Eigentlich wäre mit einem kollektiven Aufschrei am Finanzmarkt zu rechnen gewesen: Um die dramatischen Kursverluste von Finanztiteln einzudämmen, haben die Aufsichtsbehörden in den USA, Grossbritannien, Deutschland und auch der Schweiz Leerverkäufe so stark eingeschränkt wie noch nie zuvor.

Dabei sind die Termingeschäfte, bei denen auf fallende Kurse spekuliert wird, ein lebenswichtiger Bestandteil eines funktionierenden Handels (siehe Kasten). Denn die «Short-Sellers» leisten gerade in schwierigen Märkten einen wichtigen Beitrag, indem sie den ausgetrockneten Handel mit Liquidität versorgen.

Geschützte UBS und CS

Trotzdem bleibt es mucksmäuschenstill unter jenen Kräften, die als Leerverkäufer in Frage kommen. Hedge-Fonds, Banken – niemand möchte sich dieser Tage mit Aussagen gegen das Vorgehen des Regulators zitiert wissen.

Nicht, dass es an solchen Aussagen mangeln würde. Von einem «schweren Eingriff in einen liberalen Markt» ist die Rede, und dass ein längerfristiges Verbot drastische Folgen haben werde. Letzteres dürfte denn auch ein wesentlicher Grund sein, weshalb mit Kritik hinter dem Berg gehalten wird: Das Einschreiten der Börsenaufsicht wird hingenommen wie ein Gewitter. In der Hoffnung, dass es möglichst rasch vorüberziehen möge. Noch sind die Verbote aber in Kraft. In den USA sind Leerverkäufe der Aktien von gut 900 Firmen – die meisten davon Finanzwerte, aber auch Titel wie General Electric – bis Mitte Oktober verboten. An der Londoner Börse wird das Verbot gar bis auf den kommenden Januar ausgedehnt. Die dort gehandelten Schweizer Werte UBS, Credit Suisse, Julius Bär, Swiss Re, ZFS, Swiss Life und Bâloise sind in der Folge ebenfalls völlig gegen Leerverkäufe abgeschirmt.

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Industrie nächstes «Opfer»

In der Schweiz verfolgen die Eidgenössische Bankenkommission und die Börsenbetreiberin SWX Swiss Exchange eine weichere Linie: Sie verbieten nicht das «shorten» per se, sondern nur die von der Bedeutung her ziemlich nebensächlichen ungedeckten Leerverkäufe, die sogenannten «naked shorts» (siehe Kasten). Dies deshalb, weil solche Verkäufe noch am ehesten als «manipulativ» ausgelegt werden können.

Ein Manipulation muss nämlich zwingend vorliegen, damit die Aufsicht einschreiten kann. Die Chance, dass es so weit kommt, ist allerdings eher gering. Manipulationen sind erst im Nachhinein feststellbar. Und auch nur dann, wenn sie von den Handelspartnern gemeldet werden. Bei der SWX Swiss Exchange hält man sich, was Wunder, bedeckt über mögliche Fahndungserfolge.

An allzu viel Effizienz dürfte den Aufsichtsbehörden aber gar nicht gelegen sein. Denn dann müssten sie sich einige unangenehme Fragen gefallen lassen. Etwa, warum die Kurse von einzelnen Finanzwerten trotz Verboten noch einmal so tief fallen. Oder warum das Verbot nicht auf das ganze Aktienspektrum ausgedehnt wird: Marktkenner rechnen für die nächsten Wochen mit einem Ausweichmanöver der Leerverkäufer in nicht sanktionierte Bereiche des Marktes. Als nächste «Opfer» werden etwa Industrie- und Konsumtitel gehandelt, weil auch dort wegen der sich abschwächenden Konjunktur auf Kursverluste gewettet werden kann. Schliesslich dürften auch noch die Grossbanken ein Wörtchen mitreden, die als «market maker» auf einen genügend liquiden Handel angewiesen sind.

Für Privatanleger dürften die Sanktionen vorerst keine Folgen zeitigen. Hedge-Fonds können bisherige Short-Positionen weiter fahren, solange sie diese nicht erhöhen. Auch bei den an der SWX gehandelten Hebelprodukten (Warrants) ist nicht mit Performanceverlusten zu rechnen. Solange deren Optionsinstrumente durch Wertschriften gedeckt sind, seien sie nicht eingeschränkt, versichert die ZKB. Bereits emittierte Derivate sind von den Bestimmungen nicht betroffen.