«Vorsichtig optimistisch», so äussern sich Bankanalysten meist zum weiteren Verlauf an den Finanzmärkten. Zurzeit sind die meisten von ihnen nur noch «vorsichtig». Der Markt hat vergangene Woche in den «Risk off»-Modus gewechselt – risikoreiche Anlagen, sprich Aktien, werden gemieden. Als Folge kam es zu teilweise deutlichen Kursverlusten an den Börsen in New York, London und Frankfurt. Das Hoch des Schweizer Leitindex SMI von 2007 rückte ebenfalls wieder in die Ferne.

Die «Vorsicht» wird hauptsächlich mit der Abwertung der chinesischen Währung Yuan begründet respektive einem drohenden weltweiten Währungsabwertungswettlauf, besser bekannt als «Race to the bottom». Es scheint, als hätten die Interventionen der Regierung die Erinnerung an eine mögliche harte Landung Chinas lebendig werden lassen.

Auch USA mit Negativ-News

Negativnachrichten kommen auch aus den USA. Die Stimmung unter den Anlegern ist gemäss der wöchentlich erhobenen Befragung der American Association of Individual Investors (AAII) auf ein Mehrjahrestief gesunken. Die sechs Jahre dauernde Rally der jüngeren Börsengeschichte scheint den Höhepunkt überschritten zu haben. Stimmen, welche eine Fortsetzung der Korrektur in den kommenden Monaten erwarten, werden lauter.

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Allerdings gilt: Märkte neigen zu irrationalem Überschwang, im Positiven wie im Negativen. Analysten von J.P. Morgan haben festgestellt, dass die Investorenstimmung der AAII in der Vergangenheit ein Kontra-Indikator für den US-Aktienmarkt war. Immer wenn 70 Prozent oder mehr der Befragten dem Aktienmarkt gegenüber negativ eingestellt waren, stieg der S&P 500 in den kommenden 12 Monaten um mehr als ein Fünftel.

Diese Erkenntnis ist auch für Schweizer Anleger relevant, denn der US-Aktienmarkt bleibt für die europäischen Börsen Taktgeber. Der Blick zurück auf die vergangenen 18 Monate lässt erkennen, dass es jeweils ein guter Einstiegszeitpunkt für den hiesigen Aktienmarkt war, wenn die Verunsicherung stieg. Etwa bei den deutlichen Abgaben im Herbst 2014. Damals fiel der SMI in die Region von 8000 Punkten, bis im Dezember bäumte sich der Index indes erneut auf mehr als 9200 Zähler auf.

Ein jüngeres Beispiel: Die unerwartete Aufhebung der Frankenkurs-Untergrenze zum Euro am 15. Januar dieses Jahres seitens der SNB liess den Leitindex sogar auf unter 8000 Punkte absacken. Das waren rückblickend betrachtet beide Male Kaufgelegenheiten.

Zurück in die Gegenwart – zur chinesischen Grippe, die die internationalen Börsen mit Kursverlusten ansteckt: Nicht nur der Yuan sorgt für Unbehangen, auch die Höhe und die Akkuratheit der Konjunkturdaten werden angezweifelt.

Bereits in den Nullerjahren trauten Analysten den offiziellen Zahlen nicht und bastelten alternative Indikatoren, um die wirtschaftliche Potenz des Reiches zu messen. Das trieb mitunter seltsame Blüten: So wurden etwa mit Hilfe von «Google Earth» Hafenkapazitäten und -auslastung zu bestimmen versucht. Unabhängig von den beobachteten Datenreihen sind sich die meisten Marktbeobachter einig, dass der Wirtschaftsboom in China seinen Höhepunkt bereits vor Jahren überschritten hat und nicht erst in den letzten paar Wochen.

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Tiefer Ölpreis ist Stimulus-Programm

Sorgenfalten bereiten Investoren auch noch die sehr tiefen und wohl noch weiter fallenden Energiepreise. Doch hier wird ebenfalls etwas übersehen: Die Rohölpreisentwicklung taugt derzeit nicht als Gradmesser für den weltwirtschaftlichen Zustand. Die Preisfindung werde mehr durch strukturelle Faktoren und politische Ereignisse bestimmt und sei nicht Ausdruck einer «harten Landung» in China oder einer sich abschwächenden globalen Konjunkturdynamik, urteilt etwa die Vermögensverwaltungsboutique Bantleon. Die tiefen Energiepreise würden vielmehr wie ein umfangreiches Stimulus-Programm wirken, das die Realeinkommen der Unternehmen und Haushalte weltweit erhöht und so den wirtschaftlichen Aufschwung beflügelt.

Vor diesem Hintergrund könnte das leicht gesunkene Kursniveau an der Schweizer Börse erneut eine attraktive Einstiegsgelegenheit darstellen. Die Börse honoriert grundsätzlich Unternehmen mit hohem Cashflow, defensiven Geschäftsmodellen und soliden Dividendenrenditen. Diese Kriterien dürften in den nächsten Monaten von den Investoren noch stärker als üblich gewichtet werden. Besonders dann, wenn der Konsens recht behält und die Schwankungsbreite an den Finanzmärkten zunimmt. Mehr denn je dürften Aktien «bester Qualität» gefragt sein. Dazu zählen selbstverständlich auch die Papiere von Nestlé und Roche. Novartis schaffte es stellvertretend für die grossen drei des SMI in die Auswahl der Aktienfavoriten der «Handelszeitung».

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Bank-Aktien könnten enttäuschen

Bankwerte wie UBS, Credit Suisse oder die kleinere Vontobel befinden sich ebenfalls in bemerkenswerter Verfassung. Das zeigen auch die Aktienkursentwicklungen seit Jahresbeginn deutlich. Zu den gegenüber dem Sektor gehandelten Prämien scheint das Enttäuschungspotenzial allerdings grösser zu werden. Das dürfte auf den Börsenüberflieger Leonteq in einem noch höheren Mass zutreffen.

Vielversprechender scheinen Unternehmen zu sein, die sich in forgeschrittenen Transformationsprozessen befinden, wie es beispielsweise auf Logitech oder Schindler zutrifft, oder die wegen der Exponiertheit zum chinesischen Markt zu einem Abschlag gehandelt werden. An schwachen Tagen sind Swatch Group und Richemont ebenfalls kaufenswert, auch wenn die beiden Unternehmen in unserer Auswahl nicht vertreten sind.

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Märkte wechseln den Modus mitunter sehr rasch von «Risk off» zu «Risk on». Mutig Positionen in unruhigen Börsenzeiten aufzubauen, war in der Vergangenheit eine erfolgreiche Strategie, und das dürfte auch in Zukunft so bleiben. Denn wer nie dabei ist, wenn die Märkte fallen, ist auch nie dabei, wenn die Märkte steigen.