Die Fernsehkamera steht etwas verlassen beim Eingang zur Research-Abteilung der Zürcher Kantonalbank (ZKB). In ihrem Blickfeld liegt das Grossraumbüro, in dem rund 20 Finanzanalysten arbeiten. Zuschauer der Tagesschau kennen diese Einstellung von zahlreichen Fernsehauftritten der Analysten. Dass die Kamera inzwischen etwas Staub angesetzt hat, liegt nicht etwa daran, dass die Einschätzungen von Finanzanalysten nicht mehr gefragt wären, nur finden die Gespräche heute im Fernsehstudio oder mit einem Kamerateam direkt vor Ort statt.

Ein häufiger Interviewgast ist Sven Bucher, Leiter des Aktienresearchs der ZKB. «Medienanfragen gehören einfach zum Job eines Finanzanalysten», erklärt Bucher. Und nicht nur seine Einschätzungen sind gefragt, sondern die Meinungen sämtlicher Mitarbeiter seines Teams. Der Grund ist einfach: «Jeder Analyst ist ein Branchenspezialist und verfügt über ein spezifisches Know-how. Entsprechend ist er die geeignete Auskunftsperson.»

Erfahrung ist entscheidend

Durch diese Offenheit unterscheiden sich die hiesigen Research-Abteilungen insbesondere von den angelsächsischen Konkurrenten. Befürchtungen, dass es dadurch zu kommunikativen Pannen kommen könnte, die dem Arbeitgeber schaden, teilt Bucher nicht. «Wir sagen, was wir in unseren Berichten auch schreiben. Und diese Kommentare basieren auf einer intensiven Analyse der Firmen», so der Chefanalyst.

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Die Research-Arbeit beginnt täglich vor Börseneröffnung mit der Sichtung der Informationen aus den Agenturen, Medien und Unternehmen. Börsenrelevante Neuigkeiten fliessen in die Bewertungsmodelle ein, die Kennzahlen ergeben eine Einschätzung zur Gesellschaft. Genauso wichtig sind aber auch subjektive Kriterien, insbesondere die Beurteilung des Managements. «Hier spielt die Erfahrung eine entscheidende Rolle», weiss Bucher. In persönlichen Gesprächen versucht er, das Verhalten der Firmenchefs zu ergründen ? ob vorsichtig oder aggressiv kommuniziert wird, oder wie risikofreudig die Führungskräfte sind.

Keine schlaflosen Nächte

Die jüngste Finanzkrise hat auch in der täglichen Arbeit der Analysten ihre Spuren hinterlassen. «Heute versuchen wir noch kritischer zu sein und unsere Bewertungen vermehrt in Extremszenarien zu testen», erklärt Bucher. Diese Haltung sei eine Art Riskmanagement im Research, die sein Team vor grösseren Flops bewahren soll. «Heute ist mehr Sensibilität gefragt als vor der Krise», ist er überzeugt. Dennoch liegen die Analysten mit Ihren Empfehlungen hin und wieder falsch, wie in der Finanzkrise, als Bucher und seine Branchenkollegen die Dimension der Verwerfungen unterschätzten. Eine Einstufung abzugeben fällt ihm trotzdem leicht. «Einer Empfehlung geht ein langer Prozess voraus, dem Diskussionen und Modelle zugrunde liegen. Eine Einschätzung abzugeben gehört zudem zu unserem Job», begründet Bucher.

Dem erfahrenen Analysten bereitet eine Empfehlung daher auch keine schlaflosen Nächte, selbst wenn sich die Aktie nicht wie prognostiziert entwickelt. Zu denken gibt es ihm aber trotzdem. «Wenn sich ein Titel in die Gegenrichtung entwickelt, dann ist dies möglicherweise ein Anlass, um die Einstufung nochmals zu überprüfen», sagt Bucher. Dann stellt sich die Frage, ob bei der Analyse ein wichtiger Aspekt zu wenig beachtet worden sei und ob sich der Trend fortsetzen werde.

Alltag ist hektischer geworden

Den Vorwurf, dass sich die Analysten bei ihren Bewertungen gegenseitig abschreiben, lässt Bucher nicht gelten. Allenfalls sei eine Umstufung eines Kollegen ein Motiv, um eine Einschätzung zu überprüfen.

«Die Reports lesen wir aber nicht. Das Verhältnis unter den Research-Teams ist zwar freundschaftlich, wir sind aber dennoch Konkurrenten», so der ZKB-Analyst. Da die Analystengemeinschaft relativ klein ist und es an Firmenpräsentationen und Konferenzen immer wieder zu Aufeinandertreffen kommt, bestehen unter den Branchenkollegen aber auch persönliche Kontakte. Diese hätten laut Bucher durch die Krise keine zusätzliche Belastung erfahren, wenngleich der Alltag hektischer geworden sei.

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Wenn Sven Bucher am Abend zu seiner Familie nach Hause kehrt, dann versucht er den Alltag hinter sich zu lassen. Nach 14 Jahren in seinem Metier gelingt ihm dies mittlerweile gut. Der Analyst, der Entspannung beim Radfahren sucht, ist überzeugt: «Das Privatleben hat für mich eine grosse Bedeutung. Deshalb muss ich versuchen, Jobprobleme im Büro zu lassen.»