Nur wenige Wochen vor seinem Ausscheiden ist noch immer kein Nachfolger für Eugen Haltiner bestimmt. Es kursieren zwar einige Namen von möglichen Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Finanzmarktaufsicht, doch entschieden ist noch nichts.

Mit der Suche für den Nachfolger ist das Finanzdepartement betraut, unterstützt wird es vom Personalvermittler Egon Zehnder. Die Ausschreibung für die Stelle lief bis Ende Oktober. Gemäss Recherchen der «Handelszeitung» liegt das Dossier noch immer beim Finanzdepartement. Es stellt nun eine Liste mit einer Handvoll Kandidaten zusammen, die dem Bundesrat zum Entscheid vorgelegt wird. Die Zeit wird knapp: Gemäss Planung sollte die Auswahl dem Bundesrat bis Ende November vorliegen.

Grossbanken kennen aber nicht zu gut

Früher wäre ein so aufwendiger Suchprozess nicht denkbar gewesen. Der Präsident der Vorgängerorganisation Eidgenössische Bankenkommission sei quasi von den Grossbanken bestimmt worden, sagt ein Kenner des Finanzplatzes. Auch die Parteizugehörigkeit sei für die Wahl wichtig gewesen. Das Amt des Präsidenten sei zudem attraktiv für jene gewesen, die ihre Schäfchen bereits ins Trockene gebracht hatten und vor dem Ruhestand einen ruhigeren Arbeitsalltag suchten.

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Mit dem heutigen Stellenprofil hat dies nicht mehr viel gemein. Das Amt an der Spitze der Finanzmarktaufsicht verlangt seinem Inhaber sowohl fachlich als auch persönlich sehr viel ab. Vor allem gehört eine Portion Mut dazu. Oder wie es ein Finanzexperte formuliert: «Es muss jemand sein, der nichts mehr zu verlieren hat.» Denn der neue Finma-Präsident oder die Präsidentin sitzt auf einem heissen Stuhl.

Das zeigt sich an der Person von Haltiner: Er musste in seiner Amtszeit viel Kritik einstecken, besonders wegen seiner Nähe zu seiner ehemaligen Arbeitgeberin UBS. Deshalb ist für viele aus Politik und Finanzbranche klar, dass nicht nochmals ein Grossbankenvertreter in das Amt gehievt werden soll. Anders sieht dies FDP-Ständerat Rolf Schweiger: «Was nützt uns eine völlig unabhängige Person, die das Geschäft nicht versteht?», fragt er. Das Allerwichtigste sei, dass der Nachfolger etwas vom komplizierten Modell der Grossbanken verstehe. Dies streichen auch diejenigen heraus, die sich gegen einen Kandidaten aus einer Grossbank aussprechen. Dieses Dilemma könnte gelöst werden, indem ein Schweizer gewählt wird, der Karriere bei einer internationalen Grossbank im Ausland gemacht hat. Das Anforderungsprofil ist auch sonst sehr umfangreich. Gefragt sind vor allem Unabhängigkeit, Erfahrung und Sachverstand. Kaum eine Person kann jedoch alle Kritierien erfüllen. So sind zum Beispiel Finanzprofessoren eher neutral, haben aber häufig zu wenig Praxiserfahrung. Zudem ist das fachliche Spektrum, das die Finma abdeckt, sehr breit. «Das Wichtigste im Fachlichen ist ein hohes Verständnis für Risiken», sagt etwa Max Gsell, Verwaltungsrat verschiedener Firmen, der früher an der Spitze der Valiant und der RBA Holding stand. Der neue Präsident sollte Kenntnisse im Bankgeschäft haben und gleichzeitig unabhängig sein, sagt Thomas Sutter, Sprecher der Bankiervereinigung. Eine internationale Ausstrahlung und Vernetzung sei ebenso wichtig wie ein gutes Sensorium für die nationale Politik. Führungsstärke und Durchsetzungsvermögen würden das Profil abrunden. Für den Verband Schweizerischer Kantonalbanken ist unter anderem ein sicherer Auftritt in internationalen Organisationen wie auch ein gut entwickeltes Verständnis für den inländischen Retailmarkt wichtig, damit Regulierungen auch diesen Erfordernissen ausreichend Rechnung tragen.

Und auch die Versicherer haben ihre Wünsche: Laut Erich Walser, Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbands, sollte der neue Finma-Präsident die spezifischen Eigenheiten der Assekuranz- und Bankbranche kennen, international vernetzt sein, im In- und Ausland einen hervorragenden Ruf besitzen und einen Bezug zur Praxis haben. Zudem sollte er als glaubwürdiger Kommunikator den Dialog mit den Akteuren der Finanzbranche im In- und Ausland fördern.

Eine Frau mit guten Karten

Klar ist, dass wohl niemand von Anfang an alle diese Anforderungen erfüllen wird, sondern erst in die Aufgabe hineinwachsen muss. Als Wunschkandidaten fallen die Namen von Peter Siegenthaler, Präsident des Verbands der Schweizerischen Kantonalbanken, Wegelin-Teilhaber Konrad Hummler, Ivan Pictet bis vor Kurzem Senior-Teilhaber der Genfer Privatbank Pictet oder Sarasin-Verwaltungsratspräsident Christoph Ammann. Auch Banken- oder Rechtsprofessoren wie etwa Beat Bernet werden als mögliche Kandidaten genannt. Walter Knabenhans, Verwaltungsratspräsident der Bellevue Group, oder Finma-Vize Daniel Zuberbühler gehören ebenfalls zum Kreis. Doch aus dem Umfeld der beiden ist zu hören, dass sie sich nicht zur Verfügung stellen. Zuberbühler könnte aber zusammen mit Vizepräsidentin Monica Mächler als Übergangspräsident fungieren, bis der Nachfolger seinen Posten antritt. Als mögliche interne Nachfolgerin gilt Anne Héritier Lachat. Die Finma-Verwaltungsrätin ist assoziierte Professorin an der juristischen Fakultät der Universität Genf. Sie steht damit für Unabhängigkeit. Zudem wäre ein juristischer Hintergrund für den Posten von Vorteil. Einen ähnlichen Rucksack kann auch ihr Verwaltungsratskollege Jean-Baptiste Zufferey vorweisen (siehe Interview).

