An diesem Massensterben sind die Schweizer schuld. Schlagzeilen wird es aber hierzulande keine machen. Denn es ereignet sich im Stillen auf weit entfernten Inselparadiesen wie Cayman, St. Vincent oder den Britischen Jungferninseln. Dort liegen Milliarden aus der Schweiz, die in 2000 bis 3000 Offshore-Fonds angelegt sind. «Ein Grossteil davon wird verschwinden», prophezeit Daniel ­Häfele vom Fondsdienstleister Acolin. Verantwortlich ist die laufende Revision des Kollektivanlagegesetzes, kurz KAG. Mit ihr wird die Schweiz die europäische AIFM-Richtlinie für alternative Investmentfonds umsetzen (siehe Kasten).

Schon einmal sorgte die hiesige Politik für einen Kahlschlag in der Schweizer Fondsindustrie. Das war 1992, als das Stimmvolk den EWR-Beitritt ablehnte und so die eigene Finanzbranche aus dem ­europäischen Binnenmarkt aussperrte. Daraufhin zogen innert weniger Jahre fast alle Banken ihre Publikumsfonds aus der Schweiz ab und verschoben sie in die EU, vor allem nach Luxemburg und Irland.

Kahlschlag bei den Offshore-Fonds

Als eine der letzten kapitulierte vergangenes Jahr die im Mehrheitsbesitz von Martin Ebner stehende BZ Bank. Nachdem man jahrelang noch die Fahne des Standorts Schweiz hochgehalten und auf eine bilaterale Lösung gehofft hatte, wurden 2011 die drei Schweizer Publikumsfonds nach Luxemburg verlegt. Mitentscheidend sei gewesen, dass die Anforderungen der Finma an die Organisation und Struktur einer Schweizer Fondsleitung über die vergangenen Jahre unverhältnismässig zugenommen hätten, sagt BZ-Bank-Mann Ralph Stadler.

Anzeige

Die neue Regulierungswelle bedroht nun die Spezialfonds. Sie werden über Privatplatzierungen Pensionskassen, Versicherern, Family Offices und vermögenden Privatkunden angeboten. Dabei geht es um enorme Summen: Offshore-Fonds von bankunabhängigen Vermögensverwaltern machen schätzungsweise einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag aus.

Der typische Kunde eines Vermögensverwalters hat eine halbe bis eine Million Franken. Bei dieser Grössenordnung lassen sich nicht alle Vermögenspositionen mit Direktanlagen abdecken. Das gilt ganz besonders für komplizierte Anlagestrategien wie Long/Short oder Managed Futures. Hier bringen Vermögensverwalter üblicherweise Offshore-Fonds ins Spiel, weil sie sich kostengünstig und flexibel aufsetzen lassen. Genau hier greift nun aber auch die KAG-Revision massiv ein.

Das Gesetzeswerk verlangt, dass sich Schweizer Vermögensverwalter mit ausländischen Fonds neu der Finanzmarktaufsicht unterstellen. Bislang galt dies nur für Vermögensverwalter mit Schweizer Fonds. Das hat spürbare Auswirkungen. 350 bis 420 Firmen mit insgesamt 1300 bis 1600 Mitarbeitenden dürften von der Neuregelung betroffen sein, schätzt der Vermögensverwalterverband VSV.

Todesurteil für die allermeisten Offshore-Fonds

Den betroffenen Firmen drohen massive Zusatzkosten. Denn das neue Gesetz stellt hohe Anforderungen an Organisation und Struktur. «Um diesen zu genügen, benötigt ein Vermögensverwalter mindestens ein halbes Dutzend Mitarbeitende», schätzt Häfele. Um das finanzieren zu können, brauche es betreute Vermögen von 450 bis 500 Millionen Franken. Ein einzelner Fonds müsse mindestens 20 Millionen schwer sein, so der Experte.

Das ist das Todesurteil für die allermeisten Offshore-Fonds. Ihre Grösse liegt nämlich im Schnitt zwischen 3 und 20 Millionen, so Roger Eberle vom Vermögensverwalter Asset Management Support in Buchs SG.

Die Gesetzesrevision stellt Vermögensverwalter nicht nur vor das Problem der Grösse, sondern auch vor das des Fondsdomizils. Wer ausländische Vehikel anbietet, braucht neu einen gesetzlichen Vertreter. Dieser muss gewährleisten, dass Vermögensverwaltung und Depotverwahrung den KAG-Regeln ebenbürtig sind. Bei Offshore-Fonds ist dieser Nachweis schwer zu erbringen. Eberle erwägt daher, seine acht Offshore-Fonds aus St. Vincent zurückzuholen.

Die Repatriierung in die Schweiz scheitert aber regelmässig an der restriktiven Bewilligungspraxis der Finma für Hedgefonds. Die Firmen weichen daher aus – nicht nur auf klassische Destina­tionen wie Luxemburg und Irland. Bernhard Steiner von Alternative Investment Partner, einem Anbieter von Managed-Futures-Lösungen in Burgdorf, überlegt sich den Umzug seiner Offshore-Vehikel nach Malta oder Liechtenstein.

