Das kommt selten vor: Jack Ma höchstpersönlich hat eine ausgedehnte Werbetour durch die USA unternommen. In New York und Chicago versuchte der Gründer des chinesischen Internetriesen Alibaba, amerikanische Mittelständler zu überreden, künftig ihre Produkte auf seinen E-Commerce-Plattformen Taobao und Tmall in China anzubieten.

Dass er dabei noch viel Überzeugungsarbeit leisten muss, war im feinen Waldorf-Astoria-Hotel in New York zu beobachten. Dort wollte Ma von hochrangigen Geschäftsleuten wissen, wer überhaupt seine Waren in China vermarktet und wer das Land schon einmal bereist hat. Die Zahl der Meldungen war äusserst dürftig, nur wenige Finger streckten sich in die Höhe. Für den Multimilliardär ist das ein Anzeichen, wie stark China noch immer von Amerika unterschätzt wird.

Ma orientiert sich auch an westlichen Vorbildern

Er selbst wird längst nicht mehr unterschätzt. Gross geworden ist er mit der Handelsplattform Alibaba, die dem Konzern den Namen gab und über die in erster Linie Unternehmen Handel betreiben können. Ma orientiert sich bei all seinen Projekten auch an westlichen Vorbildern. Jetzt hat er einen neuen Plan: Nach dem Vorbild von Netflix soll in wenigen Wochen ein Videostreaming-Dienst starten. Er heisst Tmall Box Office, kurz TBO.

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Filme und Serien werden dann gegen eine Monatsgebühr via Internet abrufbar sein. Vor allem Kassenschlager aus dem Ausland sowie heimische Produktionen werden zu sehen sein. In Hollywood und anderswo sollen die Chinesen bereits auf Shoppingtour sein. Sie brauchen hochwertige Lizenzen, um Interesse zu wecken. Auf Dauer will TBO aber auch exklusive Filme und Serien produzieren, so wie es auch das US-Vorbild macht.

10 Prozent des Materials werden kostenfrei, 90 Prozent nur per Abo zu sehen sein. Damit verabschiedet sich Ma vom bisherigen Modell im Reich der Mitte, Videos gratis, jedoch unterbrochen von Werbeeinblendungen anzubieten. Der börsennotierte Marktführer Youku Tudou, von Alibaba bislang unterstützt, verfolgte dieses Modell. Youku Tudou schreibt mit seinem Gratismodell enorme Verluste, dies dürfte Ma zur Abkehr bewegt haben. Alibaba besitzt 18,5 Prozent an Youku Tudou.

Baidu hat fünf Millionen Abonnenten

Die Nummer zwei unter den Videoanbietern ist Iqiyi. Die Tochter des Suchmaschinenriesen Baidu köderte bereits fünf Millionen Abonnenten. Diese zahlen für das Premiumangebot umgerechnet 3.25 Dollar monatlich. Der Löwenanteil der Iqiyi-Zuschauer ist indes nicht bereit, ein Abo abzuschliessen. Dies zeigt: Der Markt für Bezahlangebote steckt noch in den Kinderschuhen.

Der Markt für Online-Videos ist nach Schätzungen des Shanghaier Internet-Beratungshauses iResearch 5,9 Milliarden Dollar gross. Eine Milliarde Zuschauer lässt sich theoretisch erreichen. Kenner warnen indes vor zu viel Euphorie, weil die Chinesen nicht gewohnt sind, für Videos zu bezahlen.

Vor Netflix an den Start

Dennoch möchte Ma den Anschluss nicht verpassen und vor allem vor Netflix in China an den Start gehen. Der 51-Jährige probiert ohnehin gern Neues aus. So bot er auf seiner Website testweise Kirschen aus Seattle an. Er war erstaunt, als 800'000 chinesische Familien innerhalb von 24 Stunden frische Kirschen bestellten. Auch ein anderer Versuch war ein Volltreffer: Hummer aus Kanada. «So viel Hummer, wie wir verkauften, kann Kanada vermutlich nicht in zehn Jahren verkaufen.»

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Ob Kirschen, Hummer oder bald Filme: Mas Internetplattformen sind eine Verkaufsmaschine, die angesichts der wachsenden Mittelschicht und neuer Angebote immer grösser wird. So hob Ali­baba kürzlich eine Internetbank aus der Taufe, die Mittelständlern und Konsumenten dienen soll. Das Angebot namens MyBank soll eine Anlaufstelle «für den kleinen Mann» sein.

Heiss auf Kleider der Stars

Ma hat Geduld. Wenn er ein neues Geschäft aufbaut, nimmt er sich 10 bis 20 Jahre Zeit. Das sagte er im «Waldorf Astoria» in New York. Von Rückschlägen in den Anfangsjahren lässt er sich nicht abschrecken. Selbst wenn das Internetfernsehen nicht sofort zur Gewinnmaschine werden sollte, würden sich Chancen bieten, betont er. So seien viele Chinesen ganz heiss auf Kleidung, die dem ähnelt, was die Stars tragen. In Verbindung mit den Filmen könnte so der Fernseher auch zum Shoppingportal werden.

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