Die «Too big to fail»-Problematik ist wieder in aller Munde. Weshalb?

Christian Fischer: Die expansive Geld­politik der Zentralbanken hat dafür gesorgt, dass Banken sehr günstig viel Geld zur Verfügung steht. Die Idee, Liquidität zur Verfügung zu stellen, war zwar gut − doch der Ansatz greift zu wenig weit.

Weshalb?
Viele Banken haben mit der ­Liquidität nicht Kredite vergeben und so die Wirtschaft gestützt, sondern Staatsanleihen gekauft. Die Finanzinstitute wussten ja, dass die Europäische Zentralbank solche Papiere aufkaufen wird. So konnten sie von der Zinsdifferenz profitieren. Es besteht daher für die Banken ein Anreiz, sich so zu positionieren, ­damit sie gar nicht mehr fallen gelassen werden können. Wenn eine Bank wie Unicredit 100 Milliarden Euro Staats­anleihen in der Bilanz führt, kann sie ­faktisch nicht untergehen.

Wie soll da denn die Trennung von Staat und Banken vonstattengehen?
Die Gewährung von Liquidität ist der erste Schritt zur Stabilisierung des Bankensystems. Weitere Massnahmen müssen erfolgen, werden in Europa ­jedoch nur zögerlich angegangen. Dazu gehören die Beschaffung von Eigen­kapital, die Bereinigung der Bilanz und die Stärkung der Ertragskraft.

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Christian Fischer, Partner Independent Credit View

Wo liegt das Problem?
Der Markt unterscheidet derzeit nicht mehr zwischen gut oder schlecht kapitalisierten Banken. Die EZB überdeckt mit ihren Massnahmen die Unterschiede. Sollte die grosszügige Liquiditätsversorgung aus dem Markt reduziert werden, wird die Differenz augenfälliger. Die schlechten Bonitäten werden dann höhere Risikoprämien bezahlen müssen.

Wie können Banken ihre Kapitalisierung verbessern?
Der Ansatz beim US-Banken­rettungsprogramm TARP zeigt einen radikalen, aber unserer Einschätzung nach ­richtigen Weg auf. Der Staat schiesst dabei Kapital ein und bestimmt, wann und ­unter welchen Bedingungen es zurück­bezahlt werden darf. Das Altlasten-Portefeuille muss in einem solchen Fall erst bereinigt und unrentable Geschäfte verkauft oder abgewickelt werden. Nur mit einer bereinigten Bilanz kann eine Bank wieder langfristig profitabel operieren.

Denken Sie, das ist realistisch?
Aus eigenem Antrieb wird eine Bank nie eine zu hohe Eigenkapitalbasis ausweisen. Entsprechend braucht es ein entschlossenes Eingreifen des Regulators bei Krisenbanken.

Es hat sich also noch nichts geändert?
Viele Banken spielen auf Zeit. Die angeschlagenen Finanzhäuser ­müssen die Bilanzen bereinigen und die ­Verluste hinnehmen. Wenn sie zu diesem Zeitpunkt eine ungenügende Eigenkapitalbasis aufweisen, führt dies unweigerlich zu Verlusten bei den Aktionären, den Obligationären und den Einlegern.

Wie stehen die Raiffeisen, Credit Suisse und UBS im internationalen Vergleich da?
In unserer diesjährigen Bankenstudie schneiden sie im vorderen Drittel ab. Die Qualität des Kreditportfolios ist bei allen noch intakt.

In welche Bonds würden Sie investieren?
Raiffeisen und CS haben wir mit einem A+, UBS mit einem A bewertet. Die Bonität ist also bei allen gegeben. Aus ­Risiko-Rendite-Überlegungen erachten wir die Raiffeisen als am wenigsten attraktiv.

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Welche Banken sind für Anleger attraktiv?
Ein Anleger muss sich überlegen, wo er als Investor für das eingegangene Risiko angemessen entschädigt wird. Wenn man Sicherheit sucht, dann sind Banken in den nordischen Staaten oder Nordamerika interessant. Wer eine hohe Rendite will, findet eher in den Schwellenländern interessante Banken. Wer noch mehr Risiken eingehen möchte, kann in gut aufgestellte spanische Banken wie Santander und BBVA oder russische Institute wie Sberbank investieren.