Dividenden werden bei US-Hightech-Firmen salonfähig. Erst kürzlich hatte Cisco angekündigt, künftig regelmässig einen Teil ihrer Gewinne auszuschütten. Nun gab Microsoft-Chef Steve Ballmer bekannt, dass die Dividende für das laufende Quartal um fast ein Viertel steigen soll. Beide Konzerne gehören zu den Cash-Sammlern unter den Wall- Street-Firmen. Bei Microsoft etwa flossen trotz regelmässiger Zukäufe allein in den zurückliegenden zwölf Monaten rund 24 Mrd Dollar in die Kassen. Ende Juni standen knapp 37 Mrd Dollar Nettoliquidität in der Bilanz. Cisco bringt es sogar auf fast 40 Mrd.

Geldschwemme bei «Techies»

Die Geldschwemme ist bei den grossen Technologiefirmen schon eher die Regel als die Ausnahme. Der Internet-Suchmaschinenbetreiber Google etwa spülte im 1. Halbjahr rund 4 Mrd Dollar auf sein Konto, bei Apple waren es allein im vergangenen Quartal so viel. «Der freie Cashflow ist in der Branche höher als in anderen Branchen», sagt UBS-Analyst Nikos Theodosopoulos. Ausserhalb des Bankensektors, so der Experte, besitze keine Branche so viel Cash. Auf 675 Mrd Dollar taxiert die Bank die Höhe des Barmittelbestands grosser US-Technologiefirmen.

Trotz des Überflusses ist das Thema Dividende immer noch tabu: Technologiekonzerne bräuchten ihr Geld zur Finanzierung von Forschung und Entwicklung - oder zum Zukauf von Firmen, um neue Technologien schnell absorbieren und rasch wachsen zu können, so das gängige Argument.

Das aber ist genau die Kernfrage: Sind Techriesen noch Wachstumswerte? Die Analystenschätzungen für das Jahr 2010 lassen Zweifel aufkommen. Zweistellige Raten sind laut den Experten das Kennzeichen von Wachstumswerten. Beim Internetausrüster Cisco rechnen die Experten mit einem Umsatzplus von immerhin 11 und 15% Gewinnwachstum. Microsoft hingegen kommt auf 7% Umsatzzuwachs und 11% Gewinnplus. Zum Vergleich: Der Einzelhandelskonzern Wal-Mart bringt es auf ähnliche Raten, hier sind es 5 respektive 11%.

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Ein besseres Argument gegen Ausschüttungen sind die hohen Barbestände von Konzerntöchtern im Ausland. Etwa 200 der 675 Mrd Dollar Barschaft der US-Techies liegen laut Schätzungen der UBS bei Auslandsgesellschaften. Der Haken: Bei Wiedereinführung in die USA fallen hohe Steuern an.

Keine teuren Grossakquisitionen

Dividenden gelten den Anlageprofis indes als probates Mittel, um die Ausgabendisziplin des Managements zu verbessern. Gerade die Vorstände in der IT-Branche sind aufgrund technologischer Weiterentwicklung ständig in der Versuchung, eigene Entwicklungen durch Firmenzukäufe zu ersetzen, was in vielen Fällen auch sinnvoll ist.

Doch der Schritt zur Vernichtung von Milliarden ist nicht weit. Anfang des Jahrtausends bejubelten Anleger die fast 150 Mrd Dollar schwere Fusion Time Warners mit dem Internetportal AOL - ein grosser Fehler, wie sich herausstellen sollte. «Es ist weitaus sinnvoller, eine Dividende zu zahlen, als eine zu teure Grossakquisition durchzuführen», sagt Fondsmanager Holick. Viele professionelle Investoren sehen es aus Angst vor teuren Fehlentscheidungen gern, wenn die finanziellen Reserven dem Management nicht in voller Höhe zur Verfügung stehen. Auch die Sorge vor knappen Kassen in einer konjunkturellen Krise gilt angesichts der Cash-Bestände vielfach als unbegründet.

«Reserven von 3 bis 5 Mrd Dollar genügen, um krisenfest zu sein», sagt Gunther Kramert, Fondsmanager bei Union Investment. Denn die Kreditratings der grossen Technologiewerte sind in der Regel bestens. Um die jüngste Dividendenerhöhung sowie ein Aktienrückkaufsprogramm zu finanzieren, will Microsoft etwa eine Anleihe über 6 Mrd Dollar begeben - zu Discountzinsen.

Dividende stützt den Aktienkurs

Der schwerwiegendste Punkt der Dividendenbefürworter aber ist die vergleichsweise schlechte Kursentwicklung vieler grosser Techwerte, die etwa die Analysten der UBS im Verhältnis zu anderen Sektoren feststellen. Nur zwei Beispiele: Microsoft verlor in den zurückliegenden zehn Jahren fast 25% an Kurswert, bei Cisco waren es gar 65%. Der Unterschied: Die Microsoft-Aktionäre kamen dank der seit 2003 gezahlten Dividende mit einem leichten Minus davon.

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Sicher sind die 1 bis 2% Dividendenrendite Ciscos oder die auf 2,7% angewachsene Rendite der Microsoft-Aktie nicht üppig im Vergleich zu den teilweise 7%- oder 8%-Renditen, die manche Konzerne aus der Telekommunikations- oder Versorgerbranche stemmen.

Der neue Trend könnte den Techies dennoch zu neuer Attraktivität verhelfen. Viele institutionelle Anleger, etwa sogenannte Income-Funds, haben die Auflage, nur Werte zu erwerben, die eine Dividende zahlen. Schliesslich ist seit Langem bekannt, dass Dividenden die Aktienperformance befördern, wie etwa eine Langfristanalyse des breiten US-Markts zeigt: Um 590% legten die Werte im S&P 500 unter Einberechnung der Ausschüttungen seit 1988 zu. Ohne Dividende ist das Plus nur gut halb so hoch.