Zweistellige Wachstumsraten pro Quartal, jährliche Umsatz- und Gewinnverdoppelung. Das klingt fast wie die märchenhaften Versprechen der Unternehmen aus den Zeiten der Techblase und des Neuen Markts.

Doch fast zehn Jahre nach dem Neuen Markt und am Ende der grössten Wirtschaftskrise seit der Depression der 1930er-Jahre tauchen tatsächlich immer mehr Unternehmen auf, die Wachstumsraten versprechen, wie man sie zuletzt um die Jahrtausendwende gesehen hat.

Allerdings sorgen diesmal nicht Schaumschläger mit hektisch zusammengezimmerten Märchen- und Fantasie-Geschäftsmodellen für kletternde Kurse, sondern starke Überlebende der Krise aus alten Industrien sowie junge Unternehmen aus den Schwellen-ländern.

Dotcom kein Schimpfwort mehr

Einer der neuen Überflieger trägt indes noch einen märchenhaften Namen, der stark an den Neuen Markt erinnert: Alibaba.com. Das chinesische Unternehmen betreibt eine Internetplattform, die Käufer und Lieferanten auf der ganzen Welt zusammenbringt. 5,6 Mio Mitglieder aus über 240 Ländern nutzen das Geschäftsportal.

Den Anlegern besser bekannt und dabei kaum weniger wachstumsstark ist der Online-Verkäufer Amazon. Nach der guten Bilanz für das 3. Quartal hat Amazon-Chef Jeff Bezos seine Prognosen für das Weihnachtsgeschäft noch einmal deutlich über die Erwartungen der Analysten geschraubt. Die bisherige Schätzung der Wall Street, 8,11 Mrd Dollar Umsatz im 4. Quartal, ist in Bezos neuer Prognose, 8,12 bis 9,13 Mrd Dollar, die Untergrenze.

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Neu in der Nachkrisenwelt ist, dass nicht nur junge Hightech-Unternehmen schnelle Zuwäche bei Umsatz, Gewinn und Aktienkurs versprechen, sondern auch marktstarke Konzerne aus alten Industrien wie etwa der Stahlindustrie. Den deutschen Stahlriesen ThyssenKrupp und Salzgitter gelang es zuletzt, trotz der weiterhin unsicheren Perspektiven in wichtigen Abnehmerbranchen wie Maschinenbau und Autoindustrie höhere Preise durchzusetzen. Dennoch bleibt man auch in den Vorstands-etagen der Konzerne in Essen und Salzgitter weiter vorsichtig. Die Vorsicht der Stahlbarone ist allerdings auch das Überraschungspotenzial für das kommende Jahr. Vorsichtig ist man etwa beim Stahlgiganten ArcelorMittal. Bis auf Weiteres hat dort Sparen Priorität. Denn trotz des guten 3. Quartals könnte der Stahlriese übers Gesamtjahr noch in den roten Zahlen bleiben. Der Sparkurs sollte sich im kommenden Jahr aber auszahlen. Analysten gehen im Durchschnitt von mehr als 20% Umsatzwachstum aus. Und weil die Kosten gesunken sind, wirken die höheren Margen als guter Hebel beim Gewinnwachstum.

Positive Überraschungen ...

Und es gibt Anzeichen, dass die Gewinne schneller ansteigen werden als erwartet. In den drei wichtigsten Wirtschaftsregionen der Welt, USA, Europa und China, legten die für die wirtschaftliche Zuversicht wichtigen Einkaufsmanagerindizes für Oktober bei Werten über 50 Punkten überraschend deutlich zu.

So stieg der Index des Institute of Supply Management (ISM) von 52,6 auf 55,7 Punkte und erreichte damit den höchsten Stand seit April 2006. Ein Wert von über 50 Punkten signalisiert Wachstum der jeweiligen Volkswirtschaft. Ein positives Signal für die Aktienmärk-te ist bisher die Berichtssaison in Europa und in den USA. In Europa, wo 170 Unternehmen aus dem Stoxx 600 Zahlen vorgelegt haben, übertrafen 60% davon die Gewinn-erwartungen der Analysten. In den USA überraschten sogar 84% der 365 Konzerne aus dem S&P-500-Index, die bisher ihre Quartalsbilanzen präsentiert haben, positiv.

... enttäuschende Umsätze

Die gute Berichtssaison bedeutet aber nicht, dass alle Überlebenden schon bald saftige Umsatzzuwächse verbuchen können. Für David Kostin, Chef Aktienstrategie für den US-Aktienmarkt bei der Bank Goldman Sachs, war «die Entwicklung der Umsätze enttäuschend. Und Sparprogramme zugunsten von höheren Gewinnmargen können nicht unendlich ausgedehnt werden.»

Rund 600 Mrd Dollar wollen Anleger nach Einschätzung von Goldman Sachs in den kommenden Monaten in US-Aktien inves-tieren. Das entspricht 6% der Börsenkapitalisierung des S&P 500.