Das Fürstentum hat Anfang März wie die Schweiz Anpassungen seines Fondsgesetzes präsentiert, um die AIFM-Richtlinie umzusetzen. «Liechtenstein hat damit gute Chancen, sich als Hedgefonds-Standort zu etablieren, gerade für Schweizer Anbieter», urteilt Günter Dobrauz, Asset-Management-Spezialist bei PricewaterhouseCoopers. Das könnte zu einem personellen Aderlass in Pfäffikon und Zug führen, wo sich in den letzten Jahren diverse Hedgefonds niederliessen. Üblicherweise müssen nämlich mit einem Fonds auch die ­Managementgesellschaft und somit deren Arbeitsplätze nach Liechtenstein verschoben werden, erklärt Peter Kaiser, Chef des Fondsadministrators Regent in Triesen FL.

Bedrohte Private-Equity-Branche

Stellenabbau droht ebenso in der Private-Equity-Industrie. «Ein restriktives KAG wird es vor allem kleinen Verwaltern erschweren oder gar verunmöglichen, im Markt zu bleiben», erklärt Felix Haldner. Der Kadermann der Partners Group spürt auch bei seiner eigenen Firma negative Folgen. Zu schaffen macht ihm etwa, dass die Schweiz bei der AIFM-Umsetzung weit über den Mindeststandard hinausgeht. So gelten die Regeln zum Beispiel nicht nur innerhalb der EU, sondern auch beim Vertrieb ausserhalb Europas.

Das habe teilweise absurde Folgen, legt Haldner dar. Wenn zum Beispiel Partners Group ein Private Equity Investment in Form eines schottischen Limited Partnership an einen Staatsfonds im Nahen Osten vertreiben möchte, muss dieses Anlageprogramm in der Schweiz künftig einen Vertreter benennen, der für die «Gleichwertigkeit» mit den Schweizer KAG-Regeln sorgt. Zusätzlich muss eine Zusammenarbeitsvereinbarung zwischen der Schweizer Finanzmarktaufsicht und der Aufsichtsbehörde des arabischen Staates vorliegen. Eine solche in kurzer Frist zu ­erwirken, ist aber völlig illusorisch.

Haldner fürchtet daher, dass bei Partners Group Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden müssen. Betroffen sei vor ­allem der grenzüberschreitende Vertrieb. Mehr noch: «Da diese Spezialisten mittelfristig nur glaubwürdig sind, wenn sie die anlagebezogenen Inhalte im täglichen Umgang mit den Anlageprofis diskutieren können, stellt die KAG-Revision letztlich auch den Standort der Anlagespezialisten in Frage – und damit die Schweiz als Standort für Partners Group.»

Auf Support aus der Politik hofft in der Branche niemand mehr. In der Sommersession geht die Gesetzesrevision in den Ständerat, in der Herbstsession in den Nationalrat. Dann sind allfällige Differenzen zu bereinigen, sodass das neue KAG auf Anfang 2013 in Kraft treten kann. «Angesichts der zeitlichen Dringlichkeit wird die Revision wohl ohne grosse Änderungen durchkommen», glaubt BZ-Mann Stadler.

 

Kollektivanlagegesetz: Schweizer Anbietern droht EU-Berufsverbot

Dringlichkeit
Bis Mitte 2013 muss die Schweiz mit der Revision des Kollektivanlagegesetzes (KAG) die europäische AIFM-Richtlinie (Directive on Alternative Investment Fund Managers) umsetzen. Es ist sicherzustellen, dass Verwalter von alternativen Anlagen in der Schweiz ähnlich streng beaufsichtigt werden wie in Europa. Sonst droht ein EU-Berufsverbot für Schweizer Vermögensverwalter, die für in der Union domizilierte alternative Fonds tätig sind.

Unterstellung
Bisher sind nur Vermögensverwalter mit Schweizer Fonds der Finma unterstellt, mit der KAG-Revision neu auch Vermögensverwalter mit Fonds in Offshore-Domizilen. Um das zu vermeiden, könnten Vermögensverwalter versucht sein, ihr Geschäft an Dritte zu delegieren. «Aber wenn der Vermögensverwalter weiter als Advisor Anlageempfehlungen abgibt und Gebühren kassiert, könnte das als Umgehung angesehen werden», erklärt Armin Kühne, Experte bei der KPMG.

Ausnahmen
Das KAG ermächtigt den Bundesrat, Vermögensverwalter teilweise von KAG-Vorschriften zu befreien, wenn sie höchstens 100 bzw. hebelfinanziert höchstens 500 Millionen Franken verwalten. Gemäss Kühne wird entscheidend sein, wie die Liberalisierungsmöglichkeiten in der Verordnung des Bundesrats umgesetzt werden.

Qualifizierung
Neu gelten Private mit Vermögensverwaltungsmandat und reiche Privatpersonen nicht mehr automatisch als qualifizierte Anleger. Ihnen stehen Spezialfonds für qualifizierte Anleger (QIF) nicht mehr automatisch offen.

Gleichwertigkeit
Wie schon ausländische Publikumsfonds brauchen neu auch ausländische QIF einen gesetzlichen Vertreter, der gewährleistet, dass Vermögensverwaltung und Verwahrung gleichwertig mit dem KAG sind.