Wenn sich Daniel A. morgens auf den Weg zur Arbeit macht, beschleicht ihn seit Monaten ein ungutes Gefühl. Verantwortlich sind nicht die unruhigen Finanzmärkte − vielmehr sind es die politischen Schlagzeilen und die Vorstösse der Aufsichtsbehörden, die dem 52-jährigen unabhängigen Vermögensverwalter die Laune verderben. «Man kann nur hoffen, dass die Dichte an Regularien in der Schweiz nicht noch weiter ­zunimmt», klagt der Finanzfachmann. Er erlebte die «goldenen» 1990er-Jahre mit, als sich die Branche in einem lockeren ­regulatorischen Korsett bewegen und lukrative Geschäfte auch im gesetzlichen Grau­bereich tätigen konnte.

«Inzwischen geht es in unserem Geschäft nicht mehr darum, für die Kunden Geld zu verdienen, sondern ihr Vermögen zu erhalten», so der Vermögensverwalter. Die Hoffnung auf Unterstützung durch die Politik hat er längst aufgegeben. «Von der aktuellen ­Regierung erwarte ich überhaupt nichts mehr», sagt er.

Weniger Spielraum

Tatsächlich stehen heute immer mehr Portfoliomanager vor existenziellen Problemen. Mit dem faktischen Wegfall des Bankgeheimnisses und dem Bekenntnis der Schweiz zur Weissgeldstrategie hat sich der Spielraum für die gemäss unterschiedlichen Schätzungen 2200 bis 3600 externen Vermögensverwalter seit 2009 deutlich verengt. «Der Begriff der Kriminalität wurde stark ausgedehnt», sagt ein Brancheninsider. Während es früher genügte, den Vorgaben zur Bekämpfung der Geldwäscherei gerecht zu werden, handle man heute schon fast kriminell, wenn man unversteuerte Vermögen annehme. Da sich dieses Bewusstsein unter den Portfoliomanagern breit durchgesetzt hat, schätzt der Branchenverband VSV, dass mittlerweile ein erheblicher Teil der unversteuerten Vermögen in der Schweiz ­bereits steuerlich regularisiert oder wieder abgeflossen ist.

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Hinzu kommen jetzt nochmals neue Gesetzesentwürfe aus dem In- und Ausland. So die Revision des Kollektivanlagegesetzes (KAG), welche in der laufenden Sommersession am 13. Juni im Ständerat beraten wird. Ein Kernpunkt der Teilrevision betrifft die Frage der zukünftigen ­Unterstellung der unabhängigen Vermögensverwalter, die bisher einer Selbstregulierungsorganisation angeschlossen waren. Diese Eigenheit des Schweizer Systems soll abgeschafft und durch eine einheit­liche staatliche Aufsichtsbehörde abgelöst werden.

Bereits in Kraft ist die Strukturreform in der beruflichen Vorsorge, die die finanzielle Sicherheit der Vorsorgeeinrichtungen gewährleisten will. Sie hat zur Folge, dass Pensionskassen bis 2014 ihre Mandate nur noch an staatlich regulierte Vermögensverwalter erteilen können. Zur Stärkung des Kundenschutzes hat schliesslich die Finanzmarktaufsicht (Finma) in einem Positionspapier ein weiteres Massnahmen­paket ausgearbeitet, in dem klare Verhaltensregeln für Finanzdienstleister sowie bessere Produktdokumentationen gefordert werden. Unerlässlich ist laut der ­Behörde auch eine gezielte Ausdehnung der Aufsichtskompetenzen auf die Finma.

Das Bundesamt schweigt

Die parallel ausgearbeiteten Vorstösse und Gesetzesanpassungen sorgen bei den unabhängigen Vermögensverwaltern für grosse Verunsicherung. «Freundlich ausgedrückt kann man sagen, dass das Vorgehen nicht optimal koordiniert war», sagt ein unabhängiger Vermögensverwalter, der im Hinblick auf eine gute Zusammenarbeit mit der Aufsichtsbehörde die Kritik nicht offen formulieren will. Anfragen beim Bundesamt für Sozialversicherungen, das für die Umsetzung der Strukturreform zuständig ist, seien bisher unbeantwortet geblieben. «Die Verantwortlichen sind wohl noch nicht bereit», vermutet er. Ähnliche Aussagen fallen ­bezüglich der Finma. Die Behörde ist im Nachgang zur Finanzkrise an allen Fronten damit beschäftigt, den Finanzplatz sicherer zu machen − und kommt dabei an die Grenzen ihrer Kapazität. Branchenkenner schätzen, dass die Finma mit der Aufsicht über eine hohe Zahl von unabhängigen Vermögensverwaltern überfordert sein dürfte.

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Aber auch auf der Gegenseite fürchtet man die Folgen der Gesetzesflut für die Praxis. Denn neue Regeln verursachen Kosten, welche die Portfoliomanager nicht ­direkt den Kunden weitergeben können. «Für kleinere Anbieter, die dank teilweise hohen Margen in den vergangenen Jahren gut überleben konnten, wird die Lage kritisch», schätzt auch Thomas Hauser, Partner bei Dr. Pirmin Hotz Vermögensverwaltungen. Um im aktuellen Umfeld mit einer kostenbewussten Anlagepolitik bestehen zu können, braucht es laut Hauser eine kritische Masse an verwalteten Vermögen, die mehrere Hundert Millionen Franken betragen dürfte. Eine genaue ­Angabe ist nicht möglich, doch es gelte die Regel: Je kleiner der Anbieter, desto schwieriger dürfte es für diesen werden. Zur erwarteten Konsolidierung in der Branche ist es trotzdem noch nicht gekommen. Beim Branchenverband VSV ist die Mitgliederzahl im Jahr 2011 vielmehr gestiegen. Mittlerweile hat sich das Wachstum wieder abgeflacht, doch machen sich nach wie vor ganze Teams selbstständig, welche bei den Banken keine Zukunft mehr sahen oder aber Zusammenschlüssen und Integrationen zum Opfer gefallen sind. Trotz des regulatorischen Gegenwindes geht es vielen wie Daniel A. Er hat nie ans Aufhören gedacht, der Reiz der Selbstständigkeit überwiegt: «Ich bin mein eigener Chef – das ist mir die Mühe wert.»

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