Derzeit halten die US-Politiker mit ihrem Streit rund um die Schuldenobergrenze die Märkte in Atem. Doch am Ende haben sie keine andere Wahl, als zuzustimmen?

Jan Amrit Poser: Die Politiker spielen mit dem Feuer. Wir rechnen aber damit, dass es am Ende zu einer Einigung kommt. Das Sparpaket wird allerdings nicht ausreichen, um das Schuldenproblem in den Griff zu kriegen. Die Debatte um eine willkürliche Schuldengrenze ist aber ­eigentlich überflüssig.

Warum?
Poser: Die Amerikaner sollten sich vielmehr überlegen, wie sie eine Schuldenfalle vermeiden können. Denn das ­Wirtschaftswachstum wird in den nächsten Jahren nicht ausreichen, um die Schuldenlast wettzumachen. Im Gegenteil: Nach den Berechnungen des inter­nationalen Währungsfonds werden die Schulden in den nächsten fünf Jahren von heute 101 Prozent des Bruttoinlandprodukts auf fast 112 Prozent ansteigen.

Was ist zu tun?
Poser: Um auf einen nachhaltigen Schuldenpfad zu gelangen, müssten die Ver­einigten Staaten zusätzlich zu den aktuellen Sparplänen jährlich 240 Milliarden Franken einsparen.

Das ist wohl Wunschdenken?
Poser: Es wird sehr schwierig. Die Politiker müssen sich einigen. Wenn die gegenwärtige Fiskalpolitik nicht angepasst wird, werden den Amerikanern ihre Schulden irgendwann über den Kopf wachsen. Es käme zu einem Entzug der Bonitäts-Bestnote. Die Schuldendynamik der USA befindet sich auf Kollisionskurs mit dem aktuellen AAA-Rating.

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Die Ratingagenturen drohen damit, die USA zurückzustufen. Welche Folgen hätte ein Verlust der Bestnote?
Poser: Es wäre katastrophal, wenn die USA ihr AAA-Rating verlören. Die Risikoprämien würden augenblicklich steigen und zu höheren Zinsen führen. Ein ­Zinsanstieg in den USA setzt Unternehmen und Konsumenten unter Druck und könnte letztlich zu einem starken ­Einbruch der Weltwirtschaft führen.

Im Visier der Finanzmärkte sind aber europäische Schuldner wie Griechenland oder Italien. Dabei haben die USA doch die grösseren Budgetprobleme als Europa?
Poser: Der Staatshaushalt von Euro-Land ist zwar insgesamt ausgeglichener als das Budget in den USA. Doch die Amerikaner haben eine starke Zentralregierung, im Gegensatz zu den Europäern, die immer einen Konsens finden müssen. Das macht Europa verwundbarer.

Wird Italien zum nächsten Griechenland?
Poser: Wenn der Geist erst einmal aus der Flasche ist, wird es problematisch. Es zeichnet sich keine schnelle Lösung ab. Das schlimmste Szenario wäre, wenn die Risikoprämien für italienische Staatsanleihen nun sukzessive stiegen. Denn der EU-Rettungsschirm ist zu klein für Italien. Europa würde zu einer umfassenden Massnahme gezwungen. Damit hat die Euro-Krise inzwischen eine ganz andere Qualität erhalten.

Was liesse sich dagegen tun?
Poser: Es wäre möglich, dass Euro-Bonds emittiert werden und dann die Schulden zurückgekauft werden. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Europäische Zen­tralbank erneut eingreift und im grossen Stil italienische Staatsanleihen aufkauft. Damit werden die Hedgefonds in die Flucht geschlagen.

Wie sollte sich der Anleger für die nächsten Monate an den Börsen positionieren?
Poser: Ich würde im Moment noch abwarten. Sobald die Europäer eine Lösung gefunden haben, lohnt es sich aber, an die Märkte zurückzukehren.

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Welche Titel sind attraktiv?
Poser: Wir tendieren momentan zu defen­siveren Titeln wie Nestlé, Barry ­Callebaut, aber auch Swiss Prime Site und Mobimo. Auch Novartis könnte noch überraschen. Sobald eine Einigung auf europäischer Ebene erreicht ist, sollten die stark abgestraften Finanztitel wieder Aufwind erhalten: Wir favorisieren hier Credit Suisse, Baloise und ZFS.