Im September haben Sie ehrgeizige Ziele formuliert. Sind diese Vorgaben trotz Turbulenzen noch erreichbar?

Yves Mirabaud: Wir haben uns vorgenommen, die verwalteten Vermögen auch im 2. Halbjahr um 1 Mrd Fr. zu steigern. Da die Finanzmärkte viel volatiler sind als erwartet, wird es jetzt aber schwierig, dieses Ziel zu erreichen. Wir werden dennoch versuchen, möglichst nahe an die angestrebten 25 Mrd Fr. zu kommen. Uns hilft, dass wir ein sicherer Hafen sind. Unsere Ziele für 2015 sind übrigens nach wie vor gültig. Wir wollen auch in den nächsten Jahren jeweils zwischen 10 und 12% wachsen und damit die verwalteten Vermögen in sieben Jahren verdoppeln.

Wie stark profitieren Sie vom Status eines sicheren Hafens? Wie hat sich dies im Neugeldzufluss niedergeschlagen?

Mirabaud: Das kann ich jetzt noch nicht sagen, da wir den Zufluss an Neugeldern nur halbjährlich messen. Eine ruhige Insel inmitten eines Sturms zu sein, eröffnet uns aber viele Chancen. Wir können jetzt zeigen, dass «big» nicht immer «beautiful» ist. Es ist wichtig zu wissen, dass wir zwar ebenfalls unter der Finanzkrise leiden, unser Modell deswegen aber nicht ändern müssen. Das bietet Chancen.

Die letzten Wochen haben zunehmend wohlhabende Privatkunden verunsichert. Haben Sie verstärktes Interesse gespürt?

Mirabaud: Ja, wegen der Probleme der Grossbanken ist es für uns zum Beispiel in Dubai viel einfacher geworden, Neugelder zu gewinnen.

Stehen Neukunden bei Ihnen Schlange?

Mirabaud: Nein, das kann ich leider nicht sagen. Es ist bei uns nicht wie bei den Kantonalbanken. Die Bedürfnisse unserer Kunden sind durchdachter als diejenigen unserer Retailkunden. Unsere Kunden reagieren auch viel weniger emotional.

Wie sieht es bei der Verpflichtung von neuen Kundenberatern aus?

Mirabaud: Es ist im Moment sicher einfacher, erfahrene Kundenberater zu gewinnen. Dass wir als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden, hat aber nicht nur mit den Problemen anderer Banken zu tun. Wir sind in den letzten Jahren auch als Bank sichtbarer geworden. Wir haben unsere Kommunikation verstärkt und sind in ein neues Gebäude gezügelt. Die Rolle meines Onkels Pierre Mirabaud als Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung hat unserem Bekanntheitsgrad auch geholfen.

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Sie nutzen diese Gelegenheit und stellen deutlich mehr Berater ein?

Mirabaud: Ja, wir haben zusätzliche Relationship-Manager eingestellt, vielleicht ein paar mehr als in normalen Zeiten. Das heisst jedoch nicht, dass wir jetzt aggressiv Kundenberater von anderen Banken abwerben. Es bringt uns nichts, wenn wir diejenigen Banken schwächen, die für unseren Finanzplatz wichtig sind. Denn auch wir sind auf die Stabilität des Finanzmarktes angewiesen.

Wie viele Kundenberater werden Sie in den nächsten Monaten einstellen?

Mirabaud: Ich erwarte, dass in den nächs-ten sechs Monaten rund 20 bis 25 neue Private Banker bei uns (weltweit) anfangen. Die Opportunitäten sind tatsächlich sehr gross. Doch wir sind äusserst vorsichtig, was die Kosten angeht. Denn wenn sich die Märkte abschwächen, leiden unsere verwalteten Vermögen und damit unsere Erträge. Und die Turbulenzen an den Finanzmärkten sind derzeit dramatisch.

Wie sieht es vor allem im Bereich alternative Anlagen aus?

Mirabaud: Die Industrie steht vor grossen Herausforderungen. Für alternative Asset Manager wird 2008 das schlimmste Jahr überhaupt. Es wird zu Rücknahmen im grossen Stil kommen. Danach wird die Welt nicht mehr die gleiche sein.

Wie reagieren Sie?

Mirabaud: Wir werden uns anpassen müssen und einige unserer Strategien überdenken. In diesem Jahr haben die Produkte, die wir selber verwalten, durchschnittlich rund 15% verloren. Einige wenige Fonds haben eine tiefere Performance, das ist etwas enttäuschend.

Hatten Sie überdurchschnittliche Abflüsse zu beklagen?

Mirabaud: Nein, die Abflüsse bewegen sich im Vergleich zu anderen Fonds im normalen Bereich.

Wird dieses Geschäft für Mirabaud künftig an Bedeutung verlieren?

Mirabaud: Ich denke nicht. Talente kommen immer durch die Krise. Die Guten werden überleben und die Schlechten untergehen. Wir hoffen, dass wir in die Guten investiert haben.

Wo wollen Sie wachsen?

Mirabaud: Wir sind zu klein, um überall auf der Welt präsent zu sein. Wir haben kürzlich in Dubai eine neue Niederlassung eröffnet, Europa bleibt für uns aber weiterhin der wichtigste Markt. In welchen Ländern wir noch expandieren wollen, kann ich im Moment nicht genau sagen. Es wird aber wahrscheinlich eher Südeuropa sein. Letztlich ist für uns entscheidend, wo wir die richtigen Leute finden.

