Die bisher eher unauffällige Vitol-Gruppe steht plötzlich im Zentrum einer Debatte darüber, welche Rolle Spekulanten in jüngster Zeit im volatilen Ölmarkt gespielt haben könnten. Auf der Suche nach den Ursachen für die starken Ölpreisschwankungen in den vergangenen eineinhalb Jahren überprüfen Ermittler derzeit verschiedene Ölhandelsfirmen, darunter auch die holländisch-schweizerische Vitol Group. Das Unternehmen ist der grösste unabhängige physische Ölhändler weltweit.

Terminhandel wird untersucht

Anwälte der US-Aufsichtsbehörde für den Terminhandel CFTC untersuchen dabei auch die Transaktionen eines einzelnen Händlers, der zu einem sechsköpfigen Hedge-Fonds-Team in Houston gehört. Dieser Hedge-Fonds arbeitet im Auftrag von Vitol. An einem einzigen Tag im Juli 2008 - zu jener Zeit, als sich der Ölpreis auf Rekordhöhen befand - soll er allein 11% aller offenen Rohölkontrakte an der New Yorker Terminbörse Nymex gehalten haben.

Im August wurde dann bekannt, dass Vitol jener mysteriöse Händler ist, den US-Regulierungsbehörden als «nicht-kommerziellen» Trader identifizierten. Das war kurz nach dem Rekordhoch bei den Ölpreisen. Damals wurde der Ruf immer lauter, zu untersuchen, inwieweit Spekulanten für die steigenden Benzinpreise in den USA verantwortlich seien. Vitol hat mittlerweile zugegeben, dass die als nicht-kommerziell identifizierten Trades von dem Hedge-Fonds des Unternehmens getätigt wurden. Sie addierten sich zu jenen Transaktionen, die die industriellen Einheiten Vitols regelmässig an der Nymex abwickeln. Das heisst: Der Anteil offener Ölkontrakte der Vitol-Gruppe an der Nymex betrug sogar mehr als 11%.

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Jedoch betonte Vitol-Präsident und CEO Ian Taylor, dass es sich bei den betreffenden Trades nicht um One-Way-Wetten handelte, die den Ölpreis nach oben hätten treiben können.

In der Tat zeigen CFTC-Daten, dass es sich bei den Transaktionen des Hedge-Fonds zu beinahe gleichen Teilen um Long- und Short-Verkäufe handelte. Die Ölhandelsstrategie des Hedge-Fonds sei nach Aussage Taylors vielmehr, aus Preisunterschieden bei verschiedenen Lieferverträgen Gewinne zu erzielen. Das Geschäft mit Terminkontrakten sei grösstenteils ausgelagert und nicht dazu gedacht, zu spekulieren, sondern Preisrisiken im physischen Ölgeschäft der Gruppe abzusichern.

«Bevorzugen niedrigere Preise»

«Hätten wir die Wahl, dann würden wir niedrigere Preise beim Öl bevorzugen, denn dann hätten wir auch niedrigere Betriebskosten», sagt der 52-jährige Taylor. Vitol kauft Öl von den Produzenten und macht Gewinn mit dem Verkauf von Futures, daher gehe das Unternehmen «an den Börsen hauptsächlich short», was die Ölnotierungen eher drückt.

Mit ihren Untersuchungen überprüft die CFTC generell Einflüsse, die die Preise nach oben wie nach unten treiben können - und ob ein einzelner Marktteilnehmer genügend Macht dafür besitzt. Die Behörde sagt, sie interessiere sich speziell für Ölmarktakteure, die sowohl spekulieren als auch physisches Ölhandelsgeschäft betreiben. In den Fokus ihrer Untersuchungen ist auch die Tatsache gerückt, dass Vitol Öltanker least und als schwimmende Depots benutzt. Dieses Vorgehen, so die Theorie der Aufsichtsbehörde, könnte das Ölangebot künstlich verknappen. Laut Insiderinformationen hat Vitols Hedge-Fonds auch in der Zeit auf dem Ölmarkt getradet, als das Unternehmen Tanker geleast hatte.

Dem entgegnet Mike Loya, Präsident des amerikanischen Zweigs von Vitol, dass Händler sehr schnell Wind davon bekämen, wenn Tanker geleast werden. Dies geheim zu halten, sei fast unmöglich. Ausserdem verkaufe Vitol Öl, «wenn es am wirtschaftlichsten ist», und versuche nicht, durch Lagerung oder Ähnliches die Preise zu beeinflussen. Auch bei anderen grossen Playern im Ölgeschäft stösst die Tankertheorie der CFTC auf Skepsis.