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US-Starinvestor Ken Fisher: «Ihr versteht Trump nicht»

Kenneth Lawrence Fisher (born November 29, 1950)
Der amerikanische Star-Investor Ken Fisher: «Strafzölle sind nur ein Spektakel, das Aufmerksamkeit auf sich zieht.»Quelle: Jannis Chavakis/ 13Photo

Der US-Investor wollte Förster werden, doch dann gründete er seine Anlagefirma – und verdiente Milliarden. So hat er es geschafft.

Von Stefan Barmettler
am 05.10.2018

Wann haben Sie Ihre erste Million verdient?
Ken Fisher: Tönt vielleicht arrogant: Ich weiss es nicht mehr.

Die erste Milliarde?
2005. Allerdings war ich nie aufs Geld aus. Ich gebe auch nicht übermässig viel aus.

Sie sind seit Jahrzehnten in der Finanzwelt unterwegs, schreiben Bücher über Renditenoptimierung, sind dreifacher Milliardär – und interessieren sich nicht für Geld?
Ich renne dem Geld nicht hinterher. Geld ist für mich nicht entscheidend, aber mit Geld kann ich mir echte Werte leisten. Nehmen wir Bill Gates: Er hat zwar viel Geld, aber viel wichtiger ist, was er daraus macht, die Werte, die er damit kreiert. Kapital schafft erst wahre Werte.

Wie viele Bücher haben Sie geschrieben?
Elf. Hätten Sie eine Idee für ein zwölftes?

Mit welchem haben Sie am meisten verdient?
«The Only Three Questions That Count», davon habe ich 170 000 Stück verkauft, vor allem in den USA und in Grossbritannien. Allerdings schreibe ich kein Buch zum Geldverdienen. Schreiben ist Vergnügen. Und es hilft mir, bekannter zu werden und meine Botschaft zu verbreiten.

Ihre beste Aktie – Apple, Coke?
Nein, Nucor. Die Firma entwickelte sich von einer Kleinfirma zu Amerikas grösstem Stahlproduzenten. Der Kern kam aus einem Pleitefall. Der neue Firmenchef schuf innert 15 Jahren aus einem Problemfall eine Perle. Er investierte in die Produktion und gewann mit einer aggressiven Preispolitik Marktanteile. Heute macht die Firma über 20 Milliarden Dollar Umsatz. Die Aktie hat sich seit 2000 fast verfünffacht.

Wie viele Firmen haben Sie weltweit auf dem Radar?
Technisch alle, aber praktisch sind es in jedem Land die grösseren Firmen, in der Schweiz ist es der Swiss Market Index. Wir konzentrieren uns auf Firmen, die eine gewisse Grösse haben.

Klein, aber fein – nichts für Sie?
Hört sich schön an, aber Kleinfirmen rentieren nur zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. In einem Bärenmarkt werden sie brutal zusammengedrückt, aber wenn der Tiefpunkt erreicht ist und die Börse Fahrt aufnimmt, erholen sie sich schneller. Ab diesem Zeitpunkt ist ein Einsteigen attraktiv. Wenn man sonst bei den Kleinen einsteigen will, ist es wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen.

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Wie wählen Sie Ihre Aktien aus?
Zuerst frage ich mich: Wo stehen wir im Zyklus? Dann geht es darum, jene Aktie auszuwählen, die sich in dieser Phase besonders gut entwickelt, und zwar global. Wenn die Börse in einen reiferen Bullenmarkt kommt und den Höhepunkt noch nicht erreicht hat, weiss ich: nicht zu ausgefallen bei der Auswahl, sondern konzentriere dich auf grosse Qualitätstitel mit einem vernünftigen Wachstum – diese entwickeln sich erfahrungsgemäss am besten. Das schliesst auch Tech-Aktien ein. Allerdings ist das schwierig in Europa, weil es nur in den USA eine stattliche Anzahl von grosskapitalisierten Tech-Firmen gibt, dann noch einige in China und ganz wenige in Deutschland oder Dänemark.

