Der deutschsprachige Analyst aus New York spricht nur hinter vorgehaltener Hand. «Zum ersten Mal in meinem Leben machte ich eine Wahlkampfspende – für Mitt Romney.» Der Abgänger der HSG St. Gallen, der namentlich nicht erwähnt werden möchte, macht sich Sorgen um seinen Job. «Romney als Präsident ist der einzige, der das Dodd-Frank-Gesetz noch zurückdrehen kann.» Das Kernstück des Gesetzes, die Volcker-Rule,verbietet den Instituten gewisse Wetten an den Kapitalmärkten. Und das beeinträchtigt die Gewinndynamik von Wall Street enorm – und damit die Lohn- und Bonusentwicklung der Angestellten.

Insofern atmet Wall Street gerade etwas auf. Der republikanische Gegenspieler Rick Santorum gab das Rennen um das Weisse Haus am 9. April auf. Damit gilt die Nomination von Romney als Präsidentschaftskandidat als gesichert – und damit eines vehementen Fürsprechers der Finanzbranche. Schliesslich war der frühere Gouverneur von Massachusetts Gründer des Risikokapitalfonds Bain Capital.

Gerade die Credit Suisse entpuppte sich als besonders aggressiver Förderer des Multimillionärs. Aktuell steht sie mit knapp 296000 Dollar auf Platz vier aller Spender für Romney. Nur Goldman Sachs (517000 Dollar), JP Morgan Chase (355000 Dollar) und Morgan Stanley (298000 Dollar) stellten noch mehr Geld für Romneys Wahlkampf bereit. Auch die UBS ist nicht knausrig: Sie steht auf Platz 14 der grössten Unterstützer von Romney. Sie gab bis anhin 142000 Dollar.

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Anwälte und Unis

Doch das Rennen ist nicht gelaufen. Präsident Obama sammelte für diesen Wahlkampf mit 160 Millionen Dollar schon mehr als doppelt so viel Gelder ein. Die Banker von Wall Street allerdings, die in seinem ersten Wahlkampf zu seinen wichtigen Unterstützern zählten, machen sich diesmal rar. Die bislang grössten Spenden für seinen Kampf um die Wiederwahl erhielt er laut Analysen vom Center for Responsive Politics vom Softwareriesen Microsoft, von der Anwaltskanzlei DLA Piper, der Internetsuchmaschine Google sowie den Universitäten Kaliforniens und der Uni Harvard.

Die erwähnten Unternehmen spenden nicht selbst, das ist verboten. Allerdings darf jeder Amerikaner im Namen seines Arbeitgebers bis zu 2500 Dollar geben. Kandidaten dürfen auch keine Spenden von Ausländern annehmen. Doch es gibt Möglichkeiten zur Umgehung. Sehr wohl dürfen Personen sehr viel mehr Geld an Political Action Committees spenden, welche die Beiträge dann den Kandidaten zur Verfügung stellen.

Dennoch fällt das grosse Spendenaufkommen für Mitt Romney aus der CS auf. Vielleicht liegt das auch daran, dass Eric Varvel, der Chef des Investment Banking, wie Romney der religiösen Minderheit der Mormonen angehört. Sie gelten als ehrliche, hart arbeitende Zeitgenossen, deren Verkaufstalent oft durch eine zweijährige Missionars-Wanderschaft im Ausland geschult wird. Nur 2 Prozent der Amerikaner gehören der Glaubensrichtung an. Die Mormonen erhielten mit Romney mehr Einfluss an Wall Street.

«completely NO PRESSURE»

Varvel hat immerhin bereits 100000 Dollar seines persönlichen Vermögens zur Unterstützung von Romney eingezahlt. Dazu veranstaltete er im Dezember ein Spendenfrühstück für den Glaubensgenossen – der Eintritt kostete 10000 Dollar. Per E-Mail kursierte die Einladung zu dem teuren Frühstück in der Führungsetage der Credit Suisse unter dem Hinweis, «completely NO PRESSURE». Die Frühstückseinladungen landeten auch bei Nicht-Amerikanern in den Eingangsordnern und sorgten für Verstimmung.

