immer weniger Versicherungen mit Garantien anbieten.

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