Der beste Zeitpunkt?
Am Anfang eines Bullenmarktes. Dann kaufen jene Leute Aktien, die das Risiko nicht scheuen. In der späten Phase kaufen jene, die zuvor die Finger von Aktien gelassen haben. Wenn sie einsteigen, glauben sie, sie seien auf der sicheren Seite, aber sie merken nicht, dass das Risiko viel grösser ist. Dann sind wir bei der Greater Fool Theory, nach der einer glaubt, er finde sicher noch jemanden, der ihm die Aktien zu einem höheren Preis abkauft.

Was machen Sie in einem Bärenmarkt?
In einem Bärenmarkt sollte man Aktien halten, die man im nächsten Bullenmarkt gerne hätte.

Was halten Sie von Pharma?
Da sehe ich in der Schweiz nur Roche. Die Firma ist gross, wachstumsorientiert, hat Qualität. Der Schwerpunkt Onkologie macht den Titel interessant in einer alternden Bevölkerung, mehr als Novartis.

Konsumgüter? Nestlé, Unilever, Gillette?
Kommt darauf an. Hochklassige Nicht-Basiskonsumgüter sollten gut laufen und tun es auch. Basiskonsumgüter hinken in den meisten Bullenmärkten weitgehend hinterher. Ihre Zeit kommt später.

Energie?
Da bin ich skeptisch, weil die Effizienzfortschritte immer wieder zu tieferem Verbrauch führen und so einen Preisanstieg bei den Aktien unterminieren. Zudem ist man immer politischen Entscheiden ausgesetzt.

Uhren?
Da fehlt mir der Wachstumsaspekt, ausser vielleicht in Asien.

Tech?
Big and easy stuff. Da würde ich nicht zu ausgefallen sein, sondern auf Tradition und Grösse setzen – Alphabet, Apple, Amazon.

Kenneth Lawrence Fisher
Ken Fisher: «Trump winkt mit der linken Hand.»
Quelle: Jannis Chavakis/ 13Photo

Wie kamen Sie in die Finanzwelt?
Mein Vater hatte eine Finanzgesellschaft, da habe ich am Anfang mitgearbeitet. Bis ich das Gefühl hatte: Wenn ich so weitermache, bring ich ihn eines Tages noch um (lacht). Das waren natürlich ziemlich schlechte Aussichten, also gründete ich meine eigene Firma im Finanzsektor. Auch mein Bruder arbeitete für ihn, auch er stieg aus.

Nach der Gründung von Fisher Investments ging die Post ab?
Die ersten zehn Jahre habe ich unheimlich viel gelernt, in der Analyse, im Data-Mining. Mitte der 1980er Jahre hob das Geschäft ab. Ich habe damals das Konzept des Price-Sales-Ratio beschrieben. In Fachkreisen wurde dieses Konzept sehr schnell adaptiert, das brachte mich unheimlich schnell auf die Landkarte.

Das Price-Sales-Ratio wurde eine wichtige Messgrösse zur Bewertung von Aktien.
Richtig, ein nützliches Instrument wie ein Schweizer Taschenmesser. Es ging darum, Firmen, die nicht profitabel waren, auf ihr Potenzial hin zu bewerten. Werden sie profitabel? Können sie sich anständig entwickeln? Ich schuf also ein Instrument, um die Substanz einer Firma abschätzen zu können. Trivial war das nicht. Zumal Firmengewinne wegen Ersatzinvestitionen, Zukäufen, Forschungsausgaben oder Veränderung beim Rechnungswesen stark variieren können.

Heute machts der Computer in Sekunden.
Absolut. Das Bewerten von Aktien war vor dreissig Jahren teuer und sehr aufwendig. Mit dieser Methode konnte ich viel Geld verdienen, weil ich echten Mehrwert bot.

Sie kaufen alte Sägereien zusammen. Auch ein Investment – oder eine Marotte?
Ich kaufe sie nicht selber, sondern gebe historischen Gesellschaften Geld für Zukäufe. Holzsägereien hatten früher einen unglaublichen Einfluss auf die Wirtschaft der USA. Holz befeuerte die Revolution der Industrie, die ich als Kind miterlebte. Dann unterstütze ich die Erforschung der Redwood-Bäume, deren Stämme locker drei Meter Durchmesser haben. Ich war in meiner Jugend mit meinem Grossvater oft im Wald; die Redwood haben mich fasziniert. Damals wollte ich Förster werden, doch in der Schule merkte ich, dass dies vielleicht doch keine tolle Karriere wäre und heuerte in der Firma meines Vaters an. So wurde ich nicht Förster, sondern Investor.

