Die Stimmung an den Aktienmärkten hat sich in den letzten zwölf Monaten stark aufgehellt so sehr, dass sich die ersten Firmen wieder dem Publikum öffnen und diesen Schritt dazu nutzen, um gleichzeitig Gelder am Markt aufzunehmen. Ein solches Initial Public Offering (IPO) an der Schweizer Börse SIX hat jüngst die Lebensmittelgruppe Orior angekündigt (siehe Kasten). Seit 2008 ist es das erste Unternehmen, dem dieses Unterfangen gelingen könnte. Die Börsenneulinge aus dem Jahr 2009 begnügten sich nämlich mit der Kotierung von bestehenden Aktien.

Das IPO-Fenster öffnet sich

«Mit Orior scheint sich das IPO-Fenster endlich auch hierzulande wieder zu öffnen», erklärt Philipp Hofstetter, Leiter Corporate Finance von PricewaterhouseCoopers Schweiz. Er gibt aber zu bedenken, dass die Situation im IPO-Markt noch sehr fragil sei. «Entscheidend ist, dass sich die Aktienmärkte weiterhin positiv entwickeln», so Hofstetter.

Eine leichte Korrektur würde zwar noch hingenommen, dann aber wäre das Fenster bereits wieder zu. Die zukünftige Aktivität am IPO-Markt hängt dabei auch vom Erfolg oder Misserfolg von Orior ab. «Sollten die jüngst angekündigten IPO in der Schweiz und anderen europäischen Staaten positiv aufgenommen werden, könnten weitere Transaktionen folgen», ist Hanspeter Gehrer, Leiter Corporate Finance bei der Bank Vontobel, überzeugt. Vontobel ist Co-Lead-Manager beim IPO von Orior.

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Von der besonderen Rolle als Wegbereiter für kommende Börsendebuts lässt sich die Private-Equity-Firma Capvis als Verkäufer von Orior aber nicht beeindrucken. «Das Unternehmen ist heute bereit für einen Börsengang», erklärt Capvis-VR-Präsident Rolf Friedli (siehe Nachgefragt). Zusammen mit dem Management habe man sich für diesen Wachstumsschritt entschieden. «Wenn ein solcher Entscheid gefällt ist, dann spielt es keine Rolle, ob man nun der Eisbrecher ist oder sich erst als Dritter dem Publikum öffnet», sagt er.

Doch selbst wenn das Going public von Orior ein Erfolg wird, dürfte 2010 die Anzahl IPO überschaubar bleiben. «Im 1. Halbjahr erwarte ich maximal zwei Börsengänge, danach dürften noch ein paar weitere hinzukommen, falls sich die Börsen weiterhin positiv entwickeln», ist Hofstetter überzeugt. Zu denken sei dabei an traditionelle Firmen aus der Industrie- oder der Konsumgüter-Branche, welche die Krise gut überstanden hätten. «Für Hightech, Biotech oder gar Finanzwerte ist die Risikobereitschaft aber noch gering», erklärt Hofstetter.

Firmen sind zurückhaltend

Noch sind aber viele Firmen, die seit Längerem mit einer Publikumsöffnung liebäugeln, zurückhaltend. «Ein IPO wird vom Verwaltungsrat dann erwogen, wenn die Wahrscheinlichkeit einer adäquaten Bewertung längerfristig abschätzbar ist», sagt beispielsweise Klaus Sernetz, CEO der Industriegruppe Montana Tech Components. Trotz der frühlingshaften Aussichten an den Märkten sei dies derzeit nicht gegeben. Ähnlich sieht es VTX-Telecom-Chef Francis Cobbi.

Wer dennoch auf neue Mittel angewiesen ist, muss daher auf andere Quellen zurückgreifen, wie das Beispiel der Biopharma-Firma Amvac zeigt. «Wir haben die Finanzkrise mit privaten Investoren und einer Venture-Capital-Gesellschaft aus Deutschland nachhaltig bewältigen können», sagt Amvac-Sprecherin Ariane Meynert.

NACHGEFRAGT

Rolf Friedli, Partner und VR-Präsident Capvis Equity Partners


«Finanzieller Druck für IPO besteht nicht»

Weshalb wollen Sie mit Orior gerade jetzt an die Börse gehen?

Rolf Friedli: In den vergangenen Jahren haben wir Orior zusammen mit dem Management erfolgreich in margen- und wachstumsstarken Nischen positioniert. Inzwischen hat die Firma die Grösse und die Reife für einen erfolgreichen Börsengang erreicht.

Braucht Capvis nicht einfach ein Exit, um an neue Mittel zu kommen?

Friedli: Nein, ein Druck aus finanzieller Sicht besteht nicht. Wir könnten Orior länger halten, doch irgendwann stellt sich die Frage nach dem guten Exit-Zeitpunkt.

Weshalb wählen Sie das IPO und nicht einen Verkauf?

Friedli: Damit ein Unternehmen für ein IPO fähig ist, muss es zahlreiche Anforderungen erfüllen, von der Corporate Governance über die Rechnungslegung bis hin zur einer überzeugenden Story. Ein IPO ist auch ein Qualitätsmerkmal.

Welche Rolle spielt der Erlös?

Friedli: Beim Entscheid stand die Firma im Fokus.