Für amerikanische Fracking-Konzerne kann der jüngste Ölpreisanstieg ein Befreiungsschlag bedeuten. Die Förderung für die angeschlagenen Branche wird mit einem Mal wieder interessant. Etliche Firmen stehen bereit, ihre Produktion wieder aufzunehmen beziehungsweise hochzufahren.

Seit dem Rekordtief von 45 Dollar Anfang Jahr hat sich der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Ölsorte WTI bis heute auf rund 61 Dollar erholt. Soviel kostete das Fass zuletzt im Dezember. Auch die Nordsee-Ölsorte Brent stieg in der gleichen Zeit von unter 50 Dollar auf über 69 Dollar.

Fracking rentiert sich wieder

Lange war es für viele US-Produzenten zu unrentabel, Öl zu fördern. Denn die umstrittene Fördermethode, bei der Wasser und Chemikalien in tief liegende Schieferschichten gepumpt werde, ist teuer und lohnt sich nur ab einem bestimmten Ölpreis. Bis vor kurzem schätzten Experten, dass bereits ein Ölpreis unter 80 Dollar viele Produktionen unprofitabel mache.

Doch mit dem heftigen Preisverfall 2014 rutschte diese Marke ebenfalls nach unten. Denn mit dem Billigöl sinken auch die Kosten für den Betrieb der Bohrmaschinen und für den Transport des Öls. Laut Susanne Toren, Rohstoffexpertin bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), ist ein Grossteil der laufenden Aufwendungen für die Ölförderung Energiekosten. «Im Zuge der Ölpreisbaisse sind die Kosten der Fracking-Förderung aber durchschnittlich von 79 auf 60 Dollar je Fass zurückgekommen.»

US-Industrie kann flexibel reagieren

Der Vorteil der Fracking-Industrie ist, dass sie flexibel auf Preisveränderungen reagiern kann. Die Maschinen könnten schnell angeworfen werden. Die Zahl der derzeit in den USA betriebenen Bohrtürme war laut offiziellen Angaben von Anfang Mai auf 679 gesunken, im Oktober waren es noch 1609. Mit der jüngsten Erholung der Ölpreise könnte die Zahl schnell wieder steigen und damit die Produktion in den USA anschwellen lassen.

Grund für den Preisanstieg beim Öl war der gesunkene Dollar, der das schwarze Gold für Anleger aus anderen Währungsräumen günstiger macht. Zudem hat Ölgigant Saudi-Arabien die Preise für Europa und die USA angehoben. Laut Experten deutet dies auf eine robuste Nachfrage hin. Daneben sanken die US-Lagerbestände erstmals seit 17 Wochen, wie die Regierung am Mittwoch mitteilte.

«Höhenflug ist begrenzt»

Allerdings dürften die Ölpreise in nächster Zeit allenfalls leicht zulegen. Denn übersteigt die angebotene Ölmenge dank der US-Fracker wieder deutlicher die Nachfrage, sinkt der Preis. «Jeder Preisanstieg beim Öl wird auch die Produktion ankurbeln, was wiederum die Preise belastet», zitiert «CNBC» Fadel Gheit, Energieexperte bei der Investmentbank Oppenheimer.

Auch ZKB-Expertin Susanne Toren erwartet keine grossen Preissprünge mehr. «Der jüngste Höhenflug ist begrenzt.» Dazu beitragen werden auch die USA und die Länder des Ölkartells Opec, allen voran Saudi-Arabien. Beide Parteien kämpfen um Marktanteile und sind nicht gewillt, die Fördermengen zu drosseln, um den Ölpreis zu senken. «Der Preiskrieg geht weiter», ist Toren überzeugt.

Eine zusätzliche Belastung für den Ölpreis könnte in naher Zukunft der Iran werden. Im Falle eines internationalen Atomabkommens dürfte der Westen die Sanktionen gegen das Land lockern. Damit könnte es wieder Öl ausführen und die Märkte zusätzlich beliefern. «Schifffahrtskreisen zufolge lagert der Iran derzeit in Supertankern mindestens 30 Millionen Fass Öl, die zeitnah exportiert werden können», so Toren. Sie erwartet daher, dass sich der Ölpreis in den nächsten Monaten zwischen 55 und 65 Dollar einpendelt.

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