REZESSIONSANGST. Die Kreditmarktkrise geht in die nächste Runde. Swiss Re, der grösste Rückversicherer der Welt, hat überraschend und entgegen früheren Beteuerungen einen Abschreiber von 1,2 Mrd Fr. aufgrund der Hypothekenkrise bekannt gegeben. Die als defensiv eingestufte Aktie rauschte an nur einem Handelstag über 10% in die Tiefe.

Damit hat die Subprime-Krise die nächste Branche erfasst und schürt Crash- und Rezessionsängste in der verunsicherten Anlegerschaft. «Das Wachstum in den USA wird sicher schwächer werden, aber wir erwarten dennoch keine Rezession, sondern gehen von einer weichen Landung der US-Wirtschaft aus», erklärt Thomas Steinemann, Chefstratege der Bank Vontobel.

Drohender Credit-Crunch

Pessimistische Stimmen fürchten aber, dass der Konsum in den USA nachlassen könnte, weil die Banken bei der Vergabe neuer Kredite zurückhaltender werden könnten. Die US-Investmentbank Goldman Sachs – selber als einzige mit grossem Namen bisher nicht von Subprime-Verlusten gequält – beziffert diese mögliche Kreditverknappung auf ein Volumen von 2 Billionen Dollar. Sollte sich dadurch der – zu einem grossen Teil auf Pump finanzierte – Konsum in den USA abschwächen, könnte das auf das US-Wirtschaftswachstum durchschlagen. Denn der Konsum trägt in den USA rund 70% zum Bruttoinlandprodukt (BIP) bei. Und wächst dieses in zwei Quartalen hintereinander weniger stark als im Vorjahreszeitraum, heisst das schon «Rezession» – unabhängig davon, auf welchem Niveau die BIP-Wachstumsrate notiert. Diese ist in den USA mit 3,9% im 3. Quartal noch immer recht beachtlich. «Sicher wird das Wachstum an Dynamik verlieren, aber in jedem Fall positiv bleiben», prognostiziert Marc Schürer, Analyst bei Clariden Leu. Er rechnet 2008 für die USA mit einem Wachstum des BIP von 2%. Konjunkturelle Indikatoren geben dem optimistischen Analyst Recht. «Der leicht steigende vorauslaufende Sammelindikator lässt keinen Einbruch der Konjunktur erwarten», weiss Steinemann. Bisher gibt es noch keine klaren Anzeichen, dass sich die Immobilien- und Kreditkrise auf andere Bereiche der Wirtschaft ausbreitet. Die primäre Gefahr liegt jetzt in der Psychologie. Greift die Angst um sich und lässt die Wirtschaftsteilnehmer bei Konsum und Investition zögern, kann der Abschwung auch herbeigeredet werden

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Spill-over-Effekte

Die Rezessionsängste sind derzeit noch auf Amerika beschränkt. Doch trotz der Globalisierung und des wirtschaftlich so potenten asiatischen Raums (Chinas Wirtschaft wächst laut Prognose des IMF im nächsten Jahr mit 10%, Indien mit 8%) könnte eine schwache US-Wirtschaft dennoch die restliche Welt bremsen. Denn der Spill-over-Effekt der US-Wirtschaft auf China liegt bei 0,74 am höchsten, einzig übertroffen vom britischen Empire, das noch stärker am Tropf der USA hängt (1,19).

Börsen nehmen Ärger vorweg

Wenn es in der Realwirtschaft kriselt, antizipiert die Börse das in der Regel schon viel früher. Die liquiden Aktienmärkte nehmen die realwirtschaftliche Entwicklung zwischen sechs bis neun Monaten vorweg. Aktionäre verkaufen heute ihre Aktien, wenn sie in den nächsten drei Quartalen mit einer schwächeren Wirtschaft rechnen. Das sei im Moment aber nicht der Fall, meint Marc Schürer. «Die Börsen reflektieren die Rezessionsgefahren nur zum Teil», meint er. Den Hauptgrund für die Kursverluste sieht der Analyst in der Verunsicherung der Anleger über die Folgen der Subprime-Krise. Sobald sich diese auflöst und sich die Rezessionsängste verflüchtigen, werden die Aktienmärkte wieder deutlich zulegen. «Aktien sind derzeit unglaublich günstig», schwärmt Schürer. Allerdings räumt er ein, dass es bis zur Erholung noch etwas dauern könnte und es jetzt, da die Volatilität auf einem 4-Jahres-Hoch ist, auch guter Nerven bedarf, um einzusteigen. «Grundsätzlich bleibt das Umfeld für Aktien günstig», meint auch Thomas Steinemann, der ebenfalls mit einer Beruhigung an den Märkten rechnet.

NACHGEFRAGT

Marc Faber ist Börsenguru und Managing Director von Marc Faber Limited

Stehen die USA am Anfang einer Rezession?

Marc Faber:

Wenn man die Inflation richtig berechnen würde, dann wäre Amerika bereits in einer Rezession. Wir haben viele ungeschönte US-Indikatoren, darunter die States Sales Tax Rates, die in den letzten zwölf Monaten gefallen sind und die auf eine Rezession hinweisen.

Wird dies auch die Weltwirtschaft treffen?

Faber: Ja. Auch in Europa haben wir eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums.

Folgt die globale Rezession?

Faber: Die Notenbanken werden eine Unmenge Geld in das System pumpen, um dies zu verhindern. Allerdings hat diese expansive Geldpolitik der USA zur Subprime-Krise geführt. Nun soll diese Krise mit denselben Mitteln wieder abgewendet werden. Das ist hirnverbrannt.In der Schweiz hat besonders die UBS unter der Subprime-Krise gelitten. Würden Sie diese Aktie jetzt wieder kaufen?Faber: Ich würde abwarten. Eine technische Erholung ist zwar möglich, eine Analyse der Banken ist aber sehr schwierig. Hinzu kommt, dass wohl auch das Private Banking leiden wird. Denn wenn sich die Kunden von den strukturierten Produkten abwenden, fehlt den Banken eine starke Einnahmequelle.Sollte sich die UBS vom Investment Banking trennen?Faber: Die UBS sollte ihr Investment Banking auf null abschreiben, es verschenken und sich nur noch auf das Private Banking konzentrieren ? wenigstens so lange, bis der nächste CEO wieder Chancen darin wittert.

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