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Börseninterview
«Vom Ende des Handelsstreits profitiert vor allem Europa»

Handelsstreit China USA Xi Trump
China vs. USA: Xi Jinping und Donald Trump suchten immer wieder eine Einigung im Handelskonflikt.Quelle: Copyright 2018 The Associated Press. All rights reserved

JP-Morgan-Experte Tilmann Galler erklärt, wo die Rezessionsgefahr am höchsten ist und warum die Margen der Techkonzerne unter Druck geraten.

Von Marc Bürgi
am 24.03.2019

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Tilmann Galler*: Wir sind in das neue Jahr gestartet mit der Hypothek kräftiger Kursverluste am Aktienmarkt und eines sich verschlechternden ökonomischen Ausblicks. Doch die Aktienmärkte haben die dynamischste Erholung seit 1987 gestartet. Die Treibsätze der Rally: Eindeckungen von Leerverkäufen, Fortschritte in den amerikanisch-chinesischen Handelskonsultationen und insbesondere die Ankündigung der US-Notenbank, die Leitzinsen vorerst nicht weiter zu erhöhen.

Erholt sich die Konjunktur wieder?
Anzeichen für eine Erholung in der Konjunktur haben wir jedoch bisher noch nicht gesehen. Die Rezessionsrisiken halten wir dennoch für überschaubar. Die US-Wirtschaft wird mit dem Auslaufen des Fiskalstimulus, den hohen Lagerbeständen und einer Normalisierung der Investitionen in den kommenden Quartalen zu kämpfen haben, aber ein anhaltend stabiler Arbeitsmarkt wird die Konsumnachfrage stützen weshalb wir unterm Strich für 2019 zwar ein schwächeres Wachstum, aber keine Rezession erwarten. Kritischer ist die Lage in Europa.

Das heisst?
Für die Überwindung der aktuellen Vertrauenskrise benötigt der Kontinent neben der Vermeidung eines harten Brexit die Hilfe von aussen. Eine Deeskalation im Handelsstreit und eine Belebung der Nachfrage in den Emerging Markets würde Europa helfen eine Rezession zu vermeiden. Der Fiskalmassnahmen und die monetäre Lockerung in China lassen dies für die zweite Jahreshälfte durchaus wahrscheinlich werden.

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TilmannGallerBoerseninterviewJPMorgan
*Tilmann Galler arbeitet als globaler Kapitalmarktstratege für die deutschsprachigen Länder bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Er ist Teil des globalen «Market Insights»-Teams, das auf Basis von umfangreichem Research für institutionelle und Retail-Kunden Informationen rund um die globalen Volkswirtschaften und Kapitalmärkte erstellt, analysiert und Implikationen für die Investmentstrategien ableitet. In dieser Funktion ist er auch Ansprechpartner für die Fach- und Wirtschaftspresse.
Quelle: ZVG

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
An den Aktienmärkten sehen wir zur Zeit ein recht ungewöhnliches Phänomen. Während die Kurse steigen fallen gleichzeitig die Gewinnerwartungen für 2019. Der Schweizer Aktienmarkt bildet da keine Ausnahme. Während noch im Dezember erwartet wurde, dass die Unternehmensgewinne im aktuellen Kalenderjahr um 10 Prozent steigen, liegen wir aktuell nur noch bei knapp 6 Prozent. Die Bewertung des Aktienmarkts ist entsprechend teurer geworden. Für eine nachhaltige Fortsetzung der Rally sollten wir entsprechend erst ein Ende der negativen Gewinnrevisionen sehen. Die zweite Jahreshälfte könnte dafür prädestiniert sein, sollte es den Chinesen gelingen ihr Wirtschaftswachstum zu stabilisieren.

Premierministerin Theresa May möchte den Brexit verschieben. Was würde ein späterer Termin für den EU-Austritt Grossbritanniens für die Wirtschaft auf der Insel bedeuten?
Während eine Verschiebung des Brexit für die Wirtschaft immer noch besser ist als ein unkontrolliertes ausscheiden, bedeutet die Verschiebung eine Verlängerung der aktuellen Verunsicherung in fast allen Bereichen der Wirtschaft. Die Investitionsbereitschaft der Industrie wird solange niedrig bleiben bis endlich Klarheit über die weiteren rechtlichen Rahmenbedingungen herrscht. Auch bei der Fiskalpolitik wird es solange keine zusätzlichen Impulse für die Wirtschaft geben können bis die endgültige «Scheidungssumme» geklärt ist. Der Trend des verlangsamenden Wachstums der letzten Quartale wird sich in diesem Fall vorerst fortsetzen.

Im Handelsstreit zwischen den USA und China steht möglicherweise ein Durchbruch bevor. Was hätte ein Deal für wirtschaftliche Auswirkungen – und würde eine Einigung den Konflikt wirklich beenden?
Der Handelsstreit hat erheblich zur weltweiten Schwäche im verarbeitenden Gewerbe beigetragen. Ein Durchbruch bei den Verhandlungen würde zu einer Belebung der Exporttätigkeit und in der Industrie führen. Besonders die Volkswirtschaften in Asien und Europa sollten davon profitieren. Die Differenzen zwischen den beiden Ländern sind jedoch so tiefgreifend, dass eine umfassende Beendigung des Konflikts eher unwahrscheinlich ist.

Den US-Techkonzernen droht in Europa und in den USA eine stärkere Regulierung. US-Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren will die Techgiganten gar zerschlagen. Stoppt dieser Gegenwind aus der Politik der Höhenflug von Amazon, Google und Facebook an den Börsen?
Die Profitabilität und die Marktmacht der grossen Techkonzerne wird in den kommenden Jahren verstärkt die Aufmerksamkeit der Wettbewerbsbehörden auf sich ziehen. Diese Entwicklung wird nach unserer Einschätzung wohl unabhängig davon sein welche Partei das Weisse Haus innehat. Aus Sicht der Investoren hat das zur Folge, dass die teilweise hohen Gewinnmargen in der Branche mittelfristig unter Druck geraten werden. 

Griechenland galt lange als Sorgenkind der Eurozone. Welches Mitglied der Währungsunion hat derzeit die grössten wirtschaftlichen Schwierigkeiten?
Italien hat zur Zeit die grössten Schwierigkeiten in der Eurozone. Die Folgen des Budgetstreits sind immer noch gegenwärtig. Die Finanzierungskosten für den italienischen Staat und die Unternehmen sind deutlich angestiegen, die Stimmung in der Industrie hat sich rapide verschlechtert und die Wirtschaft befindet sich in einer Rezession. Die EZB hat zumindest mit der Ankündigung des TLTRO III die Gefahr einer Ausbreitung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den italienischen Bankensektor gemindert. Den Banken bleiben damit kurzfristig deutlich höhere Refinanzierungskosten erspart. Sollte die italienische Regierung nicht in der Lage sein Strukturreformen zu implementieren, wird Italien auf absehbare Zeit das schwächste Glied des Währungsraums bleiben.