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Verstrahlte Rendite

Die Aktien von japanischen Atomenergieproduzenten finden sich auch im Öko-Investment.

Viele Produkte sind weniger ökologisch als ihr Etikett es vorgibt: Etliche Fonds besitzen Aktien von AKW-Betreibern auch aus Japan.

Von Roberto Stefano
am 29.03.2011

Die Gruppe von besorgten Bürgern klagte an. Sie hatten schwere Bedenken, dass im Falle eines Erdbebens die Sicherheit des Atomkraftwerks Shika 2 gewährleistet sei. Doch das Obergericht des Distrikts Nagoya folgte ihnen nicht. Es hob 2009 ein Urteil zur Stilllegung des Reaktors 2 auf.

Das Urteil freute Hokuriku Electric Power, der die Kernkraftwerke Shika 1 und 2 im Norden Tokios betreibt. Die Meiler liegen nahezu auf derselben Höhe wie die havarierten Reaktoren in Fukushima, aber an der Ostküste Japans. Gefreut hat das Urteil aber auch Anleger, die dem Index Dax Global Alternative Energy folgen. Denn Hokuriku Electric ist eine von 15 Beteiligungen. In ihrem Sinne dürfte es dennoch nicht gewesen sein. Denn der Index bildet laut Verkaufsprospekt die 15 weltweit grössten Unternehmen im Bereich alternativer Energien ab.

Kein Etikettenschwindel?

Wie ist es möglich, dass dieses Unternehmen in einem explizit «nachhaltigen» Index figuriert? Laut der Anbieterin Deutsche Börse erfüllt die Firma die Voraussetzungen in mehreren Subsegmenten alternativer Energien. «Hokuriku Electric gilt als führendes Unternehmen in den Bereichen Erdwärme, Wasserkraft und Batterie, was es für die Aufnahme in den Index qualifiziert», erklärt Sprecherin Naomi Kim. Angesichts der regelkonformen und transparenten Zusammensetzung des Index sei trotz der nuklearen Katastrophe in Japan keine Anpassung vorgesehen. Goldman Sachs, die in der Schweiz vier strukturierte Produkte auf den Dax Global Alternative Energy Index anbietet, war zu keiner Stellungnahme bereit.

Der spezialisierte Dax-Index ist keine Ausnahme. Zahlreiche unter dem Etikett der Nachhaltigkeit vertriebene Anlagen investieren in Atomkraftwerkbetreiber. «Dabei achten viele Anbieter darauf, dass solche Unternehmen nicht zu den zehn grössten Positionen zählen, damit sie nicht in den entsprechenden Prospekten aufgeführt werden müssen», sagt Marco Mansfeld, Research-Chef der auf die Bewertung von nachhaltigen Anlagen spezialisierten Care Group. Titel wie Progress Energy und Nextera aus den USA, EDF aus Frankreich oder E.on aus Deutschland liegen zwar im Portefeuille, erscheinen aber nirgends.

Kein Wunder. Die meisten Käufer nachhaltiger Produkte haben mit Atomenergie nichts am Hut. «Auf der Grundlage unserer Analyse schliessen fast alle unsere Kunden das Thema Kernenergie aus, weil ihnen die Risiken zu hoch sind», hat Natalie Ernst von der Nachhaltigkeitsagentur Inrate in den Kundengesprächen festgestellt. Und auch Roger Bigger, Chef der Schweizer Finanzboutique Azemos bestätigt: «Unsere Investoren haben wahrscheinlich nicht erwartet, dass sie in eine nukleare Anlage investierten.» Der von Azemos betreute und als nachhaltig bezeichnete «Hornet Infrastructure Water Fund I» war bis zur Japan-Katastrophe an den Berner Kraftwerken BKW beteiligt der Betreiberin des Kernkraftwerkes Mühleberg. Bigger betont aber, dass rund 40 Prozent der Stromproduktion der BKW aus Wasserkraft stamme.

Wie Azemos schliessen viele führende Schweizer Anbieter von nachhaltigen Anlagen Investitionen in Atomstrom nicht aus (siehe Tabelle). Grund dafür ist zumeist das sogenannte Best-in-Class-Prinzip, welches besagt, dass man bei der Auswahl der Titel auf die nachhaltigsten Unternehmen innerhalb einer Industriegruppe setzt. «Darin sehen wir keinen Etikettenschwindel», erklärt Andreas Knörzer, Leiter Asset Management bei der Bank Sarasin. Der Best-in-Class-Ansatz ermögliche den Investoren eine breite Diversifizierung ihrer Anlagen, wobei jene Firmen bevorzugt würden, die sich stärker als andere im Umwelt- und Sozialverhalten engagieren. «Dank verschiedener Ausschlusskriterien vermeiden wir Investments in Firmen, die besonders risikoreiche Geschäftsaktivitäten wie Kernkraft aufweisen», ergänzt Knörzer.

Ungeliebte Klassenbeste

Andere Anbieter, wie die SAM-Gruppe, sehen dagegen keine Ausschlusskriterien vor. «Würde man Branchen von Beginn weg ausschliessen, hätten Unternehmen in diesen ausgeschlossenen Branchen keinen Anreiz, sich zu verbessern», begründet SAM-Sprecher François Vetri. Dass sich auch Firmen aus kontroversen Industrien in Bezug auf Nachhaltigkeit verbessern wollen und müssen, könne nur im Sinne der Allgemeinheit sein.

Hinzu kommt, dass institutionelle Anleger die Berücksichtigung sämtlicher Sektoren aus Diversifikations- und Renditeüberlegungen verlangen. In die von SAM zusammen mit Dow Jones berechneten Dow Jones Sustainability Indizes gelangen daher Firmen, die bezüglich Nachhaltigkeit zu den besten 10 Prozent innerhalb ihres Sektors gehören also auch die Produzenten von Öl und Atomenergie. Auch Nachhaltigkeit scheint wandelbar zu sein.

 

Ungleiche Kriterien von Anbieter Atom-Investments
LGT:  Vom Strom-Mix abhängig
Pictet: Umsatzlimite von 5 Prozent
Raiffeisen: Umsatzlimite von 5 Prozent
SAM: Kein Ausschluss
Sarasin: Nahezu ausgeschlossen
Swisscanto: Ausgeschlossen
UBS: Nahezu ausgeschlossen
Vontobel: Umsatzlimite 20 Prozent
Umsatzlimite = Anteil am Firmenumsatz Quelle: Care Group

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