Handelszeitung Online: Beim EU-Gipfel haben sich Italien und Spanien gegenüber Deutschland durchgesetzt. Werden diese Länder in Zukunft zusammen mit Frankreich den Kurs in der Eurozone bestimmen?

Tilmann Galler: Für die deutsche Bundeskanzlerin und ihren niederländischen Kollegen ist die Situation nicht einfacher geworden mit dem Regierungswechsel in Frankreich. Da hat der Gipfel schon ganz klar die Richtung vorgegeben, wie es um die Machtverteilung in Europa steht. Und so vollzieht die Politik das nach, was bei der EZB schon lange vorherrscht.

Etliche deutsche Ökonomen haben vor einer Vergemeinschaftung der Bankenschulden in Europa gewarnt. Zurecht?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man bleibt zusammen in der Eurozone und startet eine Transferunion mit einer gemeinsamen Fiskalpolitik. Oder man lässt es. Im Moment laufen alle Beschlüsse auf die erste Variante hinaus. Die mag für die deutschen Steuerzahler unangenehm sein. Denn sie bedeutet langfristige Anpassungsprozesse mit Transfers über vielleicht sechs oder sieben Jahre. Doch wenn der andere Weg beschritten wird und das System zusammenkracht, könnte das für Deutschland noch teurer werden.

Josef Ackermann hat kritisiert, in Europa gebe es zu viele staatlich gestützte Banken und man habe nicht wie in den USA schwache mit starken Instituten verschmolzen. Wäre das ein Weg für Europa?

Die USA, Grossbritannien oder Japan haben den Vorteil, dass sie kein Zahlungsbilanzproblem haben. Denn in Europa haben wir nicht im ersten Sinne eine Schuldenkrise, sondern eine Zahlungsbilanzkrise, also enorme Verwerfungen zwischen einzelnen Ländern. Zusätzlich leiden Europas Banken unter dem Nachteil, dass ihr Kredit-Einlagen-Verhältnis grösser ist als bei der Konkurrenz in den USA oder Japan. Das macht sie anfällig, sollte die Kapitalmarktfinanzierung austrocknen.

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Noch einmal: Wäre es sinnvoll, schwache mit starken Banken zu verschmelzen?

Es ist ein sekundäres Problem.

Tilmann Galler ist Executive Director bei JP Morgan Asset Management. (Bild: ZVG)

Was bedeutet die aktuelle Lage für die Anlagestrategie?

Die Eurozonenkrise, die schleppende Erholung in den USA und die eventuell harte Landung in China haben die Anleger eher verschreckt. Wir haben uns entschlossen, wieder etwas mehr Risiko zu suchen und haben unsere neutrale Position zwischen Aktien und Obligationen pro Aktien aufgestockt. Denn die risikobehafteten Anlageklassen sind auf langfristige Sicht gerade sehr billig und attraktiv, viel Ungemach ist schon eingepreist.

Was empfehlen sie als sichere und langfristige Anlage?

Wichtiger als je zuvor ist für Investoren, dass sie sehr breit aufgestellt sind. Durchaus mit einem gewissen Anteil an Staatsanleihen, aber auch mit Unternehmens- und Hochzinsanleihen. Und Aktien sind aus unserer Sicht auch langfristig attraktiv.

Wie sieht es mit Gold aus?

Gold ist mit Sicherheit eine der wichtigen Komponenten zur Diversifikation. Aber auch da gilt: Zuviel Gold im Portfolio bevorzugt nur ein weltwirtschaftliches Szenario, und zwar ein sehr negatives. Tritt das nicht ein, werden die Anleger feststellen, dass Gold keine Zinsen und keine Rendite abwirft.