Die Derivatebranche durchlebt stürmische Zeiten. Allein letzten November brachen die Umsätze an der Derivatebörse Scoach um fast 50% auf 57 Mrd Fr. ein - im Vorjahr waren es noch 71 Mrd Fr. gewesen. Auch bei den Emittenten wird rückwärts gerechnet. So hat die Deutsche Bank ihren Derivatehandel in Zürich eingestellt. Das Institut hatte bisher eine Leaderrolle inne: Mit 24% Marktanteil bei den kotierten Derivaten war es noch im November der grösste Anbieter für strukturierte Produkte in der Schweiz.

Geordneter Rückzug

Auch andere Institute, wie die Waadtländer Kantonalbank, die UBS, Julius Bär und Clariden Leu, reduzierten bereits bei den Teams für strukturierte Produkte. «In den nächsten ein bis zwei Jahren sehen wir sicher eine Konsolidierung bei den Emittenten im Derivatemarkt», sagt Roger Studer, Leiter Investment Banking bei Vontobel und Präsident des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP). Auch Vontobel, einer der wichtigsten Player im Schweizer Derivatemarkt, rechnet jetzt vorsichtiger: «Wir ersetzen die natürlichen Abgänge aus dem Derivateteam nicht mehr», erklärt Studer. Dabei handle es sich «nur um wenige Mitarbeiter». Das Derivateteam von Vontobel umfasst heute rund 75 Personen. Doch für Vontobel ergäben sich jetzt Opportunitäten, beteuert der 41-jährige Studer: «Erste Emittenten haben sich bereits aus dem Derivategeschäft zurückgezogen, und es werden voraussichtlich weitere folgen», so Studer. «Davon kann Vontobel als etablierter Anbieter profitieren.»

Zwar werden die Volumen im Markt für strukturierte Produkte für das Gesamtjahr 2008 tiefer ausfallen als 2007, davon ist auch Studer überzeugt. Doch bald soll es aufwärts gehen: «Wir gehen davon aus, dass wir 2009 wieder leichte Anstiege sehen werden.»

Wie die meisten Marktteilnehmer erwartet er, dass 2009 einfachere Instrumente nachgefragt werden. Das Bedürfnis nach Transparenz und Verständlichkeit ist bei den Anlegern gestiegen. Aber auch neue Formen werden in Mode kommen: «Verstärkt nachgefragt werden 2009 sicher Produkte wie Exchange Traded Structured Funds (ETSF), die ein von der Konkursmasse ausgenommenes Sondervermögen bilden, oder Produkte, die mit einem Pfand (Collateral) hinterlegt sind», prognostiziert Studer. Die Börse ist bereits mit «ein paar» Anbietern im Gespräch, die neben Vontobel ebenfalls ETSF anbieten wollen, also Derivate in einem rechtlichen Fonds-Mantel.

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Derivate, die vom Anbieter mit einer Sicherheit hinterlegt sind und damit kein Emittentenrisiko bilden, sind der neuste Coup des SVSP. «Wir planen zusammen mit der Börse ein zentrales Clearingsystem», so Studer. Ende Januar würde über Details informiert. «Wir sind zuversichtlich, dass wir das Projekt noch im 1. Quartal 2009 realisieren können», sagt Studer. Auch die Emittenten sind bereits informiert über die Pläne.

Der Grund für die Eile ist klar: Seit der Lehman-Pleite ist der Verband im Zugzwang. Schlagartig wurde damals vielen Inhabern von Lehman-Derivaten schmerzlich bewusst: Ein strukturiertes Produkt ist - ähnlich einer Obligation - eine Schuldverschreibung. Und mit der Insolvenz des Anbieters droht ein Totalverlust. «Kurzfristig hat die Lehman-Pleite zu einem Nachfragerückgang bei Derivaten geführt», bestätigt Studer. Längerfristig sei er jedoch überzeugt, dass dem Emittentenrisiko jetzt mehr Rechnung getragen werde.

Kundenberater besser schulen

Im Zusammenhang mit dem Konkurs von Lehman Brothers wurden auch Vorwürfe gegenüber den Kundenberatern laut. Sie seien nicht adäquat über die Risiken der strukturierten Produkte aufgeklärt worden, so die Kritik enttäuschter Anleger in Lehman-Papiere. Um die Schulung von Kunden und Anlageberatern konsequenter umsetzen zu können, habe der Verband an der letzten GV entschieden, die Mitgliederbeiträge zu erhöhen, so Studer. Vor kurzem wurde nun das Swiss Derivative Institute gegründet, das Lehrgänge im Bereich strukturierter Produkte anbietet. «Ein Projekt, das der Verband verfolgt, ist eine Derivate-Ausbildung, die mit einer Fachprüfung abgeschlossen wird», sagt Studer.