Die Finanzkrise hat Wunden geöffnet in Wirtschaft und Gesellschaft. Wie kann die Wirtschaft Vertrauen zurückgewinnen?

Peter Gomez: Die Wirtschaft hat noch gar nicht richtig gemerkt, welcher Unmut in der breiten Bevölkerung vorhanden ist. Wir haben eine Untersuchung bei über 40 Top-Managern gemacht. Über 90% davon haben das Gefühl, dass sie voll in Übereinstimmung sind mit den Bedürfnissen der Gesellschaft. Sie meinen, wenn die Wirtschaft wieder gut läuft, wird sich automatisch das gesellschaftliche Problem lösen. Doch da bin ich völlig anderer Meinung.

Wie können wir diesen Graben wieder zuschütten?

Gomez: Mit einer Selbstverpflichtung der Führungskräfte, dass die Wirtschaft letztlich für die Gesellschaft da ist und nicht umgekehrt. Es braucht ein ganz anderes Messsystem. Die Führungskräfte sollten sich daran messen lassen, ob sie für die Gesellschaft Wert schaffen.

Was leitet sich daraus für die Unternehmen konkret ab?

Gomez: Es braucht einen neuen Kompass, der dem eigenen Beitrag zum Gemeinwohl den richtigen Stellenwert gibt. Sodann muss es sich bewusst werden, dass es auch dann gesellschaftlichen Schaden anrichten kann, wenn es sich innerhalb der gesetzlichen Vorschriften bewegt. Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. Es geht um den Graubereich, was anständig ist und was nicht.

Mit der Finanzkrise hat sich die Finanzwelt grundlegend geändert. Braucht es jetzt eine neue Finanzplatz-strategie?

Gomez: Der Masterplan ist nach wie vor eine gute Grundlage. Ich weiss nicht, ob man sagen kann, die Welt hätte sich fundamental geändert. Bei den Steuern haben jetzt weltweit alle wieder gleichlange Spiesse. Mit anderen Worten: Wenn sich die Schweiz gut positioniert, hat sie viele Vorteile und eine bessere Ausgangslage als andere Finanzplätze. London und New York sind ungleich mehr eingebrochen. Der Schweizer Finanzplatz ist intakt, mit Ausnahme von gewissen Verwerfungen wie bei der UBS und der Bankgeheimnis-debatte. Relativ zu anderen Finanzplätzen ist die Schweiz aber gut weggekommen.

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Das Ziel des Masterplans ist, dass der Schweizer Finanzplatz zur Nummer drei aufrückt. Gilt dieses Ziel nach wie vor?

Gomez: Ja, ich sehe keinen Grund, warum wir die Zielsetzung ändern sollten. Wir sprechen hier ja von einem Zeithorizont bis 2015. Wir sollten nicht bescheidener werden. Es ist kein Ziel, die Nummer sechs oder die Nummer sieben zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass dies in der breiten Öffentlichkeit wieder als Grössenwahn oder unpassende Zielsetzung angesehen wird. Es ist heute ein grosses Problem der Schweiz, dass man den Finanzplatz schlechtredet. Dabei ist der Finanzplatz der Blutkreislauf der Wirtschaft.

Wie muss die Finanzplatzstrategie den neuen Rahmenbedingungen angepasst werden?

Gomez: Wir müssen vor allem aufpassen, dass die Schweizer Behörden nicht nochmals überrascht werden. Wir haben ein grosses Problem: Die Schweiz hat immer weniger Freunde in der Welt. Andere Länder verbünden sich miteinander und kämpfen um Standortvorteile. Wir haben die Haltung, die anderen sollten doch zuerst mal versuchen, uns als Spezialfall zu verstehen. Der Bundesrat hat nur reagiert. Ich hätte mir eine proaktivere Vorgehensweise gewünscht.

Was müsste der Bundesrat tun, um aus der Defensive zu kommen?

Gomez: Wir sollten unbedingt verhindern, dass es in den nächsten Monaten einen Wettbewerb von durch politische Parteien entwickelten Finanzplatzstrategien gibt, die zwangsläufig nicht sehr ausgereift sein können. Jetzt müssen in der Schweiz die besten Köpfe und Entscheidungsfinder den Masterplan so aufsetzen, dass wir bis Herbst etwas Besseres vorweisen können als die Vorschläge der Politik. Es gibt eine «Kerngruppe Masterplan» mit wenigen Spitzenvertretern des Finanzplatzes und des Bundes. In zehn Tagen findet die erste Sitzung statt.

Was ist das für eine Strategiegruppe und wer ist alles dabei?

Gomez: Wir sind acht bis zehn Vertreter, die sich diesem Strategiethema widmen werden. Die vier Gruppierungen hinter dem ursprünglichen Masterplan werden jeweils vertreten sein, dann sicher auch führende Banken und Versicherungen. Auf der Seite des Bundes werden die Personen vertreten sein, die wirklich die Fäden in der Hand haben, so Philipp Hildebrand und Peter Siegenthaler.

Was will die Strategiegruppe erreichen?