Donald Trump zettelt Handelskriege an. Das gefällt den Börsianern nicht, weil es Unsicherheit auslöst. Auch Ihre Meinung?
Zumindest am Anfang seines Amtsantritts hat sich die Börse stark nach oben bewegt. Dann gab es Befürchtungen, es könnte zu einem Crash mit China kommen. Mittlerweile hat man sich an die Streitereien schon fast gewöhnt (lacht). Aber ich sage Ihnen eines: Viele Leute erkennen die Taktik nicht, die dahintersteckt. Weil sie Trump nicht verstehen oder nicht verstehen wollen.

Da sind wir aber gespannt.
Trump winkt mit der linken Hand, was die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zieht. Mit der rechten macht er reale Politik, senkt Steuern, schafft Vorschriften ab, lockert die Regulierung. Diese wird aber nicht wahrgenommen, weil man sich von der linken ablenken lässt. So war es auch mit den Strafzöllen, die er im Handel mit China einführte: Mit ihrer Einführung hat er Druck gemacht auf Peking, damit die Chinesen Druck auf Kim Jong-un in Nordkorea machen. Die Strafzölle waren bloss ein Spektakel, das alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Letztlich wollte er Kim zur Vernunft bringen und davon abhalten, Raketen in Richtung USA zu schiessen.

Der Geld-Guru

Name: Kenneth Fisher

Funktion: Gründer und Präsident Fisher Investments, Buchautor, Kolumnist «Handelszeitung»

Alter: 67

Familie: verheiratet, drei Söhne

Ausbildung: Forst- und Wirtschaftsstudium an der Humboldt State University in Kalifornien

Karriere:

1979 bis 2016: Chef Fisher Investments

seit 2016: Präsident Fisher Investrments

Der Handelsstreit mit China droht seit Monaten zu eskalieren. Was erwarten Sie?
Es geht hier darum, mit China erfolgreich über andere Dinge als den Handel zu sprechen – über den Schutz von geistigem Eigentum und Nordkorea. Schliesslich sind die Zölle nicht hoch genug, um echte Probleme zu schaffen. Aber sie zwingen die Führung an den Tisch. Trump ist ein Meister der Ablenkung und des Symbolismus. Und ich glaube, das ist das, was er hier tut.

Sie halten Strafzölle für gut?
Nein, Strafzölle sind schlecht. Nur muss man die Dimensionen sehen – und wie leicht man sie umgehen kann. China führt Strafzölle auf US-Sojabohnen ein. Okay, aber wie will der chinesische Importeur feststellen, woher die Bohnen kommen? Oder nehmen wir Autos: Die Chinesen führen auch da Strafzölle ein. Nur: General Motors verkauft zwar 500 000 Autos nach China, aber keines davon ist in den USA produziert. In China werden gerade mal 29 000 Autos «Made in the USA» verkauft. Schliesslich sind vergleichsweise kleine Handelsvolumen von Strafzöllen betroffen. Das weltweite Bruttoinlandprodukt beträgt 80 Billionen Dollar, dieses wächst in einem normalen Jahr um ein paar Billionen. Auf der anderen Seite reden wir von Strafzöllen in der Höhe von ein paar Billionen. Das heisst, Strafzölle könnten im Extremfall das Wachstum ganz leicht bremsen, aber sie haben keinen ernsthaften Einfluss.

Ist Europa zu kritisch mit Trump?
Europa versteht nicht, dass Trump einen anderen Stil hat und nicht jenen Vorstellungen entspricht, die man von einem Politiker hat. Zudem gibt es in den USA ganz viele Checks and Balances. Der Kongress muss Gesetze durchwinken, die Gerichte müssen sie absegnen. Das alles beschneidet die Macht des Präsidenten.

