Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Renato Flückiger*: Die Aktienmärkte haben nach den US-Präsidentschaftswahlen von der «Trump-Rally» profitiert. Wie es im 2017 weitergeht, hängt sicherlich davon ab, welche konkreten Parameter der neue Präsident für die Wirtschafts- und Handelspolitik vorsieht. Die Tweets und spontanen Aussagen von Donald Trump beeinflussen kurzfristig die Märkte und sorgen für mehr Volatilität. Weiter im Blickpunkt stehen die Unternehmensergebnisse vom vierten Quartal 2016 und auch die Einschätzungen für das laufende Jahr. Hier erwarte ich grundsätzlich solides Zahlenmaterial. Auf der konjunkturellen Seite ist die Weltwirtschaft eher wieder dynamischer unterwegs. Diese Konstellation sollte die Aktienmärkte und die Zinsen grundsätzlich stützen.

Welche Schweizer Branche kann sich über Donald Trumps Einzug ins Weisse Haus freuen?
Im letzten Quartal 2016 haben sich die amerikanischen Konjunkturdaten mehrheitlich verbessert und untermauerten die vielversprechenden Wachstumsaussichten. Dies führte unter anderem zu einem stärkeren US-Dollar, der die Dollarumsätze in Schweizer Franken verbesserte. Von diesem Effekt dürften primär Luxusgüterhersteller und Aktien aus dem Nahrungsmittel- und Pharmasektor profitieren. Zudem hoffen die Banken auf bessere Geschäftsbedingungen nach Trumps Forderungen für weniger Finanzmarktregulierungen.

Wie können Schweizer Kleinanleger vom Machtwechsel in den USA profitieren?
Sollte die Unberechenbarkeit des US-Präsidenten mit seinem intensiven «Gezwitscher» die Finanzmärkte weiter auf Trab halten, dann werden ganze Branchen oder auch Einzeltitel mit starken Kursverlusten abgestraft werden. Ist die fundamentale Situation in Ordnung, können sich daraus kurzfristig Opportunitäten für mutige Investoren ergeben.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der SMI befindet sich aktuell am oberen Ende der Range zwischen 7'500 und 8'400 Punkten. Im Moment wird in zyklischen Werten wie Industrie und Banken viel Euphorie eingepreist. Es wird sich zeigen, ob diese Bewertungen gerechtfertigt sind. Es gibt klare Anzeichen, dass die nun zwei Jahre andauernde Gewinnrezession langsam zu Ende geht. Für 2017 ist in den meisten Regionen eine Rückkehr zu einem positiven Gewinnwachstum zu erwarten. Die Chancen stehen gut, dass die anstehende Berichtsaison zur besten seit Ende 2014 wird. Falls die erwähnten Einflussfaktoren positive Impulse auslösen, dann ist für den SMI kurzfristig der Weg bis 8'500 Punkte offen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die Aussichten für die Unternehmen sind vielversprechend, aber Störfeuer aus der Politik sind nicht ausgeschlossen. Trotzdem traue ich dem SMI einen Anstieg von 4 bis 6 Prozent zu. Das würde einem Stand von 8'600 bis 8'800 Punkten entsprechen. Voraussetzungen dafür sind, dass sich die Konjunkturdaten weiter solid entwickeln und die Unternehmen beim Gewinn- und Umsatzwachstum die Vorgaben erfüllen können.

Gold hat seit Anfang Jahr erneut zugelegt. Kann dieser Aufwärtstrend anhalten?
Steigt der Dollar, sinkt das Gold. So lautete zumindest die Devise gegen Ende des letzten Jahres. Dieser Trend dürfte sich auch im laufenden Jahr fortsetzen. Allerdings sehe ich aufgrund der diversen politischen Unsicherheiten durchaus zusätzliches Potential für das gelbe Metall.

Der Brexit-Fahrplan wird allmählich konkreter – haben Theresa Mays Pläne bereits Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft und Börse?
Die Zweijahresfrist für die kommenden Brexit-Verhandlungen wird kaum für eine definitive Lösung ausreichen. Solange keine Details bekannt sind, bleiben die Auswirkungen auf die Schweizer Börse und Wirtschaft schwer voraussehbar. Ich gehe jedoch davon aus, dass die viel diskutierten negativen konjunkturellen Auswirkungen des Brexit weit weniger gravierend ausfallen werden als befürchtet.

*Renato Flückiger ist seit August 2012 CIO der Bank Valiant in Bern. Zuvor war der Betriebsökonom bei der Grossbank UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Renato Flückiger hat an der Fachhochschule in Bern studiert und besitzt zudem das Diplom des Chartered Financial Analyst.

Das Börsenausblick-Interview «Märkte in Osteuropa sind ein Geheimtipp für Aktien» mit Axa-Chefstratege Franz Wenzel aus der vergangenen Woche lesen Sie hier.

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