Gomez: Wir müssen spätestens auf die Herbstsession der Räte einen Vorschlag auf dem Tisch haben, wie sich die Schweiz in dieser neuen Welt positionieren soll. Wir müssen jetzt vorwärtsmachen, denn die anderen Finanzplätze schlafen nicht. Es muss ein Konzept sein, das top-professionell ist und auch mögliche Andersdenkende überzeugt. Allerdings fühlt man sich da oft wie ein Rufer in der Wüste. Es wird in der Schweiz zu viel darüber diskutiert, ob etwas politisch opportun ist oder nicht. Ein professionelles Projektmanagement auf politischer Ebene ist auf diese Weise kaum möglich. Die Politiker handeln oft genau so kurzfristig wie die Manager. Was dem Manager sein Bonus, ist manchem Politiker seine kurz bevorstehende Wiederwahl. Beide verleiten zum kurzfristigen Denken. Die Öffentlichkeit sieht gar nicht, dass hier das genau gleiche Prinzip vorherrscht.

Auch als Verwaltungsratspräsident der SIX Group sind Sie gefordert. Sie erwarten 2009 einen tieferen Gewinn. Das wird erheblich sein.

Gomez: Nein, im Moment sieht es nicht so aus. Unsere Projektion ist etwa 10 bis 15% weniger, als wir noch im Vorjahr erzielt haben. Wir haben letztes Jahr eine massive Tarifsenkung durchgeführt, die zudem dieses Jahr voll auf die Bücher schlägt.

Sind die ersten Monate in diesem Jahr auch etwa so gelaufen?

Gomez: Ja, etwa in diesem Rahmen. Wir sind angesichts der allgemeinen Abkühlung nicht beunruhigt. Das kann sich im Laufe des Jahres aber ändern.

Müssen Sie die Tarife weiter senken?

Gomez: Wir müssen zuerst die Gebührensenkungen verdauen, die wir im letzten Jahr gemacht haben. Das sind massive Beträge. Wir haben noch keine Entscheidung getroffen, wie und in welchem Ausmass wir einen nächsten Schritt machen.

Sind angesichts der Konkurrenz durch die alternativen Handelsplattformen noch 2009 weitere Senkungen möglich?

Gomez: Ich sage nicht, dass es in diesem Jahr keine Tarifsenkung gibt. Die Zeit schreitet voran, vielleicht kommen wir im Sommer zu einer anderen Entscheidung. Man muss auch sehen, dass wir in erster Linie für unsere Aktionäre Tarifsenkungen vornehmen und erst in zweiter Linie die Dividenden bedient werden.

UBS und CS sind nicht nur grosse Aktionäre der SIX Group, sondern stehen auch hinter den neuen Konkurrenten Chi-X und Turquoise. Ärgert Sie das?

Gomez: Natürlich ist es etwas eigenartig. Aber wir nehmen das sportlich im Sinne des Wettbewerbs.

Laut SIX Group kommen alle alternativen Handelsplattformen zusammen auf einen Marktanteil von 4 bis 8% bei den Schweizer Blue-Chips. Doch allein Chi-X spricht von einem Marktanteil von über 6%.

Gomez: Unsere Aussage ist die: Die alternative Plattform Chi-X hat im SMI-Handel nach neuesten Zahlen etwa 6% Marktanteil, Turquoise 2% und diverse andere kommen auf nochmals 2%. Das ist aber wenig im Vergleich zu anderen Börsen.

Die alternativen Börsenplattformen wollen verstärkt den Handel mit Schweizer Blue-Chips ins Visier nehmen. Wie rüstet sich die SIX Group?

Gomez: Das Problem ist, dass diese Handelsplattformen wesentlich geringere regulatorische Anforderungen erfüllen müssen, sie sind deshalb schlank und rank. Ich glaube aber, dass die Kunden in der Krise eher auf Sicherheit setzen. Bei den neuen Plattformen weiss man ja nie, wann sie wieder verschwinden. Nicht der günstigste Preis ist ausschlaggebend. Wichtig für die Kunden ist, dass es sich um eine Börse handelt, welche die entsprechenden Sicherheiten bietet. Der Trend geht dahin, dass immer mehr über regulierte Börsen abgewickelt wird. Wir haben einen sehr grossen Apparat der Selbstregulierung.

Wie reagieren Sie auf die Konkurrenz?

Gomez: Wir gewähren diese Tarifreduktionen und bauen unsere Handelsplattform immer weiter aus. Es geht darum, dass wir uns der Leistungsfähigkeit dieser Plattformen annähern. Wir haben kostenseitig und von der Technologie her noch einen gewissen Nachholbedarf. Dafür haben wir auf anderen Gebieten einen Riesenvorsprung, Stichwort Regulierungen, Sicherheit oder Liquiditätspool. Und die SIX Group ist ja nicht nur die Börse. Wir könnten künftig Dienstleistungen übernehmen, die bisher die Banken selbst erbracht haben. Über die ganze Wertschöpfungskette hinweg können wir günstiger abwickeln als die Banken.

Das Wachstum kommt künftig also vorwiegend von den übrigen Standbeinen?

Gomez: Nein, wir wollen nicht quersubventionieren. Wir hoffen auch, dass die Börse in Zukunft wieder genauso wächst, wie dies früher der Fall war.