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Vanguard gegen Blackrock: «Katalysator des Wandels»

Bank: Die Fondsbranche steckt im Umbruch, Vanguard sorgt für grossen Margendruck. Keystone

Die genossenschaftliche Vanguard dürfte Blackrock 2019 als weltgrössten Vermögensverwalter ablösen, zeigt eine Studie. HSG-Experte Ruttmann erklärt, wie Kunden vom Wandel in der Branche profitieren.

Von Mathias Ohanian
am 06.07.2017

Vanguard sammelt wie kein zweites Fondshaus Neugelder ein und steigt ihren Berechnungen zufolge mittelfristig zum grössten Vermögensverwalter der Welt auf. Wie erklären Sie diesen Siegeszug?
Robert Ruttmann*: Unsere Berechnungen sind sogar noch konservativ: Wir haben die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre in die Zukunft fortgeschrieben. Dabei hat der Aufstieg von Vanguard erst in den letzten zwei Jahren richtig angefangen. Lange war die Fondsbranche äusserst immun gegen Veränderungen. Regulierung verhinderte allzu grossen Wettbewerb und undurchsichtige Gebührenstrukturen erschwerten Vergleiche zwischen den Anbietern. Nun fördert der technologische Fortschritt die Transparenz in Bezug auf die Gebührenverteilungen, was kostengünstigen Anbietern wie Vanguard sehr stark zugute kommt. 

Sind Anleger kritischer geworden?
Genau. Die zunehmende Transparenz hat dazu geführt, dass Kunden deutlich kostensensitiver geworden sind. Hinzu kommt, dass Aktien und Anleihen heute teuer sind und es derzeit für beide Anlageklassen nur wenig Spielraum nach oben gibt. Und wenn die erwarteten Gewinne noch geringer ausfallen sollten, als derzeit erwartet wird, dürften Investoren umso genauer auf die Kosten schauen.

Sehen wir in der Finanzbranche Umwälzungen wie im Handel, wo Amazon traditionellen Geschäften immer mehr Anteile abnimmt?
Der Aufstieg von Amazon hat viele stationäre Anbieter gezwungen, die Preise zu senken, und hat auch Geschäftspleiten erzwungen. Für die Kunden ist das eine positive Entwicklung. Das Gleiche erwarte ich für die Fondsbranche, wenn auch im geringeren Ausmass als im Handel. Die Fondsbranche befindet sich im Umbruch und Vanguard ist ein Katalysator des Wandels – vor allem im Sinne der Kunden.

 

Haben die etablierten Anbieter in den vergangenen Jahren gute Geschäfte auf Kosten der Kunden gemacht?
Die Margen in der Vermögensverwaltung, vor allem bei diskretionären Mandaten, sind in der Schweiz mit jährlich etwa 1,5 bis 2,5 Prozent nach wie vor relativ hoch. Zudem kann der Investor nur schwer die verschiedensten Angebote miteinander vergleichen, was natürlich die Transparenz bezüglich der Rendite nach Kosten weiter erschwert.

Was leiten Sie daraus für die Zukunft ab?
Ein Geschäftsmodell, das auf Informationsasymmetrien aufbaut und davon abhängt, kann in unserer heutigen vernetzten Zeit nicht nachhaltig sein. Deshalb dürften mit zunehmender Transparenz die Margen sinken und es könnte zu einer grösseren Konsolidierung kommen, zumal sowohl Kunden als auch Regulatoren von Finanzdienstleistern heute einen konsequenteren Kundenfokus, wie ihn Amazon vorlebt, erwarten.

Vanguard setzt vor allem auf passive Investments. Es ist klar, dass die günstiger sind als aktive Produkte, die von einem Experten gemanagt werden.
Es geht nicht nur um die Verschiebung von aktiven in passive Fonds. Immerhin verwaltet Vanguard fast ein Drittel seines Vermögens aktiv. Aber die Daseinsberechtigung von aktiven Fondsmanagern, die vergleichsweise deutlich höhere Kosten erfordern, wird immer stärker infrage gestellt. Immerhin konnten 2016 nur 8 Prozent der aktiven europäischen Fondsmanager nach Abzug von Gebühren den Markt schlagen. Das ist, als ob Sie einen Porsche kaufen, bei dem Sie mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit wissen, dass der Motor im ersten Jahr kaputt geht. Ein schlechter Deal.

Womit kann Vanguard neben geringen Kosten noch punkten?
Investoren profitieren vom Aufbau als Genossenschaft. Sie sind an der Firma beteiligt, wenn sie einen Fonds zeichnen. Das heisst, dass sie auch unmittelbar durch Kostensenkungen profitieren, wenn Vanguard effizienter arbeitet. Es gibt daher keine Interessenskonflikte, die dazu führen könnten, die Kosten für den Kunden zu erhöhen, um den Unternehmensprofit zu steigern. Somit ist das Wohlergehen des Kundens im Geschäftsmodell verankert.

Was bedeutet der Siegeszug indexierter Anlageprodukte für aktive Manager?
Für sie wird es härter. Nur wenige aktive Manager sind so gut, dass sich hohe Kosten rechtfertigen lassen. Richtig schwierig wird das Geschäft für unterdurchschnittliche Anbieter: Sie werden in Zukunft noch stärker unter Mittelabflüssen leiden. 

Sehen wir das verstärkt auch in der Schweiz?
Die Schweiz hinkt in der Entwicklung den USA hinterher. Aber der Trend ist meiner Einschätzung nach unaufhaltsam und wird früher oder später auch hier ankommen.

Was gilt es für Schweizer Anleger zu beachten?
Es ist viel gewonnen, wenn ihnen bewusst ist, dass ihre Interessen nicht immer unbedingt mit denen ihres Finanzanbieters übereinstimmen. Zum Beispiel kann es sein, dass die Kompensation des Kundenberaters von seinem Gewinnbeitrag für die Firma abhängig ist. Das kann auch heute noch dazu führen, dass Kunden tendenziell eher Lösungen angeboten bekommen, die dem Berater eine hohe Marge versprechen und nicht automatisch dem Kunden eine überdurchschnittliche Rendite und Service. Es braucht daher auch aufseiten der Kunden mehr Kostenbewusstsein und den Mut nachzufragen: Sie sollten sich vermehrt die Frage stellen, warum sie wofür mehr zahlen.

Wie können Grossbanken höhere Gebühren schmackhaft machen?
In erster Linie durch einen erstklassigen, kundenzentrierten Service - verbunden mit einer marktgerechten Rendite nach Kosten. Bei sehr vermögenden Kunden können Grossbanken zudem komplexere Dienstleistungen bei der Vermögensplanung und Strukturierung anbieten. Die Kundenerfahrung muss in allen Belangen immer im Mittelpunkt stehen.

*Robert Ruttmann ist Gründer und Direktor des Thinktanks Redesigning Financial Services (eine interdisziplinäre Forschungsgemeinschaft der Universität St. Gallen, der ETH und EY) und Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit und Finanzdienstleistungen an der Universität St. Gallen.

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