Während ihr tiefer Aktienkurs Übernahmefantasien weckt, verströmt der neue UBS-Präsident Peter Kurer in der Personalzeitung vorsichtige Zuversicht. «Wir haben in den nächsten Monaten noch ein hartes Stück Arbeit vor uns, bis wir ? hoffentlich bis Ende dieses Jahres ? zurück auf dem Erfolgspfad sind», sagt Kurer in einem Interview mit «Our times», dem zweimonatlich erscheinendes Mitarbeitermagazin der Grossbank. Die Zeitung «Our times» geht an alle UBS-Angestellten in sämtlichen bearbeiteten Märkten. «Wir wollen damit grosse Themen vertiefen», sagt Sprecher Serge Steiner.

Der oberste UBS-Verantwortliche stellt überraschend die bisherige Strategie der integrierten Bank auf den Prüfstand. Denn die Subprime-Krise, welche die UBS bisher 40 Mrd Fr. gekostet hat, würde zu fundamentalen Veränderungen in der hart getroffenen Finanzindustrie führen. «Im Zuge einer derart schwierigen Krise ist für den VR eine komplette Überprüfung (der Strategie) empfehlenswert und angezeigt, um sicherzustellen, dass wir die nächsten Jahre mit der richtigen Strategie anpacken.»

Im Interview mit der Personalzeitung stimmt der UBS-Präsident die 80000 Mitarbeiter auf Neues ein. «Es ist unerlässlich, dass wir nochmals einen langen, harten Blick auf unsere Strategie werfen. Das heisst noch nicht, dass wir sie verändern werden ? aber wir müssen nochmals darauf schauen.» Kurers Fingerzeig signalisiert dem Personal, dass die oberste Führung die weltweite Kreditkrise aktiv anpacken will.

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Neue Verluste befürchtet

Für die Zukunft der UBS ist das Vertrauen der Kunden entscheidend, die das Gefühl haben müssen, dass deren Anlagen in sicheren und verschwiegenen Händen liegen. Genau das wird durch die laufenden Untersuchungen der US-Behörden in Frage gestellt. Ex-UBS-Kundenberater Bradley Birkenfeld gestand letzte Woche vor Gericht, er und weitere UBS-Manager hätten zwecks Steuerhinterziehung beim Aufbau illegaler Offshore-Konstrukte mitgeholfen. Die US-Behörden fordern laut US-Zeitungsberichten die Offenlegung von bis zu 20000 UBS-Kundennamen.

Im Personalmagazin geht weder Präsident Kurer noch der für die Vermögensverwaltung in den USA zuständige Marten Hoekstra, der ebenfalls zu Wort kommt, auf die US-Verfahren ein. Hoekstra verweist lediglich auf grundsätzliche Probleme: «Am verletzlichsten sind wir, wenn wir unsere Kundenberater nicht mit Fähigkeiten und kulturellen Werten ausstatten, mit denen sie sich abheben können.» Das könnte zu einer Aussage des angeklagten Ex-UBS-Managers Birkenfeld passen. Dieser malte das Bild von UBS-Kundenberatern, die ihre ethischen Überzeugungen der persönlichen Gewinnmaximierung opferten.

Birkenfelds Anwalt Dany Onorato sagte nach der Verhandlung in einem Gericht in Ft. Lauderdale im amerikanischen Florida, dass Manager, die in der UBS-Hierarchie über seinem Klienten standen, von den Geschäftspraktiken der UBS-Kundenberater im Markt USA nicht nur gewusst hätten, sondern diesen gar mögliche Tricks und Schliche gezeigt hätten. Bradley Birkenfeld habe halt den «finanziellen Anreizen» nicht widerstehen können, sagte Oronato weiter, und fügte an, dass davon auszugehen sei, dass man bei der UBS zu Birkenfelds Angestelltenzeit, also von 2001 bis 2006, «genau wusste, was vorging».

Nach Birkenfelds gerichtlicher Einvernahme informierte die UBS ihre Mitarbeiter per Intranet. Das Thema bleibe im Fokus der Schweizer und der US-Medien, gleichzeitig sei die Bank wegen der laufenden Untersuchung «extrem limitiert», was die Information von Kunden, Mitarbeitern, Aktionären oder Medien angehe. «Es ist sehr wichtig, dass Auskünfte zu diesem Thema an Kunden oder andere Stakeholders nicht von den aufgeführten Punkten abweichen», betont die UBS, und verweist auf ihre offizielle Stellungnahme. Dort gibt die Bank einen Hinweis auf ihre Achillesferse in der Auseinandersetzung. Die US-Behörden würden Offshore-Konstruktionen unter die Lupe nehmen, die den Zweck hatten, das Qualified- Intermediary-Abkommen zwischen Amerika und der UBS zu umgehen (siehe Box).

Starke Teams gefordert

Während die UBS in den USA noch nicht aus der Defensive gefunden hat, fordert ihr Präsident vom Führungspersonal neben weniger Bürokratie einen «klaren Aktionsplan» unter dem Motto «Starke Leader mit starken Teams». Vorgesetzte müssten den Vorteil starker Teams begreifen, während Teammitglieder ihre Manager zu akzeptieren und zu unterstützen hätten. Er, Kurer, werde sich für eine «Kultur der offenen Konversation, Kommunikation und Kooperation» einsetzen, sagte er im Interview weiter und meinte. «Wenn wir an diesen Prinzipien festhalten, werden wir erfolgreich sein.» 


Das Qualified-Intermediary-Abkommen ist gefährdet

Die USA behandeln 6000 Finanzinstitute als Qualified Intermediary (QI), seit 2001 auch die UBS, was gewisse Steuervorteile für Nicht-US-Kunden schafft. Dafür muss die Bank den US-amerikanischen Behörden ihre US-Kunden mittels Formular W-9 melden, sonst darf sie in deren Depots keine US-Wertschriften halten.

Die amerikanischen Ermittler vermuten, dass einige UBS-Manager trotzdem Investments in amerikanischen Wertschriften via Offshore-Konstrukte möglich machten. Geschah dies im grossen Stil, droht der Bank im allerschlimmsten Fall die Kündigung des QI-Abkommens. Faktisch könnte die UBS den Markt in den Vereinigten Staaten dann nicht mehr bearbeiten. Die UBS wäre dann wohl keine globale Bank mehr. Auch die Revisionsgesellschaft Ernst & Young (E&Y) ist beim QI-Abkommen zwischen der UBS und USA involviert. Die amerikanische Steuerbehörde IRS beauftragt nämlich die Revisionsgesellschaften der Banken, die ja bereits vertieften Einblick in die Bücher ihrer Kunden haben, mit dem Zusammentragen der relevanten Daten, mit denen die Einhaltung des QI-Abkommens überprüft wird.

Laut E&Y-Sprecher Alfred Raucheisen hat die langjährige externe Revisorin der UBS diesen Auftrag erfüllt. «Wir geben aber keine Meinung ab, sondern stellen lediglich sicher, dass wir alle Informationen liefern, welche die IRS analysieren will», sagt Raucheisen auf Anfrage.

Sollten sich bei der UBS Unregelmässigkeiten ergeben, ist nicht auszuschliessen, dass die Amerikaner alle weltweit 6000 QI-Abkommen genauer unter die Lupe nehmen werden. (lh)