Goldmünzen sind ausverkauft. Die Prägeanstalten in Südafrika, Kanada oder China haben zwar Sonderschichten eingelegt. Dennoch können sie die weltweit sprunghaft gestiegene Nachfrage nicht stillen. Ähnlich sieht es bei Goldbarren kleinerer Gewichtsklassen aus. Auch hier haben verängstigte Sparer viele Lager leer gekauft.

Doch trotz des Käuferansturms auf das Edelmetall kam dessen Preis in den vergangenen Wochen kaum vom Fleck. Mehr noch: In den letzten Tagen erlebte Gold einen drastischen Preissturz: Von 871 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) sank der Kurs innert Wochenfrist zeitweise unter 780 Dollar. Wie passt dies mit der regen Nachfrage und der grassierenden Rezessionsangst zusammen?

Goldverkauf der Nationalbank?

Zunächst einmal machen Münz- oder Barrenkäufe durch Privatanleger nur einen kleinen Teil der jährlichen Nachfrage aus. Dieser Anteil ist ungefähr genau so gross wie der Goldverbrauch von Industrie und Zahnärzten. Allein die Schmuckindustrie verbrauchte 2007 ungefähr sechsmal so viel Gold. Doch hier ist der Absatz , wegen der hohen Goldpreise, schon im 1. Halbjahr 2008 gesunken. Und eine Wende ist nicht in Sicht. «Goldhändler in Indien berichten, dass das Kaufinteresse im Vorfeld des Lichterfestes Diwali Ende Oktober aufgrund der grossen Preisschwankungen beeinträchtigt ist», sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte bei der Commerzbank. Länder wie Indien oder China gehören zu den wichtigsten Absatzmärkten für Goldschmuck.

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In der vergangenen Woche kamen Gerüchte hinzu, wonach die Schweizer Nationalbank einen Teil ihrer Goldreserven verkaufen wolle, um damit die Kosten für die Rettung der Grossbank UBS aufzufangen. Daher brach der Goldpreis binnen weniger Minuten um über 40 Dollar auf unter 800 Dollar ein.

Spekulanten verkaufen

Zu den Verkäufern gehören vor allem Spekulanten, allen voran grosse Hedge-Fonds. Sie haben in den vergangenen Jahren auf einen stetig steigenden Goldpreis gesetzt. Im Zuge der Finanzkrise sind viele dieser Anleger nun zum Verkauf gezwungen, um so ihre Verluste zu begrenzen. Doch zunehmend verkaufen auch längerfristig orientierte Anleger. So berichtete allein der weltweit grösste mit physischem Gold hinterlegte Indexfonds SPDR Gold Trust jüngst von Abflüssen in Höhe von 10,7 t Gold dies sind 1,4% des gesamten Fondsbestandes. Gold nun zu verkaufen, ist in den Augen dieser Investoren durchaus sinnvoll, trotz der akuten Finanzkrise. Denn das Edelmetall gilt zwar als Krisenwährung, aber es kommt auf die Art der Krise an. «Gold mag ein gewisser Schutz gegen Inflation sein», erklärt Frédéric Lasserre von der Société Générale. «Aber es ist unwahrscheinlich, dass sein Preis steigt, wenn sich die Ängste vor einer Deflation bewahrheiten, vor allem wenn der Ausgangspunkt ein sehr hoher Goldpreis ist.»

Staaten haben Einfluss

Tatsächlich hatten die neusten Preisdaten aus den USA in der vergangenen Woche gezeigt, dass die Gefahr einer Inflation inzwischen gebannt ist. Der drastisch gesunkene Ölpreis deutet zudem darauf hin, dass die Preissteigerungsraten künftig noch weiter zurückgehen dürften. Und schliesslich ist auch der Dollarkurs zuletzt weiter gestiegen – auch dies spricht derzeit gegen Gold als Anlage.

Umso mehr dürfte aber die Nachfrage der Schmuckindustrie anziehen, je stärker der Goldpreis sinkt. Zudem geht auch die Produktion vieler Minen seit Jahren zurück. Und schliesslich könnten die billionenschweren Rettungspakete der westlichen Regierungen und Notenbanken für ihre Geldinstitute doch noch inflationär wirken, sofern das zusätzliche Geld, das derzeit in den Kreislauf gepumpt wird, nicht rechtzeitig wieder abgeschöpft wird. Und dafür spricht die Erfahrung früherer Jahre.

Viele grosse Vermögensverwalter raten daher nach wie vor zu Gold. «Wenn es gut läuft, steigt der Goldpreis auf 1000 Dollar, wenn es schlecht läuft noch viel höher», sagt Bert Flossbach von der Vermögensverwaltung Flossbach & von Storch. Die Gefahr solcher Prognosen liegt aber in den Goldreserven der Staaten. Denn durch Verkäufe können sie den Preis jederzeit steuern. Und die Vermutung liegt nahe, dass sie kein Interesse an einem allzu hohen Goldpreis haben, denn dies wäre ein Krisenzeichen.