Ein Dollar pro Liter Benzin? Was europäische Autofahrer jubeln liesse, entlockt den Amerikanern hinter ihren Lenkrädern Flüche. Rocky Twyman glaubt, dass nur einer helfen kann: Gott. Der amerikanische Aktivist und Chorleiter tourt durchs Land und versammelt an Zapfsäulen in Washington und in kalifornischen Gemeindesälen Gläubige, um für günstigeren Sprit zu beten. Die Preise an den Tankstellen sind in anderthalb Jahren um zwei Drittel gestiegen.

Bislang hat der Höchste die Gebete nicht erhört. Unaufhaltsam rast der Ölpreis zu immer neuen Rekordständen. Letzte Woche kostete ein Fass Rohöl (159 l) erstmals mehr als 125 Dollar. Autofahrer wettern, Politiker und Wirtschaftsleute legen die Stirn in Sorgenfalten und Experten errechnen immer neue Horrorzahlen. Bis auf 200 Dollar könnte der Ölpreis in den kommenden 24 Monaten schnellen, glauben die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs. Ihr Wort hat Gewicht. Schon den jetzigen Höchststand haben sie ziemlich präzise vorausgesagt.

Wirkliche Knappheit besteht nicht. Es ist genug Öl vorhanden. Die derzeit bekannten weltweiten Reserven schätzt ExxonMobil auf rund 180 Mrd t. Zum Vergleich: Die Fördermenge betrug 2006 rund 4 Mrd t. Und immer noch werden neue Felder entdeckt. Die Preisraserei spiegelt vielmehr eine Verschiebung der globalen Machtverhältnisse wider. Früher sassen die grössten Verbraucher vor allem in den USA und Europa. Wurde das Öl zu teuer, schrumpfte die Nachfrage, und der Preis knickte ein. Heute gieren auch die Boomländer in Asien und Lateinamerika nach Öl.

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Knapp gehaltenes Angebot

Hinzu kommt: Länder wie Russland, Venezuela, Iran und die arabischen Staaten haben die Förderung staatlichen Erdölgesellschaften übertragen. Internationalen Konzernen verweigern sie zunehmend den Zugang zu neuen Ölfeldern. So bleibt Konkurrenz aussen vor, das Angebot knapp, und die staatlichen Ölgesellschaften können die Preise steuern. Anreize für Investitionen und Erschliessung neuer Lagerstätten sind gering.

So ist in Russland, zweitgrösster Ölproduzent der Welt, die Produktion von Januar bis März gegenüber dem Vorjahr um 1% gefallen. Auch Weltmarktführer Saudi-Arabien hat die Produktion zurückgefahren. Der saudische König Abdullah sagte Mitte April, er habe auf kürzliche Ölfunde mit den Worten reagiert: «Lasst es im Boden, mit der Gnade Gottes, denn unsere Kinder brauchen es.»

Solange das teure Öl die Weltkonjunktur nicht abwürgt, werden die Förderstaaten kaum eingreifen. Denn je teurer ihr Exportschlager wird, desto mehr Milliarden werden in die Kassen ihrer Staatsfonds gespült. Diese riesigen Vermögen machen es zudem möglich, dass Staaten auf die Hilfe westlicher Konzerne bei der Erschliessung neuer Ölvorkommen verzichten.

Der Kreml ist mit seinen Staatsgesellschaften Rosneft und Gazprom inzwischen grösster Ölförderer des Landes. Die Methoden der Verstaatlichung sind rabiat. Ein Multi wie Shell musste seine Mehrheit an dem weltgrössten Öl- und Gasförderprojekt Sachalin II weit unter Wert an Gazprom abtreten. Als Folge der Marktabschottung bleiben Investitionen aus. Dabei müssten nach Schätzungen des Ölkonzerns Lukoil in den kommenden acht Jahren allein in Russlands Ölindustrie 300 Mrd Dollar investiert werden, um das Förderniveau zu halten. Saudi-Arabien wiederum hat schon vor Jahren alle internationalen Konzerne aus dem Land getrieben und Ölfirmen verstaatlicht. Der Zugriff auf die weltweit grössten Ölreserven liegt allein beim Königshaus.

Christof Rühl, Chefökonom des Mineralölkonzerns BP, kann nachvollziehen, dass die Förderstaaten ihre Monopolstellung nutzen: «Das Vorgehen des Staates ist völlig rational. Man maximiert die Rendite, indem man Preiswettbewerb vermeidet.» Der Effekt sei durchschlagend. «Die Produktion steigt deutlich langsamer an, als wenn Privatkonzerne den Markt beherrschten.» Darunter litten vor allem die Konsumenten in westlichen Industrieländern.

Verfehlte Investitionsplanung

Um weltweit die Ölförderung massgeblich erhöhen und damit die Preise dämpfen zu können, müssten die Staaten mit grossen Ölreserven offener mit den westlichen Konzernen umgehen, fordert Experte Wiek. «Öl ist genug vorhanden. So wie es derzeit jedoch aussieht, bekommen wir es nicht rechtzeitig und ausreichend für unseren Bedarf gefördert», sagt er. Dazu habe auch eine verfehlte Investitionsplanung der Ölkonzerne beigetragen. Sie hätten früher und langfristiger investieren müssen.

ExxonMobil und Co. stecken zwar zweistellige Milliardenbeträge in neue Felder in den Regionen, wo sie fördern dürfen. Doch das reicht nicht aus. Denn ihre alten Reserven schrumpfen schneller, als neue Lagerstätten erschlossen werden. Da sie auf der Arabischen Halbinsel oder in Russland kaum zum Zuge kommen, verfügen sie zum Grossteil über Felder, an die schwer ranzukommen ist. Oftmals liegen diese weit vor der Küste, tief unter dem Meeresboden. So plagt sich das US-Ölunternehmen Chevron mit einem Feld im Golf von Mexiko. Es liegt 6,5 km unter dem Meeresboden.

Auch zwei grosse neue Funde vor der Küste Brasiliens können nur mit hohem Aufwand angezapft werden. «Wir müssen über weniger traditionelle Wege nachdenken, um an diese Ressourcen zu kommen, denn wir werden über Jahre viele Bohrgeräte benötigen», sagt José Gabrielli, Chef der staatlichen Ölgesellschaft Petrobras. Die Mietpreise für die schwimmenden Bohrer haben sich zuletzt auf mehr als 500000 Dollar pro Tag verdoppelt. Das brasilianische Öl ist somit weder schnell noch günstig verfügbar.

Entspannung könnte es geben, wenn Spekulanten glauben, dass die Produktionsengpässe abebben. Aber auch das konnten die Gebete von Rocky Twyman bislang nicht bewirken. Die Preise an den Tankstellen sind in den letzten Wochen weiter geklettert – in den USA ebenso wie in Europa.