Der Vertrauensschwund ist enorm», sagt Daniel Manser, Geschäftsleiter bei Derivative Partners. Die Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers hat am Derivatemarkt hohe Wellen geworfen. Das wirkt sich auch auf die Nachfrage nach den strukturierten Produkten aus: «Die Investoren stehen derzeit auf der Seitenlinie», beschreibt Eric Wasescha, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP), die Lage. Die September-Zahlen zum Umsatz der strukturierten Produkte zeichneten zwar ein anderes Bild: 45% mehr Umsatz als in der Vorjahresperiode verzeichneten die kotierten Derivate. «Der Hebel-Bereich ist sehr aktiv», erklärt Manser den erstaunlichen Umsatzzuwachs.

Verkauf von Volatilität attraktiv

Trader versuchen in den Zeiten hoher Volatilität ihr Glück ? und generieren so immense Volumen. Das Geschäft mit den Warrants ? wenn nicht zur Absicherung ? ist hoch spekulativ. Abgesehen von den risikoreichen Warrants herrscht im Derivatemarkt jedoch Flaute. Nachfrage sieht Wasescha allenfalls noch bei den Cash-Market-Alternativen. Auch Kapitalschutzprodukte, welche einen Zins über dem Marktzinssatz abwerfen, würden noch gekauft. Maurice Picard von Picard Angst beobachtet ein verstärktes Interesse an Produkten mit Gold als Basiswert.

Dabei wäre eine Investition in Renditeoptimierungsprodukte derzeit lohnend: «Barrier Reverse Convertibles bieten jetzt traumhafte Coupons», so Wasescha. Auch für Discount-Zertifikate sind die Bedingungen günstig. Grund dafür sind die hohen Volatilitäten ? der Verkauf von Volatilität ist attraktiv. «Es werden Produkte massiv unter ihrem fairen Wert angeboten», so Manser. Wasescha ist überzeugt, dass «sachliche und vernünftige» Investoren die Chancen erkennen werden. Ob sich die breite Masse von den günstigen Konditionen zu einer Investition in die jüngst in Verruf geratenen Barrier Reverse Convertibles hinreissen lässt, wird sich zeigen. Auch die Diskussion rund um die Entschädigung von Kunden, die Lehman-Produkte in ihrem Depot hatten, ist alles andere als vertrauensfördernd. So wurden etwa Stimmen laut, welche die Beratung der Banken anprangerten. Sie seien nicht adäquat über das Risiko der vermeintlich kapitalgeschützten strukturierten Produkte aufgeklärt worden, so der Vorwurf der «Lehman-Opfer». Die Experten wiegeln ab. Wasescha weist darauf hin, dass es gesetzlich vorgeschrieben ist, das Rating des Schuldners im Termsheet festzuhalten. Er appelliert auch an die Eigenverantwortung der Anleger. Auch Manser spricht von einer «gewissen Tendenz zur Vergesslichkeit», die Investoren zeitweise an den Tag legten, wenn es darum geht, sich an die Warnungen des Anlageberaters zu erinnern. Dennoch sieht er auch bei diesen vermehrt Schulungsbedarf, was strukturierte Produkte angeht. «Die Banken sind sich bewusst geworden, dass der eine oder andere Kundenberater nicht so gut ausgebildet ist wie gedacht.» So denken wohl auch die Banken selbst: Wie eine Studie der Universität Zürich ergeben hat, wollen 70% der befragten Banken strukturierte Produkte in der Aus- und Weiterbildung in Zukunft stärker gewichten.

Anzeige

 

 

NACHGEFRAGT paolo vanini, Chief Financial Engineer bei der ZKB


«Recht auf Red und Antwort»

Seit kurzem sind Sie Vizepräsident des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP). Was wollen Sie in Ihrem neuen Amt erreichen? Paolo Vanini: Ich erarbeite derzeit eine Risikoklassifikation für strukturierte Produkte ? im Dezember können wir Details kommunizieren. So viel vorneweg: Es handelt sich nicht um den Value-at-risk-Ansatz, der zeigt, wie riskant ein Derivat ist. Anderseits werde ich mich einsetzen für eine verständlichere Sprache. Die Industrie hat eine verzerrte Wahrnehmung, was die Leute verstehen und was nicht. Welche Folgen wird der Lehman-Konkurs noch für die Industrie haben?

Vanini: Die Branche wird darauf reagieren müssen. Dieses Ereignis hat zu einem Vertrauensbruch bei vielen Anlegern geführt, weil etwas eingetreten ist, das niemand erwartet hat. Wenn ein Risiko nie eintritt, besteht die Gefahr, dass es vergessen wird. Oft sind aber gerade diese Risiken die gefährlichsten.

Erwarten Sie viele Besucher an der Messe für Strukturierte Produkte?

Vanini: Ich glaube, es werden schon Leute kommen. Aber es wird andere Diskussionen geben als letztes Jahr, die Ratlosigkeit bei den Anlegern ist gross. Wie weiter, werden sich viele fragen. Es werden wohl auch Leute kommen, die wütend sind und Red und Antwort suchen. Das ist auch ihr gutes Recht.