Rechtzeitig zur SAP-Userkonferenz «Sapphire» in Florida schürte vergangene Woche die einflussreiche US-Anlegerzeitschrift Barron’s mit einem Beitrag über das deutsche Softwarehaus Übernahmefantasien. Quintessenz des Artikels: Die Konsolidierung im Softwaregeschäft beschleunige sich, weil sich das Wachstum verschärfe, der Wettbewerbsdruck zunehme und es eine Konvergenz zwischen Computern, Netzwerktechnologien und Speichersystemen gebe. Deshalb könne SAP nicht ewig unabhängig bleiben - ein Zusammengehen mit Microsoft oder IBM mache mehr Sinn als zuvor, zumal der Kauf von Sun Microsystems durch Oracle in dieselbe Richtung weise.

Laut Analysten setze Oracle mit dem Sun-Kauf auf den Trend, einfache, robuste und vorkonfigurierte Lösungen zu vernünftigen Wartungskosten anzubieten. Zwar gibt es im Netzwerkbereich Konzerne wie Cisco, die hohe Margen für Hardware-plus-Software-Kombinationen erzielen. Und auch im Speicherbereich verdient ein Anbieter wie Netapp für in Datenspeichernetzen verwendete Filer viel Geld. Analysten zweifeln aber, ob das in diesen Nischen florierende Modell auch in anderen Bereichen funktioniert. Sollte sich die Nachfrage nach vorkonfigurierten Lösungen aber materialisieren und das Oracle-Sun-Gespann funktionieren, würden Konkurrenten wie IBM oder HP Gefahr laufen, zu nichtstrategischen Lieferanten abgestuft zu werden. Und dann wären laut Analysten beide gezwungen, sich bei Applikationen zu verstärken, womit SAP ins Spiel kommt.

Sun-Kauf für SAP irrelevant

Dennoch wurden die SAP-Übernahmespekulationen von Microsoft-CEO Steve Ballmer umgehend dementiert. Und auch Léo Apotheker, Co-CEO von SAP, erklärte, dass die Unabhängigkeit von SAP im Interesse der eigenen Kunden liege, weil damit die Applikationen auf allen Betriebssystemen gewährleistet sind. Zudem würden Firmenkunden nicht unbedingt alles von vertikal integrierten Anbietern kaufen wollen. Der Kauf von Sun durch Oracle sei deshalb für SAP nicht relevant und werde laut Apotheker die Softwarelandschaft nicht ändern. An der Börse reagierten die Aktien der beiden Firmen entsprechend zurückhaltend.

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Auf kurze Sicht sei ein Kauf von SAP durch IBM nicht wahrscheinlich, meinen die Analysten von Oddo Securites. Microsoft hingegen verfügt mit 23 Mrd Dollar an Barmitteln über knapp zwei Drittel der SAP-Marktkapitalisierung. In diesen Tagen hat die Firma weitere 3,75 Mrd Dollar über eine Bond-Emission eingesammelt und so weitere Übernahmefantasien geschürt.

Gewinnplus trotz Umsatzminus

Auf kurze Sicht ist das operative Geschäft von SAP viel wichtiger. Apotheker sagte weiter, dass es Anzeichen für eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Situation und Hoffnung für eine Erholung in der zweiten Jahreshälfte gebe.

Die Analysten der Deutschen Bank erwarten daher ein schwieriges Quartal mit einem Umsatzeinbruch bei den Lizenzen von 42%. SAP hilft indes der hohe Anteil an wiederkehrenden Wartungsumsätzen und das Kosteneinsparungsprogramm. Obwohl der Umsatz in diesem Jahr um 600 Mio Euro auf 10,9 Mrd Euro zurückgehen dürfte, soll der Reingewinn geringfügig auf 2,25 Mrd Euro gesteigert werden können. Auf dieser Basis ist die Aktie mit einen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 nach den jüngsten Kursgewinnen etwas ambitiös bewertet.

Start von Windows 7 im Fokus

Bei Microsoft könnte eine andere, ebenfalls laufend wiederkehrende Übernahmegeschichte für Bewegung sorgen: Der Kauf von Yahoo. Derzeit richten sich Analysten und Investoren allerdings auf den Start der Windows-Version 7 aus. Diese soll gegenüber den Vorgängerversionen deutlich «leichter» und sicherer werden und damit auch auf den kleinen Netbooks einsetzbar sein. Mit einem Verkaufsstart im Herbst würde der Softwarekonzern noch vom Weihnachtsgeschäft profitieren. Laut den Analysten von Morgan Stanley würde Microsoft gleich mehrfach profitieren: Viele Firmenkunden hätten den letzten Upgrade-Zyklus auf Windows übersprungen und verfügen nun über alternde PC-Flotten. Deshalb würde die Hälfte der befragten Informatikchefs einen Wechsel auf die neuste Version erwägen. Mit Kursen um 20 Dollar pro Aktie ist Microsoft mit dem 11fachen des Gewinns bewertet, 20% niedriger als die S&P-500-Blue-Chips und in der Nähe historischer Tiefstände. Etliche Analysten, auch jene von Morgan Stanley, empfehlen deshalb die Microsoft-Aktie mit Kurszielen um 24 Dollar zum Kauf.

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