Kommen auch Übernahmen in Frage?

Mirabaud: Nein, wir wachsen grundsätzlich nicht über Akquisitionen. In Basel haben wir eine Ausnahme gemacht, weil es eine einmalige Chance war und wir die Leute sehr gut kennen. Ich befürchte aber leider, dass es in Zukunft keine solchen Opportunitäten mehr geben wird.

Und Partnerschaften?

Mirabaud: Wir wachsen generell nicht über Partnerschaften. Als unbeschränkt haftende Teilhaber wollen wir unser Geschäft allein kontrollieren. Da sich einige unserer Partner dem Pensionsalter nähern, wird es unweigerlich zu Veränderungen am Tisch kommen. Dabei prüfen wir interne und externe Lösungen. Dies ist aber ein sehr langfristiger und ein delikater Prozess. Wir müssen sicher sein, dass wir zusammen arbeiten können.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Grossbanken, deren Manager nicht für ihre Misserfolge haften müssen?

Mirabaud: Ein paar wenige Leute haben viele Fehler gemacht. In der Schweiz sind es eine oder zwei Banken, die Probleme haben. Bei allen anderen Banken läuft das Geschäft gut. In der Bevölkerung werden aber pauschal alle Banken wahrgenommen: Sie leiden daher leider global unter dem weltweit schlechten Image. Wir hoffen, dass die Privatbankiers dank ihrem spezifischen juristischen Status ein anderes Bild abgeben.

Worin unterscheiden sich die Finanzplätze Genf und Zürich? Welcher Finanzplatz wird besser durch die Krise kommen?

Mirabaud: Auch der Genfer Finanzplatz leidet unter der aktuellen Situation an den Finanzmärkten, aber viel weniger als Zürich. Denn in Genf betreiben wir kein Investment Banking. Genf ist viel stärker im Asset Management tätig. Die Vermögensverwaltung wird sich schneller erholen, sobald sich die Märkte stabilisieren.

Wie beurteilen Sie die jüngsten Angriffe auf das Schweizer Bankkundengeheimnis?

Mirabaud: Wir mögen es nicht, wenn uns ausländische Regierungen drohen, die ihre Finanzen nicht richtig im Griff haben. Die Diskussionen müssten in einem definierten Rahmen ablaufen. Die Privatsphäre ist nicht verhandelbar, andere Dinge kann man diskutieren. Die Schweizer Regierung hat auf die Attacken des deutschen Finanzministers offiziell richtig reagiert, obwohl ich bedaure, dass Bundesrat Moritz Leuenberger auf seinem persönlichen Blog eine andere Meinung vertritt.

Was wäre die Bank Mirabaud ohne Bankkundengeheimnis?

Mirabaud: Das Bankkundengeheimnis ist sehr wichtig für unsere Kunden, und für uns ist es ein Wettbewerbsvorteil. Aber die Qualität der Dienstleistungen, der Kundenbeziehungen und der Vermögensverwaltung sind ebenfalls wichtig. Wenn zum Beispiel die Performance einer Bank schlecht ist, bringt das Bankkundengeheimnis auch nicht viel.

Keine leichte Aufgabe im Moment, das Vermögen der Kunden anzulegen. Mit welchen Entwicklungen rechnen Sie an den Finanzmärkten?

Mirabaud: (lacht) Wenn ich das genau wüsste, würde ich nicht auf Ihre Frage antworten. Dann würde ich auf einer kleinen Insel in der Sonne liegen.

In welche Richtung könnte es gehen?

Mirabaud: In den letzten Wochen haben sich die Märkte nicht mehr so sehr mit den Problemen der Banken beschäftigt, sondern mit den Folgen für die gesamte Realwirtschaft. Gibt es eine Depression? Rutschen wir in eine kurze oder lange Rezession? Das ist sehr schwierig zu sagen.

Wie investieren Sie persönlich?

Mirabaud: Meine grösste Investition ist die Bank. Um ehrlich zu sein: Für einige unserer Kunden haben wir begonnen, homöopathisch wieder an die Märkte zurückzukehren. Man muss aber immer noch sehr vorsichtig sein.

Wie wird die Finanzwelt nach der Krise aussehen?

Mirabaud: Es wird zum Beispiel mehr Regulierung geben, doch hoffe ich, dass dieses Mal die Entscheidungen auf den richtigen Weg gehen: Das Regelwerk Basel II hat ja in der Vergangenheit den Grossbanken erlaubt, ihr Eigenkapital zu senken, und gleichzeitig von den kleinen Banken wie gefordert, viel mehr Eigenkapital zu halten. Doch wie sich jetzt herausgestellt hat, waren die Basel-II-Vorschriften dem Finanzmarkt nicht wirklich angepasst. Wir haben weniger Risiko und müssen höhere Auflagen erfüllen, während die grossen und riskanten Institute mit weniger Eigenkapital arbeiten dürfen. Ich hoffe, dass diese Fehler nicht nochmals gemacht werden. Die neuen Regeln sollten klug und nicht zu drastisch ausfallen. Denn das Bankgeschäft darf dadurch nicht zu sehr limitiert werden.