Nachdem wir unsere globalen Prognosen dreimal senken mussten, besteht jetzt eher das Risiko, den nächsten Anstieg zu verpassen», sagt Gary Baker, Analyst bei der Bank of America. «Und die besser als erwartet ausgefallenen Indikatoren weisen darauf hin, dass wir bis Jahresende eine Rally an den Aktienmärkten sehen könnten», ergänzt Thomas Lee, Aktienstratege bei JP Morgan, «denn glücklicherweise bauen die Aktienmärkte weiter auf den Gewinnen auf, die sie bis Ende August erwirtschaftet hatten.»

Hinzu kommen weitere positive saisonale Faktoren: November und Dezember sind überdurchschnittlich gute Monate für Aktien. «Und die Aktienmärkte haben bisher immer bemerkenswert positiv auf die Midterm-Wahlen in den USA reagiert», sagt Lee weiter. Anfang November wird in den USA der Kongress neu gewählt. Die Gewinne an den Aktienmärkte erfolgten unabhängig davon, welche Partei gerade die Mehrheit gewonnen hatte.

Skepsis überwiegt dennoch

Diese Stimmen bilden derzeit die Minderheit - viele Analysten sind weiterhin skeptisch bezüglich der Entwicklung an den Aktienmärkten. «Etliche Treiber wie das negative Investorensentiment, das starke Gewinnwachstumsmomentum und die wirtschaftliche Erholung, die bisher hinter dem Aufschwung gestanden hatten, sind jetzt ausgefallen», sagt Bert Jansen, Analyst bei Exane. Das Wachstum in Europa wird inzwischen noch durch zwei Länder getragen: Deutschland, wo die Schätzungen ständig nach oben korrigiert wurden, und, in weit schwächerem Ausmass, Frankreich.

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Deutlich besser sind die Prognosen für China (plus 9%) und weitere aufstrebende Länder (plus 6,1%). «Wenn man diesen Aufschwung mit dem letzten vergleicht, besteht noch einiges Aufwärtspotenzial», ist Baker überzeugt. Denn der Markt habe jetzt eine im Vergleich mit anderen Abschwüngen unüblich starke Verlangsamung für 2011 eingepreist.

«Viele Anlagestrategien haben in diesem Jahr versagt», sagt Baker. So brachten weder dividendenbasierte Strategien noch Sektorrotation, der Wechsel von zyklischen in defensive Werte (und umgekehrt) oder die Spitzenreiter in ihren jeweiligen Marktsegmenten eine nachhaltige Performance. «Das einzige Thema, das jetzt zieht, ist das Wachstum in den aufstrebenden Ländern», sagt Baker weiter, «das sollte man kaufen - aber nicht um jeden Preis.»

Es gibt indes nur wenige Sektoren in Europa, die nennenswerte Anteile ihres Geschäfts in und mit den aufstrebenden Ländern erzielen. Die Technologiebranche etwa kommt auf einen Umsatzanteil von 52%, Rohstoffirmen wie Xstrata oder Rio Tinto auf 40%, Nahrungsmittelhersteller wie Nestlé oder Unilever auf 38%, Chemiefirmen wie Clariant oder BASF auf 30% und Industriefirmen wie ABB, Schindler oder Sulzer auf durchschnittlich 25%. Versorger, Medienwerte, Banken und Versicherungen stehen am anderen Ende - sie sind entweder nur in ihren lokalen Märkten verwurzelt oder der Grossteil des Geschäfts wird mit Kunden aus den reifen westlichen Märkten getätigt.

Viele Titel sind hoch bewertet

Viele Aktien von Firmen mit hohem Umsatzanteil in den Schwellenländern sind jedoch hoch bewertet. Angemessene Bewertung und sichere Dividendenrenditen sehen die Analysten beim Pharmawert Novartis und dem Logistiker Kühne + Nagel. Für Novartis, Clariant und ABB sind zudem positive Überraschungen bei den Dividenden und/oder Aktienrückkäufe zu erwarten.

Einen hohen Umsatzanteil ausserhalb Europas findet man unter anderem beim Handykonzern Nokia, bei der spanischen Bank BBVA, den Technologiefirmen Infineon und Philips, den Luxusgüterkonzernen LVMH, Christian Dior und Hermes sowie der Medtech-Firma Fresenius. Dieses Kriterium alleine genügt für eine Aktienauswahl nicht - denn Alcatel-Lucent oder Michelin erzielen ebenfalls hohe Umsatzanteile ausserhalb Europas - und schlagen sich, wie viele andere Aktien, die teilweise auf Empfehlungslisten auftauchen, mit milliardenschweren Defiziten bei den Pensionskassen herum.

Bei British Airways und BT Group ist die Summe dieser Verpflichtung grösser als die Marktkapitalisierung. Aber auch Lufthansa, oft als finanziell robusteste Airline bezeichnet, kommt auf ein Defizit, das 81% der Kapitalisierung entspricht - bei Volkswagen liegt dieser Anteil bei 47%. «Dennoch dürfte es auch hier zu einer Fortsetzung des Aufschwungs kommen», meint Baker, «weil die Aktionäre die Gewinndynamik dank der florierenden aussereuropäischen Geschäftsbereiche höher gewichten als die Pensionskassenverpflichtungen.»