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Bei der UBS sieht es anders aus. Auch bei ihr kamen zwar die meisten Spenden für Romney zusammen. Doch Obama erhielt immerhin noch 36 Prozent, verglichen mit den Spenden für Romney. Bei der Credit Suisse waren es bis anhin lediglich 6 Prozent. Das liegt wohl auch an personellen Verknüpfungen. Die UBS unterhält enge Bindungen ins Weisse Haus. Zum Beispiel stellte sie im März 2011 Mona Sutphen als leitende Analystin für internationale politische Trends ein. Die frühere Mitarbeiterin von Obama arbeitete nur wenige Türen vom Oval Office entfernt. Zur gleichen Zeit wechselte auch Alexander Friedman zur UBS – er hatte zuvor in Obamas Verteidigungsministerium gearbeitet.

Am wichtigsten aber ist der Mann an der Spitze: Amerika-Chef Robert Wolf geniesst besten Zugang zum Präsidenten. Als Spendensammler für Obama hatte der UBS-Manager 2008 über 500000 Dollar für Obama eingesammelt. Im Gegenzug erhielt er nach dem Wahlsieg zunächst einen Sitz im Beirat für Wirtschaftserholung und dieses Jahr im Rat für Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit. Rund zweimal im Monat, so wissen Politkenner, geht Wolf zu Obama ins Weisse Haus. Während den ersten Sommerferien des Präsidenten 2009 durfte er sich bei einer fünfstündigen Golfpartie mit dem Präsidenten austauschen.

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Nicht dass all der Einfluss im Weissen Haus der UBS viel genützt hätte, seit Obama an der Macht ist: Seit 2008 zahlte sie Strafen in Milliardenhöhe an den amerikanischen Staat. 2009 zahlte sie 780 Millionen Dollar als Busse für die Geheimhaltung von Konten von amerikanischen Bürgern, die ihre Steuern hinterziehen wollten. Im Mai 2011 erhielt die Grossbank erneut eine Strafe von 160 Millionen Dollar, weil sie die Auktionen für den Verkauf von Gemeindeanleihen manipulierte, um mehr Gewinn zu machen, und dabei amerikanischen Steuerzahlern schadete. Die zynische Sicht ist vielleicht, dass die UBS ohne ihre engen Kontakte ins Weisse Haus noch härter bestraft worden wäre. «Wer denkt, dass er für seine Wahlkampfspenden Gefallen bekommt, wird tief enttäuscht sein», glaubt Brian Gardner, Washington-Analyst von der Investmentbank Keefe, Bru­yette & Woods. «Der Zusammenhang von Geld und politischem Einfluss wird deutlich überschätzt.» Dabei warnt Gardner vor allem die Unterstützer von Romney vor falschen Erwartungen: «Sollte der entgegen der Wahrscheinlichkeit im November gewinnen, dann wird er ängstlich darauf bedacht sein, vor dem Volk nicht als jemand dazustehen, der Wall Street Gefallen tut.» Den ganzen Sommer über würde die Gegenseite hervorheben, dass Romney jemand von Amerikas Geldadel ist und mit Wall Street unter einer Decke steckt.

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Indirekt öffnet die Unterstützung im Wahlkampf allerdings schon Türen. Man findet dann in kritischen Fragen doch mehr Gehör in einem Ausschuss oder bei einem Ministerium.

Das Paradebeispiel, dass Amerikas Politik aber am Ende nicht ganz so käuflich ist, wie allseits gedacht, ist das Dodd-Frank-Gesetz selbst, welches das amerikanische Bankenwesen nach der Weltfinanz­krise von 2008 umfassend neu reglementiert. Die Wahlkampf-Dollars von Wall Street flossen 2008 zu Barack Obama – und haben doch die strengen Gesetze zulasten der Investmentbanken nicht verhindert. «Selbst wenn Romney gewinnen sollte, wäre das Positivste, das Wall Street erwarten kann, dass es weniger neue Gesetze gegen sie gibt», findet Gardner.

Mehr Kompromisse

Der politische Analyst geht mit einer 60-­prozentigen Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Obama wiedergewählt wird. Nur ein unerwartetes Ereignis wie etwa eine neuerliche Kernschmelze im Euro, die die Belebung der amerikanischen Wirtschaft abbremst, oder weiter drastisch steigende Benzinpreise könnten den Titelverteidiger ernsthaft in Gefahr bringen.

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Allerdings erwartet Gardner, dass sowohl der Senat wie auch das Repräsentantenhaus in republikanische Hände fallen. Das wird Obama stärker zu Kompromissen zwingen: «Die beste Nachricht für Banken wird sein, dass es keine neuen schlechten Nachrichten geben wird.»