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Persönlichkeit spielt eine wichtige Rolle

Als potenzieller Nachfolger ins Spiel gebracht wurde auch Alfredo Gysi, Präsident des Verbands der Auslandbanken in der Schweiz. Der Chef der Tessiner Bank BSI gilt als geistiger Vater der Abgeltungssteuer. Er ist studierter Mathematiker. Als Physiker und Mathematiker kennt sich auch Paolo Vanini, Leiter des Bereichs Strukturierte Produkte der Zürcher Kantonalbank, mit Zahlen aus. Zuvor war er überdies im Risikomanagement tätig. Vanini, der offenbar vor allem für die Grossbanken ein valabler Kandidat ist, arbeitet parallel dazu am Swiss Banking Institute der Universität Zürich.

Schlechtere Karten haben dagegen generell Kandidaten aus dem Versicherungssektor, weil Finma-Geschäftsführer Patrick Raaflaub bereits aus der Assekuranzbranche stammt.

Neben fachlichen Qualifikationen spielen auch persönliche Fähigkeiten eine wichtige Rolle. «Der Nachfolger oder die Nachfolgerin sollte mit der Persönlichkeit überzeugen», sagt Martin Maurer, Geschäftsführer des Verbands der Auslandbanken in der Schweiz. Es gelte, vor allem den Vertretern der Grossbanken Paroli zu bieten und die richtigen Fragen zu stellen. Doch die meisten Kandidaten, die das anspruchsvolle Jobprofil erfüllen, stehen kaum zur Verfügung. Deshalb ist es so schwierig, die Stelle zu besetzen. Denn Lohn und Ansehen sind gemessen an den hohen Standards der globalisierten Finanzbranche niedrig, und die Kandidaten müssten ihre übrigen Mandate aufgeben. Das Amt des Finma-Präsidenten ist ein Vollzeitpensum mit einem Jahressalär von rund 300 000 Franken. In der Finanzbranche verdient diese Summe schon ein Mitarbeiter im mittleren oder oberen Kader einer mittelgrossen Bank und vielfach kommt dort ein Bonus obendrauf.

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«Eine bundesratsresistente Person»

Welche Fähigkeiten braucht der neue Finma-Präsident?

Hans Geiger: Der neue Präsident der Finma muss bundesratsresistent, fachkundig und von den Beaufsichtigten unabhängig sein. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin sollte eher aus dem Hintergrund agieren und der Geschäftsleitung den Auftritt nach aussen überlassen.

Also nicht jemand wie Eugen Haltiner?

Geiger: Eugen Haltiner hat als Präsident gute Arbeit geleistet. Ein grosser Fehler war jedoch, dass er sich bei der Herausgabe der UBS-Kundendaten durch die Finma von Bundesrat Hans-Rudolf Merz hat instrumentalisieren lassen.

Darf es ein Vertreter einer Grossbank sein?

Geiger: Nein, dies kommt nicht in Frage. Denn die Regelung der Grossbankenproblematik «too big to fail» gehört in nächster Zeit zu einer der wichtigsten Aufgaben des Präsidenten. Zudem darf der Neue aber die Aufsichtsaufgabe nicht politisch interpretieren.

Wer wäre Ihr Wunschkandidat?

Geiger: Am liebsten im Amt sähe ich Kantonalbankenpräsident Peter Siegenthaler oder Oliver Steimer, Präsident der Banque Cantonale Vaudoise. Gute interne Kandidaten wären aus der Geschäftsleitung Urs Zulauf oder aus dem Finma-Verwaltungsrat Rechtsprofessor Jean-Baptiste Zufferey. Alle Genannten sind starke Persönlichkeiten. Der Präsident muss Härte zeigen können vor allem gegenüber den Grossbanken.

Die Finma wird als zu zahnlos kritisiert.

Geiger: In meinem Gutachten zum Verhalten der Finma in der Finanzkrise bin ich zum Ergebnis gelangt, dass nicht die Polizisten, sondern die Regeln versagt haben. Das Problem ist, dass internationale Vorschriften wie Basel III völlig ungeeignet sind, die Banken zu regulieren. Sinnvolle Regeln, etwa eine maximale Verschuldungsquote, werden von der internationalen Bankenlobby Institute of International Finance torpediert.

Sollte sich die Finma weniger an den internationalen Regulierungen orientieren?

Geiger: Ja, denn für die Schweiz sind die Banken so wichtig, dass strengere Regeln notwendig sind. Finma, SNB und Finanzdepartement haben in der Krise einen sehr guten Job gemacht. Auch die jüngsten Vorschläge für die Grossbanken gelten international als vorbildlich.

Wo sehen Sie trotzdem Korrekturbedarf bei der Finma?

Geiger: Bei der Rollenverteilung von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung innerhalb der Finma. Ein anderer Punkt ist die absolute Unabhängigkeit von Regierung und Administration. Generell muss die Autorität der Behörde gestärkt werden. Den Respekt kann sich die Finma aber nur durch eine strikte Governance, durch konsequentes Arbeiten und einen selbstsicheren Auftritt nach aussen sichern.