Ist Ihr Präsident nicht der mächtigste Mann der Welt?
Seine Steuersenkung war wichtig. Aber die Demokraten können sie, wenn sie übernächstes Jahr an die Macht kämen, rückgängig machen. Zu Ihrer Frage: In einem Punkt hat er viel Macht: Es gibt niemanden, der innert so kurzer Zeit so viele Richter bestimmen kann wie Trump. Und diese Leute sind auf Lebzeiten gewählt. Er wählt junge, konservative Richter, die über Jahrzehnte entscheiden werden. Nehmen wir den Obersten Gerichtshof in den USA: Trump kann drei Leute bestellen, einen Drittel des Supreme Court. Antonin Scalia starb, Anthony Kennedy trat zurück, Ruth Bader Ginsburg steht kurz davor.

Der Bullenmarkt hält in den USA an?
Erstens: Die Wirtschaft und die Börsen in Europa entwickeln sich nicht in gegenteiliger Richtung zu Amerika. Zweitens: Historisch betrachtet entwickeln sich die Börsen im ersten und zweiten Jahr im Präsidentschaftszyklus negativ. Im dritten und vierten Jahr dagegen hat sich der S&P 500 nie negativ entwickelt. Vor diesen Prämissen werden die Märkte in den USA und in Europa bis 2020 zulegen.

Und wenn die Zwischenwahlen in die politische Blockade führen, weil die Demokraten das Repräsentantenhaus erobern?
Eine Blockade ist gut für die Börse, weil die Regierung kaum aktiv ist und der Kapitalismus sich schneller bewegt als Regierungen es können. Das Kalenderquartal, in welches die Zwischenwahlen fallen, war in 87 Prozent der S&P-500-Geschichte positiv. Die zwei Kalenderquartale danach waren auch in 87 Prozent der Geschichte positiv. Diese drei Quartale sind in der Börsengeschichte der durchgängigste positive Zeitverlauf.

Sie tragen Krawatten mit Börsen-Sujets wie «Bulle und Bär». Ihr Hobby?
Ja. Ich sammle Krawatten von den Börsenplätzen aus aller Welt. Mittlerweile hängen bei mir im Schrank dreissig Stück.

Sie tragen auch Börsen-Krawatten, wenn Sie mit Ihrer Frau in die Oper gehen?
Meine Frau hat nur gute Ideen. Mit mir in die Oper zu gehen, wäre eine schlechte – weil ich dabei meistens einschlafe.

Ihre drei Söhne erben Ihre Milliarden?
Nein, meine Frau und ich haben ihnen klargemacht, dass das Lebensprinzip «Daddy’s Money» nicht aufgeht. Das ist nicht gut für Kinder und schon gar nicht für die Grosskinder. Ich kenne viele Familien, die daran gescheitert sind. Man hilft niemandem, wenn man Millionen verteilt. Sonst stehen sie mit fünfzig da, haben Unmengen von Geld ausgegeben und langweilen sich. Ein allzu lockeres Leben ist verführerisch – und tödlich.

Was wollen Sie mit Ihrem Geld machen?
Wir haben unsere Söhne so erzogen, dass sie mit beiden Beinen im Leben stehen. Wir haben ihnen auch klargemacht, dass sie nur einen kleinen Bruchteil unseres Vermögens kriegen.

Und der grosse Rest?
Wenn meine Frau und ich nicht mehr leben, geht ein Grossteil in die medizinische Forschung – mit der Hoffnung, damit wahre Werte zu schaffen.

Kenneth Lawrence Fisher
Ken Fisher im Gespräch mit «Handelszeitung»-Chefredaktor Stefan Barmettler.
Quelle: Jannis Chavakis/ 13Photo

Bucks und Bäume

Ken Fisher gründete seine Investmentfirma 1979, und zwar mit 250 Dollar. Er begann mit institutionellen Kunden, später kamen reiche Privatkunden dazu. 2007 gründete er in Deutschland die Firma Grüner Fisher Investments. Heute verwaltet er Vermögen in Höhe von 72 Milliarden Dollar.

Das US-Magazin «Forbes» schätzt das Vermögen von Fisher auf 3,8 Milliarden Dollar. Das Magazin «Investment Advisor» reihte ihn ein unter die 30 einflussreichsten Personen der Finanzindustrie der letzten 30 Jahre. Bislang hat er elf Bücher übers Geldanlegen geschrieben. Vier davon wurden «New York Times»-Bestseller. Zudem schreibt er regelmässig über Redwood-Bäume in Kalifornien. Er lebt in Portland, Oregon.